Fußball-Nationalismus

Seit die EM angefangen hat, gab es wohl keinen Tag, an dem man nicht mit dem Thema Fußball konfrontiert wurde. Was für Fußball-Hasser (wie mich) zuerst einfach nur nervig ist, wird mit der Zeit auch zu einer aggressiven nationalistischen Grundhaltung der Fans. So wird erwartet, dass man sich mit „seinem“ Land identifiziert und ein Interesse daran besteht, dieses als Sieger zu sehen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass nicht gerade wenige Fans sogar wütend und aggressiv werden, wenn man als Landsmann dennoch für die „gegnerische“ Mannschaft ist oder kein Interesse daran zeigt.

Das Feiern ist dabei nichts anderes als ein Moment der großen nationalen Einheit, in der sogar nur Sympathien für andere Gruppen oder das Desinteresse am Kollektiv schon als Verrat an der Gemeinschaft gedeutet wird. Dieses Gefühl überflügelt sogar die Ansprüche der kapitalistischen Logik und Unternehmer, Lehrer, Arbeitskollegen, sie alle akzeptieren Müdigkeit und fehlende Leistungsbereitschaft, da man ja am Vortag durch das Einschalten und Mitfiebern nur seinen großen Dienst an der Nation tat. Dem Individuum vor dem Fernseher ist nicht einmal wirklich klar, dass er für das Spiel keinen Beitrag leistet, seine Freude irrelevanter nicht sein könnte und seine Trauer höchstens den Effekt hat, dass sie einigen Fußball-Hassern den Tag versüßt. Trotzdem gilt es als Bekenntnis der Nation und wird wie ein Grundbedürfnis behandelt, es stellt sogar ein solches dar. Durch das Gemeinschaftsgefühl und die allseitige Anerkennung des Zujubelns als eine Leistung werden diejenigen in der Gesellschaft, die eigentlich nichts leisten und damit dem sozialen Anspruch nicht genügen, zu nützlichen Mitgliedern des Kollektivs, sie verlieren damit ihre eigene Identität und werden zu denen, die auf dem Platz etwas leisten.

Durch die Adaption von Leistungen der Sportler durch die Zuschauer wird die ganze Nation (in deren Augen auch nur diejenigen dazugehören, die sich freiwillig das Spektakel antun) zu der einen Gruppe auf dem Platz. Die Aggression gegen andere kommt daher, dass es tatsächlich als eigener Kampf wahrgenommen wird. Denn wenn sich das Individuum vor dem Bildschirm auflöst und Teil der Mannschaft wird, so befindet es sich auch im direkten Wettstreit. Gleichzeitig aber wird der rein sportliche Siegeswille aber noch um die nationalistische Komponente erweitert, man verteidigt nicht die eigene, sondern die Ehre des Kollektivs, ist dabei aber befreit von individueller Ethik. Aus diesem Mix resultiert Aggression und Größenwahn. Fußball-Fans, die einen Sieg „ihrer“ Mannschaft gesehen haben (beigetragen haben sie ja nichts und vermutlich könnte auch keiner in der Realität einigermaßen mithalten), zeigen einen Chauvinismus, der sich für gewöhnlich auf eigene Leistung gründet, die Art der Arroganz eines Akademikers gegenüber einem Arbeitslosen mit Hauptschulabschluss. Natürlich trifft das nicht auf alle zu, es soll tatsächlich Menschen geben, die Fußball unterhaltend finden (den Unterton muss man nicht ernstnehmen) und die nach einem Sieg keinen Anlass sehen, die „Verlierer“ weiter zu demütigen, nur leider sind sie die Minderheit. Die Mehrheit stellt die kollektivistisch-nationalistische Gruppe, die die EM als Dienst am Vaterland betrachtet.

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Die falschen Freunde Israels

Die neue Rechte, die sich als patriotisch und ethnopluralistisch versteht (ein Euphemismus für „Rassenhygiene“), bekennt sich in nicht unerheblichen Teilen als pro-israelisch, besonders die stark antimuslimisch und rassistisch ausgerichteten Aktivisten. Ihre angebliche Freundschaft zu Juden ist aber mehr Produkt der Selbstvergewisserung, kein „Nazi“ sein zu wollen, als wirkliche Kritik des Antisemitismus. Eine kurze Beschreibung des Auftritts eines Israeli bei Pegida auf der rechtspopulistischen Seite PI-News zeigt dabei vor allem die Bestrebung, sich von der eigenen Geschichte reinwaschen zu wollen. [1] Um ihr eigenes Selbstbild zu stärken, zitieren sie folgenden Teil aus der Rede von Dr. Rotem Avituv:

„Ich bin Jude, meine Familie lebte 700 Jahre in Deutschland und ich sage euch, ich sehe hier keine Nazis. Die Nazis sind die Linken. Hier sehe ich nur Patrioten, die dieses Land lieben und es schützen wollen vor dem Islam, der Deutschland übernehmen will, eure Traditionen, euren Glauben, … aber wir werden das nicht zulassen. Wir sind Deutsche, wir sind stolz auf unser Erbe, wir haben ein schönes Land.“ Und er sagt: „Wir vergeben euch.““

Bei sehr rechtslastigen Bewegungen fällt auf, dass sie sich schon als Nazi diskriminiert fühlen, bevor irgendjemand etwas sagen konnte. Die Parallele zum NS ist vermutlich schon darum unangenehm, weil sie das makellose Deutschlandbild der Patrioten beschmutzt. Sie wollen den NS nicht als Teil der deutschen Geschichte. Nicht weil sie ihn schlimm fanden, eher, weil er nicht erfolgreich war. Um sich distanzieren zu können wird die Solidarität mit den früheren Feinden vor sich als Monstranz hergetragen, die jüdischen Israelis werden dadurch zum Objekt der Befreiung von Schuld.

