Gender-Mainstreaming und Sprachdiktat

Für den Text habe ich länger gebraucht, weil er nicht missverstanden werden soll. In der Debatte um das Thema „Gender-Mainstreaming,“ mittlerweile nur noch ein rechter Kampfbegriff, gibt es schon lange keine Sachlichkeit mehr, die Gegenseite rühmt denjenigen des kritischen Denkens, der die absurdesten Forderungen der „Gender-Lobby“ erfindet. Nichtsdestotrotz kann Kritik geübt werden, die weder homophob, noch sexistisch, noch populistisch sein muss. (ich verwende weiter das generische Maskulinum, es ist sprachlich korrekt und außerdem sieht es seltsam aus, wenn in der Hälfte der Fälle vergessen wird)

Gender-Mainstreaming ist in meinen Augen keine Maßnahme zur Emanzipation der Frau. Grund für diese Annahme ist die Argumentation vieler Befürworter. So schreibt Regina Frey in einem Plädoyer für die staatliche Einmischung auf der Online-Seite der BPB:

Einführung: „Wird die Strategie des Gender Mainstreaming konsequent angewendet, so trägt sie zu einer generellen Qualitätssteigerung von Arbeitsergebnissen bei, so die Autorin Regina Frey.

„Nicht umsonst heißt es Mainstreaming – also das einfließen lassen der fachlichen Gender-Aspekte in die regelhaften Prozesse. Das Projekt trug dazu bei, dass die Motivation der Beschäftigten befördert wurde, indem auf ihre individuellen Belastungen und Ressourcen eingegangen wurde – jenseits stereotyper Vorstellungen davon, was Frauen oder Männer können und wollen.“

– Regina Frey, Warum macht Gender-Mainstreaming Sinn? [1] –

Die Argumentation läuft darauf hinaus, dass Diskriminierung und Rollenbilder nicht darum schlecht sind, weil das Individuum sich nicht frei entfalten kann und seine Stärken nicht für sich und zu seiner eigenen Freude nutzt, sondern, weil diese Stärken ohne Geschlechtergerechtigkeit nicht ausreichend ausgenutzt werden können. Man könnte es als kapitalistisches Paradoxon begreifen. Dem Individuum wird so viel Freiheit eingeräumt, wie möglich ist, um den Markt und das Angebot flexibler zu gestalten, im Gegensatz wird aber die Freiheit genommen, diese Eigenschaften so zu nutzen, wie man sie selbst anwenden möchte. Gender-Mainstreaming ist im Sinne der EU-Richtlinien für Unternehmen und staatliche Institutionen umzusetzen, also autoritärer Zwang zur Umsetzung der vorgegebenen Ideologie. Das GenderKompetenzZentrum schrieb dazu in frohlockendem Ton:

„Mit dem Gender Mainstreaming soll die Gleichstellung von Frauen und Männern systematisch in die Planung, Durchführung und Bewertung von Maßnahmen integriert werden. Die deutsche Bundesregierung spricht von „Gleichstellung als Erfolgsstrategie“ und § 2 der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Ressorts von „Gleichstellung von Frauen und Männern als durchgängiges Leitprinzip.“ “

– GenderKompetenz 2003 – 2010 [2] –

Dadurch aber, dass der Staat so obsessiv vermeiden möchte, dass Menschen sich evtl. doch nach alten Rollenbildern verhalten, fixiert er die alten Bilder wieder in den Köpfen der Menschen. Es ähnelt dem Versuch, 5 Minuten lang nicht an ein rosa Känguru zu denken. Kaum kommt die Aufforderung, muss man daran denken, obwohl man es sonst wohl kaum tun würde. Die Reflektion darf nicht unter der Prämisse verlaufen, dass etwas nicht gedacht werden darf, sondern sie muss den Gedanken, den sexistischen, homophoben, rassistischen und antisemitischen erst zulassen, bevor sie beginnt, diesen zu hinterfragen. Die Freiheit, die Reflektion auch verneinen zu können und im alten Rollenbild zu verharren ist dabei sogar förderlich, weil eine Freiwillige meist zum Ziel führen wird, während erzwungene Emanzipation eine jovial zugestandene ist. Wenn aber Männer den Frauen von oben herab zugestehen, auch die selben Rechte zu besitzen, dann werden die alten Geschlechterrollen nur bestätigt.