Natürlich lösen sich Ressentiments nicht in Luft auf. Sie zeigen sich nur in neuer Form, wie dem Antiamerikanismus, besonders aber einem irrationalen Ressentiment gegen die Politik, die für sie durchweg von Korruption und hinterlistigen Verschwörungen beherrscht ist. Die Auflistung der Eigenschaften der Politiker ähnelt dabei dem klassischen Antisemitismus, Gier, Unehrlichkeit, Hinterlist. Sie paktieren mit dem Großkapital, um dem „deutschen Volk“ zu schaden und es zu schwächen. Ebenso werden auch die Medien regelmäßig als Schuldige benannt, die die Katastrophen und Krisen der Gegenwart verschleiern und mit den Eliten zusammenarbeiten.

Während sich vor allem die extreme Rechte sehr stark gegen Israel und die USA richtet, müssen diese Elemente beim bürgerlichen Rechtspopulismus nicht mehr gegeben sein. Dieser wahrt sein bürgerlich-demokratisches Profil und neigt wegen seiner demokratischen Gesinnung automatisch zur Verneinung des Individuums. [2] Also werden auch die Juden zu einem Kollektiv. Eine Gruppe von Menschen, die auch als Kollektiv angegriffen wird, muss in deren Augen auch eine einheitliche Meinung zur richtigen Lösung und Antwort auf diese Angriffe haben.

Die freundschaftlichen Bande zu den Juden und Israel bekommen aber sehr schnell Risse, wenn bspw. der Zentralrat der Juden Entscheidungen trifft, die nicht dem Weltbild rechtspopulistischer oder rechtsradikaler Fanatiker entsprechen, oder diesem sogar klar widersprechen. Wer sich von den verbalen Entgleisungen der „besorgten Bürger“ eine kleine Geschmacksprobe antun möchte, der kann unter diesem ausgezeichnet recherchierten und beneidenswert neutral formulierten kleinen Text die Kommentare durchlesen. [3] (Zur Erinnerung, das sind die Menschen, die von der „Lügenpresse“ objektivere Berichte fordern)

Dort schreibt auch eine Person, die mit einem beneidenswerten fehlenden Wissen gesegnet ist und sich dabei amüsanterweise „Kulturhistoriker“ nennt:

„Was machen die juden, wenn es eines tages/bald kein
deutsches Volk
mehr gibt?“ (Ohne Korrekturen übernommen)

Wieder offenbart sich das Selbstbild der radikalen Rechten. Sie halten sich für den Stern am Himmel der Zivilisation und gehen davon aus, dass die Europäer kultiviert sind. Das deutsche Volk sei das Einzige, dass die Juden schützen könne, ohne Deutschland wären sie hilflos (wie uns die Geschichte lehrt). Das Judentum und Israel sind für sie nicht mehr als Projektionsfläche, mit deren Hilfe sie die Nationalsozialisten aus dem Rechtsradikalen ausschließen, um sich für deren Taten nicht mehr rechtfertigen zu müssen.

 

[1] http://www.pi-news.net/2015/01/httpwww-pi-news-netp445629/

[2] Demokratie und Nationalismus

[3] http://www.pi-news.net/2015/06/zentralrat-der-juden-ehrt-gruenen-paederastenfreund-volker-beck/

Libertäre Staatskritik und Verschwörungstheorien

Auch wenn ich mich selbst als libertär definiere, kann ich dennoch nicht jede Staatskritik, eher Staatsdämonisierung stehen lassen. Gerade die rechtslibertäre Szene neigt zu einer Weltbildreduktion, die im Staat nicht nur das sieht, was er ist, ein Gewaltmonopol, dass gesellschaftliche Konventionen festschreibt und deren Einhaltung erzwingt. Oliver Janich dürfte hierbei vermutlich jedem ein Begriff sein, der sich mit der Verschwörungsszene und deren Theorien auskennt, als populärster Rechtslibertärer Deutschlands kann man ihn auch für die Analyse heranziehen. Hierzu ein Artikel über die noch aktuellen Anschläge in Brüssel:

„Die Anschläge in Belgien waren auf jeden Fall Terror unter falscher Flagge, schon alleine aus diesem Grund:

Ohne die hochkriminelle Politik hätten sie gar nicht stattgefunden. Selbst wenn ausnahmsweise echte Terroristen die Anschläge durchgeführt hätten, so sind sie von der Machtelite bewusst herbeigeführt worden.

Wenn die Elite mit Frau Merkel als ihrer obersten Dienerin tausende von IS-Kämpfern nach Europa schleust, indem man nicht einmal mehr die Papiere kontrolliert, sind solche Anschläge die logische und unvermeidbare Folge.

Die Bevölkerung soll in Angst und Schrecken versetzt werden, damit sie einen totalitären Überwachungsstaat, die sogenannte Neue Weltordnung akzeptiert.“

– Oliver Janich; Brüssel: Terror unter falscher Flagge [1] –

Die äußerst inkonsistente Begründung bleibt wage, die Vorwürfe werden auch nicht näher beleuchtet. Die Theorie der gelenkten Flüchtlinge habe ich auch schon in einem anderen Text behandelt und bin der Meinung, sie damit widerlegt zu haben. [2] Mangelnde Kontrolle ist auch eher auf die Überforderung der Grenzbehörden mit der schieren Größe der Menge der Flüchtlinge zurückzuführen als auf heimliche Pläne der Machteliten. Durch die Wortwahl verrät Janich aber sein äußerst unkomplexes Weltbild. Selbst wenn der Staat nicht dahintersteht, ist er dennoch schuldig. Ähnlich wie radikale Kommunisten jeden gesellschaftlichen Missstand auf den Kapitalismus reduzieren, reduzieren viele Libertäre jeden Missstand auf den staatlichen Eingriff in den freien Markt.

In meinem vorigen Text analysierte ich den Nutzen, den Regierungen aus Anschlägen und Terror ziehen können. [3] Dieser ist nicht wegzudiskutieren. Doch findet sich hier der typische Fehler der meisten Verschwörungstheoretiker, das typische Cui-Bono. Wer profitiert, der ist auch Urheber, selbst wenn er es gar nicht gewesen sein konnte. Diese Analyse schließt Fehler vollkommen aus. Auch wenn eine Seite, in dem Fall der Staat, besser organisiert ist, kann ein weniger professioneller Gegner dennoch diesen überlisten. Um das in eine Analogie zu verpacken: Wenn ich als begeisterter Schachspieler gegen einen Großmeister spiele, würde ich für gewöhnlich immer verlieren. Allerdings gibt es Spiele, bei denen ein Spieler gegen mehrere gleichzeitig spielt, so wie der Staat viele Bedrohungen abwehren muss. Unter diesen Bedingungen kann mein Gegner durchaus einen Fehler machen, da er viele Spiele hintereinander analysieren muss. So kann dann doch ein Gewinn für den Underdog folgen.

Libertäre sehen meist im Staat nicht nur das, was er nicht ist, sondern eine Personifizierung eines Dämons. Er erscheint allwissend, bewusst böse und durchweg hinterhältig. Die Fehler des Staates werden dabei wieder nicht aus dem Wesen der Institutionen abgeleitet, sondern wieder vermenschlicht und biologisiert. So kommt auch die regelmäßige Vermischung von okkulter Symbolik, Verschwörungstheorien, antistaatlicher Paranoia und antisemitischen Elementen:

„Wenn man weiss, dass die Elite von Numerologie besessen ist, dann ergeben sich schon aus dem Datum erste Hinweise. 3/22, wie das Datum im Amerikanischen geschrieben wird, sind beispielsweise die Zahlen der Geheimgesellschaft Skull & Bones. Die Quersumme ergibt Sieben, die des gesamten Datums (2016/3/22) ergibt 16, also auch wieder die Sieben. Die Zahl Sieben ist ja laut IWF-Chefin Lagarde eine „magische Nummer“. Eine Bombe in der Metro soll nach ersten Berichten um 9 Uhr 11 (also 9/11) hochgegangen sein.“

„Ich bin aber relativ sicher, dass wir in den kommenden Tagen noch Hinweise auf eine False Flag-Aktion sehen werden. Konsultiert dazu bitte die einschlägigen Truther-Seiten und prüft die Quellen auf Plausibilität.“[1]

Was sich hier noch kritisch nennt, zeigt nur, dass man schon gar nicht mehr nach anderen Schuldigen sucht. Angebliche Beweise werden zuerst präsentiert, daraufhin zwischen den Zeilen zugegeben, dass es nicht im Ansatz irgendetwas beweist, aber sicher bald Belege für die schon lange gefasst Meinung gefunden werden. Selbst wenn es sich als False-Flag herausstellt, ist damit vielleicht ihre Aussage belegt, widerlegt ist aber die Selbstbezeichnung als journalistisch und skeptisch.

 

 

[1] http://www.oliverjanich.de/bruessel-terror-unter-falscher-flagge

[2] Die Theorie der gelenkten Flüchtlinge

[3] Der “Nutzen” des Terrors

Ritalin-Kritik

Abseits der Ideologiekritik gibt es viele Verschwörungstheorien, denen man nicht mit logischer Kritik auf der Metaebene begegnen kann, sondern die in ihren Behauptungen widerlegt werden müssen. Ich selbst bin ADS-Patient und erhalte seit ca. einem 3/4 Jahr das Medikament Medikinet (der Wirkstoff „Methylphenidat“ ist die gemeinsame Basis von Medikinet und Ritalin). Aufgrund der Tatsache, dass es bei mir nur positive Effekte hat, war es zuerst eine große Überraschung, dass gerade dieser Wirkstoff so verteufelt wird.

Insofern lege ich den programmatischen Artikel der Seite Impfkritik zugrunde und möchte auf jede Behauptung eingehen. [1] Sie sind nicht durchweg falsch, die Schlüsse daraus sind es aber.

„Ritalin® ist eine Droge,

  • die nichts heilt.“

Das ist richtig. Methylphenidat heilt die Symptome tatsächlich nicht. Es handelt sich um (vermutlich) um eine Störung des Belohnungssystems und des Dopaminspiegels, also ein hormonelles Problem. [2] Der Logik der Ritalin-„Kritiker“ folgend müsste es aber auch bedeuten, dass bei Diabetes das Spritzen von Insulin falsch wäre, schließlich heilt es ja nicht, sondern muss regelmäßig nachdosiert werden. Wie ich später noch anhand einer Quelle nahegelegen möchte, gibt es aber Vermutungen, dass die Symptome des ADS durch langjährige Behandlung schwächer werden.

Und ja, Methylphenidat ist eine Droge. Wie jedes andere Medikament auch. Keiner würde die Wirksamkeit von Antitussiva wie Codein, Dextrometorphan oder Tillidin in Frage stellen, weil sie als Opiate missbraucht werden können. (allerdings sind Codein und Tillidin verschreibungspflichtig, wie Methylphenidat auch. Damit erkennt der Staat das Potential zum Missbrauch an. Ein Argument ist es dennoch nicht.) Lange Zeit wurde auch Heroin, Desomorphin (heute bekannt als „Krokodil“), LSD (in einigen Ländern wieder zugelassen) und MDMA (ebenfalls wieder in einigen Ländern zu Therapiezwecken zugelassen) in der Medizin eingesetzt. Die Unterscheidung von „Droge“ und „Medikament“ ist weitaus schwammiger als die meisten denken. Das unterscheidet Drogen auch von Homoöpathie, sie enthalten einen Wirkstoff.

„An der Hersteller wie Händler gewaltig verdienen.“

Ist auch eine große Frechheit, dass im Kapitalismus auf Gewinn und nicht auf Wohltätigkeit produziert werden kann. Hier handelt es sich wieder um kein wirkliches Argument, sondern eine reine Floskel. Bei der Recherche konnte ich keine Quellen für den realen Gewinn bei dem Verkauf von Methylphenidat-Medikamenten finden, weswegen sich mir die Frage stellt, woher die „Kritiker“ die Gewinnspanne kennen.