Man weitet den Freiraum der Frauen mit Gender-Mainstreaming zwar, dennoch ist es eben nur ein gerade akzeptierter Raum, der jederzeit wieder genommen werden kann. Das Patriarchat, das die Politik weiterhin kontrolliert, wird nicht aus reiner Selbstlosigkeit eine solche Regelung akzeptieren.

Das Sprachdiktat darüber hinaus ist eine weitere Symptombekämpfung. Ein Trans*-Sternchen oder -innen wird keine Diskriminierung beenden, täuscht aber darüber hinweg, dass sie weiterhin existiert. Die Gender Studies (die NICHT das Gleiche sind wie Gender-Mainstreaming, was eine politische Pervertierung des Grundgedankens der anerzogenen Rollenbilder ist) haben richtig analysiert, wie sehr das Verständnis von Geschlechtlichkeit von den Vorstellungen der Gesellschaft geprägt ist und das auch Sprache performativ wirken kann. Nur, und das ist jetzt meine eigene Meinung, ist die Sprache performativ, weil sie ihren Gehalt aus dem realen Vorbild nimmt. Wenn regelmäßig der Eindruck reproduziert wird, das alle im Bereich Automechanik männlich und im Bereich Pädagogik weiblich sind, dann wird das verwendete -innen nicht zu einer Aufnahme der (Trans-)Frauen im Bewusstsein führen, sondern nur zu einer Umdeutung des Symbols zum Formalismus, der doch wieder nur für Männer/Frauen (je nach Beruf/Gruppe) steht.

Anstatt die Freiheit vom Kategorisierungszwang zu fördern, baut das Sprachdiktat tausende Kategorien auf, die einfach nur dafür sorgen, dass die Kollektive handlicher und die Vorstellung von dem behandelten Individuum eindeutiger sind. In der „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno/Horkheimer wird dies als ein Merkmal der selbst unreflektierten Aufklärung erkannt.

„Die Einsicht in das bürgerlich aufklärerische Element Homers ist von der spätromantisch-deutschen Interpretation der Antike, die den frühen Schriften Nietzsches folgte, unterstrichen worden. Nietzsche hat wie wenige seit Hegel die Dialektik der Aufklärung erkannt. Er hat ihr zwiespältiges Verhältnis zur Herrschaft formuliert. Man soll – „Die Aufklärung ins Volk treiben, dass die Priester alle mit schlechtem Gewissen Priester werden. Ebenso muss man es mit dem Staate machen. Das ist die Aufgabe der Aufklärung, den Fürsten und Staatsmännern ihr ganzes Gebaren zur absichtlichen Lüge zu machen (…). Andererseits war die Aufklärung seit je ein Mittel der „großen Regierungskünstler.“ (…) Die Selbsttäuschung der Menge über diesen Punkt, z. B. in aller Demokratie, ist äußerst wertvoll: Die Verkleinerung und Regierbarkeit aller Menschen wird als Fortschritt erstrebt!“

– Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung – Odysseus oder Mythos und Aufklärung [3] –

Nietzsche und Adorno/Horkheimer fassen hier (wie zu erwarten war) perfekt zusammen, was ich in 3000 Wörtern nicht könnte. Das zwiespältige Verhältnis zur Herrschaft ist übertragbar auf das Patriarchale. Ihre Überwindung bleibt eine solche absichtliche Lüge, die Kollektive werden in kleine Einzelteile zerschlagen, aber nicht aufgelöst. So ist das Sprachdiktat eine selbst unreflektierte Aufklärung, die Herrschaftsmechanismen aufzeigte, aber nicht aufhob, sie also zur „absichtlichen Lüge“ werden ließ.

 

[1] http://www.bpb.de/gesellschaft/gender/gender-mainstreaming/147997/warum-macht-gender-mainstreaming-sinn-beispiele

[2] http://www.genderkompetenz.info/genderkompetenz-2003-2010/index.html/

[3] http://ps.vetomat.net/wp-uploads/2012/09/dialektik_aufklaerung.pdf

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