Einige Preise sind hier in der Liste enthalten:
[4] [5]
Ritalin LA 20mg 30 Kapseln 28,00€ (36,10€ ¹)
Ritalin LA 20mg 60 Kapseln 52,82€ (69,98€ ¹)
Ritalin LA 20mg 100 Kapseln 90,75€ (120,38€ ¹)
Ritalin LA 30mg 30 Kapseln 38,09€ (51,99€ ¹)
Ritalin LA 30mg 60 Kapseln 76,56€ (106,18€ ¹)
Ritalin LA 40mg 30 Kapseln 48,34€ (68,53€ ¹)
Medikinet retard 50 Kapseln 10mg 26,10€ (31,62€ ²)
Medikinet retard 50 Kapseln 20mg 44,11€ (58,21€ ²)
Medikinet retard 50 Kapseln 30mg 63,08€ (87,37€ ²)
Medikinet retard 50 Kapseln 40mg 82,31€ (117,74€ ²)

Ich bin nicht unbedingt ein Experte, allerdings gibt es bei der Herstellung von Medikamenten viele Auflagen und die Edukte sind auch nicht die billigsten. Eine deutliche Gewinnspanne ist bestimmt vorhanden (wir leben immer noch im Kapitalismus, das ist nicht verwerflich), doch gibt es teurere Medikamente. Selbst wenn sie massiv überteuert wären, wäre es dennoch kein Beweis für eine angebliche Unwirksamkeit des Wirkstoffs, beide Parameter korrelieren nicht im Geringsten. Ritalinkritiker wie Hans Tolzin sind beruflich auch nicht tiefer in der Materie, ein Milchbauer wird genauso wenig über die Gewinnspanne wissen wie ich als Realschüler.

Die, wie Speed und Kokain, in den Dopamin- und Noradrenalinhaushalt eingreifen.“

Wieder zwei Schlagwörter, die Furcht verbreiten sollen und klarstellen, dass Methylphenidat eine gefährliche Droge sei, die nach einem mal nehmen schon das Leben des Patienten zugrunde richten. Dabei wurde und wird (wenn auch selten) Kokain als Medizin verwendet und macht, wie jede Droge der Welt, nach dem ersten mal nicht abhängig. [5] Speed ist ein Oberbegriff für Amphetamine, die illegal gehandelt werden, insofern ist Kokain als Droge auch „Speed“ (Speed ist meist ein Verschnitt aus verschiedenen Wirkstoffen und Streckmitteln) und die Aufzählung kann man sich sparen.[6]

„Die auf das Bewusstsein wirkt und geistige Verbesserung absperrt.“

„Die Symptome von geistiger Krankheit erzeugt.“

„Die Sucht und Abhängigkeit erzeugen kann.“

Es gibt Momente, in denen mir Sachlichkeit schwer fällt. Dieser ist so einer.

  1. Natürlich wirkt es auf das „Bewusstsein,“ sonst könnte man sich das Medikament auch sparen. Es ist Sinn der Sache, dass eine Veränderung herbeigeführt wird, weil der Ist-Zustand schlechter ist!
  2. Wenn man ADS hat und keine Medikamente erhält, dann entwickelt man im Ideal-Fall Methoden, um mit der Erkrankung umzugehen und kann sich so „bessern.“ Bei mir selbst trat der Effekt trotz mehrjähriger Behandlung z. B. aber nicht ein. (Einzelfälle sind nicht verallgemeinerbar, allerdings widerlegen sie die allgemeine Aussage, keine Medikamente wären IMMER besser) Im bereits verlinkten Artikel [2] wird erwähnt, dass Menschen mit ADS dazu neigen, Arbeiten unmotiviert angehen, wenn sie keine direkte Belohnung nach sich ziehen. Da die Erlernung solcher Methoden langwierig ist, ist es unwahrscheinlich, dass viele Erkrankte diesen Weg gehen.
  3. Was sind Symptome geistiger Krankheit? Die Behauptung ist nicht falsch, weil sie inhaltslos ist. Seit Freud ist bekannt, dass „krank“ nicht exakt definiert ist, sondern auch sozialen Normen folgt.
  4. Suchterkrankungen sind nicht nur nicht erhöht, sie sind sogar seltener. Methylphenidat-Patienten greifen seltener zu illegalen (und legalen) Drogen. [7] Diese Behauptung kommt entweder aus dem Missverständnis, nur weil Methylphenidat als Medikament eine Droge ist, müsse sie auch abhängig machen. Der Irrtum über angebliche Einstiegsdrogen spielt vermutlich mit hinein
  • „die, wie jede andere Droge, im Körper in den Zellen eingelagert wird und noch über viele Jahre nach Absetzen auf den Verstand und damit auf geistige Prozesse wirkt.“

Tatsächlich setzen sich Drogen in Körperzellen ab, so kann THC auch noch nach Jahren in den Haaren nachgewiesen werden. Dennoch wirkt es nicht mehr auf den Organismus. Wer einmal gekifft hat, kann bezeugen, dass er nach einem halben Jahr nicht immer noch high ist. Was man schon öfter bemängeln kann, kann auch hier bemängelt werden, es gibt keinen Beleg für diese Behauptung. Der Autor, Helmut Kaeding, ist bekennender Scientologe und Softwareentwickler, dass er Zugang zu medizinischen Quellen hat, die andere Fachfremde nicht auch haben, ist recht unwahrscheinlich. Allerdings gibt in dieser Quelle eine Beteiligte an einer (damals) noch nicht abgeschlossenen Studie an, dass Methylphenidat als Langzeitwirkung keine, oder eher eine Normalisierung des Gehirns bedeutet. [8] Langzeitkonsum bedeutet, regelmäßige (in diesem Fall tägliche) Einnahme über Jahre hinweg. Mit der behaupteten Einlagerung, die einen wahrnehmbaren Effekt hätte, käme es aber auch ohne regelmäßige Einnahme dazu. Dieser Effekt tritt aber eben (soweit man weiß) nicht auf.

„Die beim Absetzten, heftige Reaktionen hervorrufen kann.“

„Die, wie jede Droge, Vitaminmangelzustände produziert. Das Entfernen der Substanz aus dem Kreislauf verbraucht Vitamine. Dies kann zu einem Mangel an Vitaminen führen. Dieser Vitaminmangel kann das Herz und das Herz-Kreislaufsystem schädigen. Methylphenidat steht im Verdacht Herzinfarkte, Schlaganfälle, Bluthochdruck, Atherosklerose und Herzschwäche zu verursachen.“

„Die die Fähigkeit einer Person grundsätzlich verringert.“

Heftige Reaktionen ist übertrieben. Der Patient verfällt in alte Muster zurück oder leidet einige Tage an Hyperaktivität. [9 – letzter Abschnitt von ‚Abhängigkeitsgefahr‘] Allerdings tritt dieser Effekt bei plötzlichem Absetzen, von einem Tag auf den anderen, auf. Da Medikamente für gewöhnlich „ausgeschlichen“ werden, also über einen gewissen Zeitraum die Dosis immer weiter reduziert wird, ist diese Behauptung für die angebliche Gefährlichkeit von Ritalin/Medikinet/Concerta unbrauchbar.

Die genannten Nebenwirkungen fallen fast ausschließlich in die Kategorie „selten“ bis „sehr selten.“Das heißt sie treten bei 0,1% – 0,001% der behandelten Patienten auf. [10] Sie sind zwar nicht erfunden, aber eben auch sehr selten. Bei ungefähr 600 000 Patienten in Deutschland heißt das, dass die Nebenwirkung des plötzlichen Herztodes bei ungefähr 6-60 Patienten auftritt. Daraus eine große Gefahr zu konstruieren ist etwas weit hergeholt.

Die Wirksamkeit ist sehr gut belegt. [11] [12] Da auch diese Behauptung wie immer unbelegt blieb, gehe ich davon aus, dass diese Aussage einfach frei erfunden wurde, um in das Weltbild zu passen. Stützen lässt sie sich jedenfalls nicht.

„Mit Drogen können Symptome behandelt werden, aber keine Ursachen in Ordnung gebracht werden. Im Falle von Ritalin® wird die Person einfach bewegungsärmer gemacht und ein bisschen betäubt (warum sonst sollte Ritalin® unter das Betäubungsmittelgesetz fallen?). Die eigentliche Ursache der Probleme bleibt bestehen.“

Seltsamerweise folgt aus dieser Aussage, dass Symptombekämpfung immer falsch wäre und ein wirkliches Medikament an die Ursache gehen müsse. Das Beispiel mit dem Insulin lässt sich auch hier wieder gut anwenden, die Krankheit KANN derzeit noch nicht in ihrer Ursache behandelt werden, Methylphenidat dient dazu, trotz dieser den Alltag bestreiten zu können. Die Unterscheidung zwischen Drogen und Medikamenten ist immer noch falsch. Keiner hat bestritten, dass Methylphenidat als Rauschmittel missbraucht werden kann, weswegen es auch nur gegen Rezept erworben werden darf. Amüsanterweise wirkt es nur bei ADS-Kranken beruhigend und fokussierend, bei „normalen“ Menschen dagegen aufputschend. Damit widerlegt der Autor aus Versehen einen weiteren Punkt seines Textes:

„Um es in aller Deutlichkeit zu sagen:

  1. es gibt ein gesellschaftliches Phänomen (Hyperaktivität etc.)“

So,so. Wenn es ein rein gesellschaftliches Phänomen wäre, dann dürfte das Medikament gar nicht anders wirken. Daraus kann man nun einen Placebo-Effekt als Erklärung stricken, der dann aber bedeuten würde, dass überhaupt kein Wirkstoff existent wäre, woraus damit wieder folgt, dass es auch nicht schädlich ist.

 

[1] http://www.ritalin-kritik.de

[2] http://www.spektrum.de/news/die-transmitterchemie-stimmt-nicht/1007330

[3] http://www.onmeda.de/Medikament/Ritalin+LA+20+mg%7C+-30+mg%7C+-40+mg–packungsgroessen+preise.html

[4] http://www.onmeda.de/Medikament/Medikinet+adult+10mg%7C+-20mg–wirkung+dosierung.html

[5] http://symptomat.de/Kokain

[6] http://www.drug-infopool.de/rauschmittel/amphetamine.html

[7] http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000002733

[8] https://www.dasgehirn.info/aktuell/frage-an-das-gehirn/was-sind-die-langzeitfolgen-von-ritalin

[9] http://www.chemie.de/lexikon/Methylphenidat.html

[10] http://www.apotheken-umschau.de/Medikamente/Nebenwirkungen-Wie-haeufig-ist-haeufig-7852.html

[11] http://www.adhs.org/therapie/

[12] http://www.schattauer.de/de/magazine/uebersicht/zeitschriften-a-z/nervenheilkunde/inhalt/archiv/issue/648/manuscript/2041.html

Antipopulistischer Populismus

Nicht erst seit gestern versuchen viele (Staats-)Linke, den aggressiven und menschenverachtenden Rassismus von AfD und Pegida mit einer Feindbildverschiebung zu bekämpfen. Ebenso zeigt sich ihr Hang zu Bevormundung und antiindividualistischem Gedankengut. Wunderbar konnte man das an einigen typisch linkspopulistischen „Aktion“ sehen. [1] [2] [3] [4] [5] [6] Auf dem Plakat steht:

„Macht kaputt, was euch kaputt macht. Fackel die Bank ab, nicht das Flüchtlingsheim.“ – Dies Irae, Künstler(*in) –

Erster Aufkleber: „Deutschland, du mieses Stück Scheiße.“

Antwort von „Barbara.““Ohne deinen scheiß Aufkleber wäre Deutschland ein kleines Stück weniger mies.“ – Barbara, Künstler(*in) –

„Weil sie uns nur auf der Tasche liegen, haut endlich ab! Gemeint sind selbstverständlich die schlimmen Flüchtlinge, die Steuerflüchtlinge.“ – Dies Irae –

„Weil ihre Tricks immer dreister werden! Grenzen schließen für Steuerflüchtlinge.“

– Dies Irae –

„Welche Sanktionen hat Europa eigentlich gegen die USA verhängt, als die in den Irak einmarschiert sind? Und wegen den Drohnen und NSA und so …“

– Barbara, Reaktion auf die Krimkrise –

„Chrystal Meth und Kokain, Crack, Speed und auch Heroin, Machen dich rasant kaputt, Lebenstrümmer, alles Schutt. Alles dreht sich nur ums Eine, hast du Drogen oder keine, Seele, Hirn und Herz verbogen, Finger weg von harten Drogen.“ – Barbara, des Öfteren auch Propagandist(-in) von Cannabis- und Alkoholkonsum* –

*Alkohol und Tabak zählen zu den gefährlichsten Drogen. Wer gesund bleiben möchte, wäre mit Chrystal, Shore, Codein und Kokain viel besser bedient,  da diese Substanzen aber verboten sind und das Achten deutscher Gesetze stets oberste Priorität bleiben sollte, werden natürlich weder die Leser*innen noch ich diesem abstrusen Gedanken folgen.

http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2015-05/drogenbericht-dhs-drogen-konsum-deutschland

http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/drogen-studie-alkohol-gefaehrlicher-als-heroin-und-crack-1.1018201

Diese Aussagen sind zwar thematisch verschieden, lassen aber eine Verknüpfung zu und zeigen kompakt das Weltbild etatistischer Linker auf. Ein starker Staat, der die moralische Konformität einzelner Individuen garantieren soll, die Gesundheit des Volkes und der dem Ausland zeigt, wie richtige Politik zu gehen hat. Zusätzlich ein antiamerikanischer und antikapitalistischer Populismus, in dem lächerlichen Vergleich von „Steuerflüchtlingen“ wird auch deutlich, dass der Dienst am Staat ein höheres Gut als das individuelle Wohl ist. Zusätzlich zum Antiindividualismus passt auch sehr gut der Relativismus. Wer keine Individuen kennt, kennt auch keine Vorgeschichte des Einzelnen und kann nur den Status Quo bewerten. Was zuerst fair und neutral wirkt, entpuppt sich als Verharmlosung und Gleichmacherei. Die Rolle der USA im Irak-Krieg kann natürlich mit der russischen Rolle bei der Krim-Annexion verglichen werden, wenn man genügend Parameter wegkürzt und ignoriert. Diese Form der Argumentation wird stets auf das größte allgemeine Abstraktum hinauslaufen und auf einen moralischen Nihilismus, der auch das Selbst in sich auflöst.

Nun nimmt gerade der antirassistische Populismus scheußliche Ausmaße an. Die Ermordung von Bankern wird angemahnt, oder zumindest deren Verfolgung. Es ist auch wieder eine kollektiv geäußertes Ressentiment, sie alle wären Ausbeuter, kaltherzige Egoisten, die am liebsten arme Menschen ausnehmen. Das Finanzkapital ist schuld an der Flüchtlingskrise (anders ist dieses neue Feindbild nicht zu erklären) und muss damit selbst beseitigt werden, damit endlich keine Flüchtlinge mehr kommen. Nationalistisches Gedankengut unter anderen Vorzeichen also. Die Flüchtlinge nehmen wir schon auf, aber tun alles, damit bloß keine mehr kommen. Das Kalkül ist wieder eine geschlossene Gesellschaft, die das Internationale verdammt, mit einem starken Staat und einer Gemeinschaft der Gleichen.

 

[1] Facebook-Eintrag 1

[2] Facebook-Eintrag 2

[3] Facebook-Eintrag 3

[4] Facebook-Eintrag 4

[5] Facebook-Eintrag 5

[6] Facebook-Eintrag 6

Antiamerikanismus und Trump

Donald Trump hat sich dem europäischen Antiamerikanismus des Establishments angeboten, hätte es ihn nicht gegeben, müssten sie ihn erfinden. Da es kein Revolverblatt gibt, dass die antiamerikanische Tradition europäischer Eliten schöner in intellektuell verklärende Wortgirlanden fasst, die in angeblicher Sachlichkeit letztlich nur Ressentiments verstärken (sollen), als die Süddeutsche, zuerst einmal ein Zitat aus einem dort veröffentlichten Artikel [1]:

„Dieser Populismus ist die vielleicht größte Gefahr für westliche Demokratien. Überall in Westeuropa nagt er an den Systemen – in Frankreich durch eine Marine Le Pen, in Deutschland durch eine AfD. Nirgendwo aber kommt er so nackt und brutal daher wie in den USA, wo das demokratische System allemal härter austeilt und einsteckt, …“

„2016 wird diese Toleranz auf die Probe gestellt. Polarisierung, Skandalisierung und Wut beherrschen den Wahlkampf. Die Populisten spielen mit der Angst und dem Zorn, was einen wichtigen Wesenszug vieler Amerikaner trifft: Angst schweißt das Land zusammen, verschafft ihm einen gemeinsamen Feind, verleitet zu Höchstleistungen. Angst treibt die Menschen zu Hamsterkäufen in die Supermärkte, wenn 70 Zentimeter Schnee fallen, Angst macht aus dem Land ein gewaltiges Waffenlager. Die Angst vor Immigranten, Terroristen, der Welt da draußen und dem wirtschaftlichen Absturz führt sie nun zu Donald Trump.“

Interessant ist die Einschätzung, der amerikanische Populismus wäre aggressiver als der europäische. Flüchtlingskinder vor der Grenze zu erschießen oder Gerede vom afrikanischen Ausbreitungstyp ist keineswegs gutbürgerlich-zivilisierter Populismus, sondern blanker Rassismus und Menschenverachtung. Diejenigen, die hierzulande diese Äußerungen tätigten waren auch nicht irgendwelche Nonames auf einer Pegida-Demo, sondern Beatrix von Storch und Björn Höcke, wichtige und einflussreiche Mitglieder der AfD. Das soll nicht bedeuten, dass Trump’s Populismus nicht aggressiv wäre, sondern eher, dass er sich von der Substanz nur wenig von dem europäischen unterscheidet.

Eine zweite Einschätzung zeigt fast schon projektiven Charakter. Die Amerikaner wären ein ängstliches Volk, dass darum so anfällig für Populismus wäre. So richtig es auch sein mag, diese Kritik aus einem Land, dass nach Silvester befürchtete, solche Vorfälle würden fortan alltäglich sein und Flüchtlinge würden Kinder essen, ist albern und der arrogante Ton verkennt den alarmistischen Charakter unter anderem der eigenen Zeitung. So sind deren Beiträge zu CETA/TTIP ebenso populistisch und ängsteschürend. [2] Die Aufzählung von Dingen und Vorfällen, die „den Amerikaner“ als durch die Bank dumm, ängstlich und unfähig darstellen, sollen dabei auch vertuschen, dass Europa gerade den selben unrühmlichen Weg des Populismus geht, der in Amerika durch Trump und Sanders vorangetrieben wird.

Aber nicht nur das Flaggschiff des verzerrenden Qualitätsjournalismus kann mit derartig selbstgerechten Moral-Predigten aufwarten, auch die Frankfurter Rundschau leistet sich einen großartigen Beweis naiv-jovialer Belehrungen [3]:

„Die meisten ökonomischen Eliten in Europa und in den USA sind sich eigentlich recht einig. Sie wollen den gleichen Kurs: einen neoliberalen Kurs. Politisch wird diese Hegemonie stabilisiert. Denn linksliberale Reformpolitik gegen die Hegemonie des angelsächsischen Finanzkapitalismus kann man weder in Europa noch in den USA wirklich identifizieren. Gegen diesen neoliberalen Kurs gibt es in der Zivilgesellschaft in Europa Protest, allerdings bewirkt auch dieser Protest in Europa noch nicht viel, weil er weder von einer breiten Masse der Bevölkerung getragen wird, noch in der Regierung wirklich gehört wird. Die Zivilgesellschaft in den USA hingegen ist erodiert, deswegen gibt es dort wenig Protest.“

„Somit kann die USA von Europa vielleicht den republikanischen Demokratiegeist lernen. Die USA braucht das. Denn was für die überwiegende Anzahl der US-Wähler heute zählt, sind ihre eigenen Interessen und nicht die Interessen des Gemeinwohls. Die derzeitige Elektrisierung des US-Vorwahlkampfes durch Donald Trump ist dafür ein Sinnbild. Trump symbolisiert den Egoismus und den damit oft verbundenen Hass auf das Gemeinwohl in Extremform. Und Trump ist beliebt. Warum? Weil der Neoliberalismus den Egoismus seit nun mehr drei Jahrzehnten predigt. Die Egomaschine hat sich seit Ronald Reagan zum Zentrum des politischen Glaubens entwickelt.“

Hier wird auch wieder sehr schön der manichäische Gegensatz des sozialen Europäers gegen den egoistischen Amerikaner aufgebaut. Der Artikel stammt aus diesem Jahr (Februar 2016), in dem der nationalistische Egoismus Europas einfach nicht mehr zu übersehen ist. Dennoch wird hier weiterhin das Bild des „besseren Europas“ dargestellt. Ob das antiindividualistische „Das wir entscheidet“ überhaupt besser ist, sei mal dahingestellt, meiner Meinung nach ganz im Gegenteil.

Sehr schön herausgearbeitet ist auch das strukturell antisemitische Stereotyp des „angelsächsischen Finanzkapitalismus,“ eine „neoliberale“ und zutiefst egoistische Ideologie aus den USA, die den europäischen Altruismus unterwandert und droht, ihn gar in die „böse amerikanische“ Seele zu verwandeln.

Die AfD und die Linke führen ihren Wahlkampf auch mit Hass. Sie kommen zusammen (und alleine) auf einen nicht unerheblichen Wähleranteil. Dennoch wird unseriöser Wahlkampf, Populismus und eine dumme Wählerschaft regelmäßig als rein amerikanischen Problem abgetan. Trump wirkt hier als hervorragende Projektionsfläche für den obsessiven Wunsch, eigene Unfähigkeiten nicht mehr wahrnehmen zu müssen und sie auf den amerikanischen „Partner“ zu projizieren.

 

 

[1] http://www.sueddeutsche.de/politik/usa-die-macht-der-zornigen-1.2842745-2

[2] http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ttip-aal-beeren-und-chlor-1.2874629?reduced=true

[3] http://www.fr-online.de/gastbeitraege/gastbeitrag-was-die-usa-von-europa-lernen-koennen,29976308,33713008.html

Gender-Mainstreaming und Sprachdiktat

Für den Text habe ich länger gebraucht, weil er nicht missverstanden werden soll. In der Debatte um das Thema „Gender-Mainstreaming,“ mittlerweile nur noch ein rechter Kampfbegriff, gibt es schon lange keine Sachlichkeit mehr, die Gegenseite rühmt denjenigen des kritischen Denkens, der die absurdesten Forderungen der „Gender-Lobby“ erfindet. Nichtsdestotrotz kann Kritik geübt werden, die weder homophob, noch sexistisch, noch populistisch sein muss. (ich verwende weiter das generische Maskulinum, es ist sprachlich korrekt und außerdem sieht es seltsam aus, wenn in der Hälfte der Fälle vergessen wird)

Gender-Mainstreaming ist in meinen Augen keine Maßnahme zur Emanzipation der Frau. Grund für diese Annahme ist die Argumentation vieler Befürworter. So schreibt Regina Frey in einem Plädoyer für die staatliche Einmischung auf der Online-Seite der BPB:

Einführung: „Wird die Strategie des Gender Mainstreaming konsequent angewendet, so trägt sie zu einer generellen Qualitätssteigerung von Arbeitsergebnissen bei, so die Autorin Regina Frey.

„Nicht umsonst heißt es Mainstreaming – also das einfließen lassen der fachlichen Gender-Aspekte in die regelhaften Prozesse. Das Projekt trug dazu bei, dass die Motivation der Beschäftigten befördert wurde, indem auf ihre individuellen Belastungen und Ressourcen eingegangen wurde – jenseits stereotyper Vorstellungen davon, was Frauen oder Männer können und wollen.“

– Regina Frey, Warum macht Gender-Mainstreaming Sinn? [1] –

Die Argumentation läuft darauf hinaus, dass Diskriminierung und Rollenbilder nicht darum schlecht sind, weil das Individuum sich nicht frei entfalten kann und seine Stärken nicht für sich und zu seiner eigenen Freude nutzt, sondern, weil diese Stärken ohne Geschlechtergerechtigkeit nicht ausreichend ausgenutzt werden können. Man könnte es als kapitalistisches Paradoxon begreifen. Dem Individuum wird so viel Freiheit eingeräumt, wie möglich ist, um den Markt und das Angebot flexibler zu gestalten, im Gegensatz wird aber die Freiheit genommen, diese Eigenschaften so zu nutzen, wie man sie selbst anwenden möchte. Gender-Mainstreaming ist im Sinne der EU-Richtlinien für Unternehmen und staatliche Institutionen umzusetzen, also autoritärer Zwang zur Umsetzung der vorgegebenen Ideologie. Das GenderKompetenzZentrum schrieb dazu in frohlockendem Ton:

„Mit dem Gender Mainstreaming soll die Gleichstellung von Frauen und Männern systematisch in die Planung, Durchführung und Bewertung von Maßnahmen integriert werden. Die deutsche Bundesregierung spricht von „Gleichstellung als Erfolgsstrategie“ und § 2 der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Ressorts von „Gleichstellung von Frauen und Männern als durchgängiges Leitprinzip.“ “

– GenderKompetenz 2003 – 2010 [2] –

Dadurch aber, dass der Staat so obsessiv vermeiden möchte, dass Menschen sich evtl. doch nach alten Rollenbildern verhalten, fixiert er die alten Bilder wieder in den Köpfen der Menschen. Es ähnelt dem Versuch, 5 Minuten lang nicht an ein rosa Känguru zu denken. Kaum kommt die Aufforderung, muss man daran denken, obwohl man es sonst wohl kaum tun würde. Die Reflektion darf nicht unter der Prämisse verlaufen, dass etwas nicht gedacht werden darf, sondern sie muss den Gedanken, den sexistischen, homophoben, rassistischen und antisemitischen erst zulassen, bevor sie beginnt, diesen zu hinterfragen. Die Freiheit, die Reflektion auch verneinen zu können und im alten Rollenbild zu verharren ist dabei sogar förderlich, weil eine Freiwillige meist zum Ziel führen wird, während erzwungene Emanzipation eine jovial zugestandene ist. Wenn aber Männer den Frauen von oben herab zugestehen, auch die selben Rechte zu besitzen, dann werden die alten Geschlechterrollen nur bestätigt.

Man weitet den Freiraum der Frauen mit Gender-Mainstreaming zwar, dennoch ist es eben nur ein gerade akzeptierter Raum, der jederzeit wieder genommen werden kann. Das Patriarchat, das die Politik weiterhin kontrolliert, wird nicht aus reiner Selbstlosigkeit eine solche Regelung akzeptieren.

Das Sprachdiktat darüber hinaus ist eine weitere Symptombekämpfung. Ein Trans*-Sternchen oder -innen wird keine Diskriminierung beenden, täuscht aber darüber hinweg, dass sie weiterhin existiert. Die Gender Studies (die NICHT das Gleiche sind wie Gender-Mainstreaming, was eine politische Pervertierung des Grundgedankens der anerzogenen Rollenbilder ist) haben richtig analysiert, wie sehr das Verständnis von Geschlechtlichkeit von den Vorstellungen der Gesellschaft geprägt ist und das auch Sprache performativ wirken kann. Nur, und das ist jetzt meine eigene Meinung, ist die Sprache performativ, weil sie ihren Gehalt aus dem realen Vorbild nimmt. Wenn regelmäßig der Eindruck reproduziert wird, das alle im Bereich Automechanik männlich und im Bereich Pädagogik weiblich sind, dann wird das verwendete -innen nicht zu einer Aufnahme der (Trans-)Frauen im Bewusstsein führen, sondern nur zu einer Umdeutung des Symbols zum Formalismus, der doch wieder nur für Männer/Frauen (je nach Beruf/Gruppe) steht.

Anstatt die Freiheit vom Kategorisierungszwang zu fördern, baut das Sprachdiktat tausende Kategorien auf, die einfach nur dafür sorgen, dass die Kollektive handlicher und die Vorstellung von dem behandelten Individuum eindeutiger sind. In der „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno/Horkheimer wird dies als ein Merkmal der selbst unreflektierten Aufklärung erkannt.

„Die Einsicht in das bürgerlich aufklärerische Element Homers ist von der spätromantisch-deutschen Interpretation der Antike, die den frühen Schriften Nietzsches folgte, unterstrichen worden. Nietzsche hat wie wenige seit Hegel die Dialektik der Aufklärung erkannt. Er hat ihr zwiespältiges Verhältnis zur Herrschaft formuliert. Man soll – „Die Aufklärung ins Volk treiben, dass die Priester alle mit schlechtem Gewissen Priester werden. Ebenso muss man es mit dem Staate machen. Das ist die Aufgabe der Aufklärung, den Fürsten und Staatsmännern ihr ganzes Gebaren zur absichtlichen Lüge zu machen (…). Andererseits war die Aufklärung seit je ein Mittel der „großen Regierungskünstler.“ (…) Die Selbsttäuschung der Menge über diesen Punkt, z. B. in aller Demokratie, ist äußerst wertvoll: Die Verkleinerung und Regierbarkeit aller Menschen wird als Fortschritt erstrebt!“

– Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung – Odysseus oder Mythos und Aufklärung [3] –

Nietzsche und Adorno/Horkheimer fassen hier (wie zu erwarten war) perfekt zusammen, was ich in 3000 Wörtern nicht könnte. Das zwiespältige Verhältnis zur Herrschaft ist übertragbar auf das Patriarchale. Ihre Überwindung bleibt eine solche absichtliche Lüge, die Kollektive werden in kleine Einzelteile zerschlagen, aber nicht aufgelöst. So ist das Sprachdiktat eine selbst unreflektierte Aufklärung, die Herrschaftsmechanismen aufzeigte, aber nicht aufhob, sie also zur „absichtlichen Lüge“ werden ließ.

 

[1] http://www.bpb.de/gesellschaft/gender/gender-mainstreaming/147997/warum-macht-gender-mainstreaming-sinn-beispiele

[2] http://www.genderkompetenz.info/genderkompetenz-2003-2010/index.html/

[3] http://ps.vetomat.net/wp-uploads/2012/09/dialektik_aufklaerung.pdf