Der Tumor des Verschwörungsglaubens

Wer sich von der Überschrift getriggert gefühlt hat, hat damit auch durchaus recht. Er bedient abstrahiert gesehen eine antisemitische Vorstellung, die gewisse Teile der Gesellschaft als krankhaft und ausselektierenswert betrachtet. Versteht man es dagegen eher bezogen auf das Wachstum, so wird auch klar, weswegen der moderne Verschwörungsglaube tatsächlich einem Tumor gleichkommt, er verbreitet sich aggressiv und schnell und lässt vom ursprünglichen „Gewebe“ nichts übrig. Denn bei Verschwörungstheorien handelt es sich genauso wie beim religiösen Fanatismus nicht um eine Meinung, sondern ein abgeschlossenes und pathologisches Weltbild (hiermit ist natürlich nicht jeder Esoteriker usw. gemeint, sondern wirkliche verbohrte Härtefälle). Einem Menschen mit Persönlichkeitsstörungen oder Psychosen würde keiner eine wirkliche Meinung unterstellen, denn dieser ist de facto nicht in der Lage, seine Weltsicht zu überdenken, er hat sie auch nie angezweifelt.

Man tut diesen Menschen keinen Gefallen, wenn man sie unter dem Deckmäntelchen der Demokratie einfach Spinner sein lässt die man hin und wieder argumentativ abfertigen kann um der Welt zu demonstrieren wie gebildet und intellektuell man ist. Religiöser Wahn z. B. ist eine anerkannte Erkrankung und Richard Dawkins nannte eines seiner lehrreichen und interessanten Bücher nicht umsonst „The god delusion“ ( http://amzn.to/2mt4q6F ). In diesem Buch legt er das in sich selbst abgeschlossene und unwiderlegbare Weltbild religiöser Fundamentalisten dar und damit nicht nur die Grundlagen des Glaubens, sondern auch das Weltbild der Verschwörungstheoretiker. Ob es nun Freimaurer, Satanisten, Juden, Reptiloiden usw. sind, im Zentrum steht immer diese eine Macht, die alles kontrolliert. Also den ersten wichtigen Punkt des monotheistischen Glaubens, eine Konzentration aller Macht und allen Einflußes auf eine einzelne Kausalität.

Während Dawkins aus der fundamentalistisch-religiösen Sicht auf die Welt ihre Form der Immunisierung herausarbeitet, „die Wege des Herrn sind unergründlich“ und „Gott gehorcht keiner irdischen Logik“, so findet man diese in anderer Form auch wieder in Verschwörungstheorien. Hier verschleiern die Verantwortlichen durch grenzenlose Macht über die Medien und teilweise sogar Manipulation und Gedankenkontrolle (Das Gefühl nicht Herr der eigenen Gedanken zu sein ist oftmals Symptom einer paranoiden Schizophrenie) ihre Untaten und belügen die dumme Masse. Wieder sind die Ähnlichkeiten zwischen den Gedankensystemen bestechend und oftmals überschneiden sie sich auch. Vor allem im amerikanischen Raum besteht zwischen Evangelikalen und Verschwörungsgläubigen eine große Schnittmenge, beispielhaft könnte man Ron Paul und Alex Jones nennen, die einen großen Einfluß auf die dortige „Truther“-Bewegung haben.

Weswegen zog ich nun aber die Analogie zu einem Tumor? Die „Truther“-Bewegung und fanatische religiöse (monotheistische) Bewegungen haben eines gemeinsam: Ihren Anspruch, die alleinige Wahrheit zu vertreten und andere Ansichten zu verdrängen. Die verschwörungsgläubigen Weltbilder beruhen meist auf einer angenommenen Verschwörung gegen die breite Masse, die dem Untergang geweiht ist, falls sie nicht umkehrt, die Wahrheit erkennt und gegen „das Böse“ rebelliert. Jede entgegengesetzte Meinung wird darum nicht akzeptiert und KANN auch nicht akzeptiert werden, denn sie führt nach dieser Logik dazu, dass Millionen ins Verderben gestürzt werden. So gilt es auch im religiösen Weltbild. Der Tumor verdrängt gesundes Gewebe und setzt auf Ausbreitung ohne Rücksicht auf Verluste (die Analogie unterstellt einem reelen Tumor natürlich keinen bösen Willen), so auch der Verschwörungsglauben. Breitet er sich nicht aus, sondern trifft stattdessen auf Skeptiker, merkt der „Gläubige,“ dass er nicht als Retter gefeiert sondern als Spinner verlacht wird, so wird das Ganze gefährlich. Denn der Wahn, wirklich etwas Gutes zu tun und gegen reeles Unrecht vorzugehen macht sämtliche gesellschaftlichen Vorstellungen von moralischem und ethischem Miteinander zunichte. Die Vereinsamung radikalisiert, das Unverständnis verbittert … verschwörungstheoretische Überzeugungen können tatsächlich eine bloße Meinung sein, doch sie kippt leicht ins Pathologische. Eine Haltung, die sich jeder Diskussion enthält und allen „einfach ihre Meinung lässt“ kann in solchen Fällen dazu führen, dass ganze Leben zerstört werden.

Peter Fitzek und sein Königreich

Peter Fitzek ist ein deutscher Reichsbürger und Rechtsextremist, bekannt wurde er durch die Gründung seines „Königreichs Deutschland,“ das seiner Meinung nach der legitime Rechtsnachfolger des Kaiserreichs ist. Um einen Einblick in die Psychologie hinter der Reichsbürgerbewegung kann er als Anführerpersönlichkeit gut dienen, da der Sektenführer (ich nehme mir die Freiheit, ihn so zu nennen) immer gute Rückschlüsse auf die Sektenmitglieder zulässt.

Peter Fitzek wurde am 12. August 1965 in Halle geboren.  Viel über sein Leben erfährt man nicht, offenbar ist er ein ausgebildeter Koch. [1] Interessanter ist aber seine Selbstdarstellung auf der Seite des Königreichs Deutschland oder dem Youtube-Kanal der Bewegung. Die Dokumentation des „Königreichs,“ „Peter Fitzek – Die Wahrheit aus Sicht der Menschen die ihn kennen“ wurde auf deren Kanal hochgeladen. Da Fitzek sich als Monarch sieht wird diese Aufnahme darum wohl kaum von jemand anderem geleitet worden sein als ihm selbst, zumindest hat er Einfluss auf den Inhalt genommen. In dieser Dokumentation erzählen Anhänger von ihren Erfahrungen, wobei ihm ein edler Charakter, eine Führerpersönlichkeit, hoher Intellekt und sogar magische Fähigkeiten zugeschrieben werden (er kann in kochendes Wasser fassen ohne sich zu verbrennen, etc.). [2] An den Personen, die interviewt werden kann man die typischen Merkmale von Sektenmitgliedern erkennen. Es werden reine Floskeln geäußert, der Anführer ist über jeden Zweifel erhaben und hat keine Fehler, die Gemeinschaft der Sekte selbst ist perfekt. Man hat das Gefühl, es mit fanatischen Scientology-Anhängern zu tun zu haben.

Erstaunlich oft kommt dabei die Aussage, Fitzek wäre ein Lehrer und Führer. In dieser Rolle sieht er sich auch selbst, anhand seiner Vorträge, die über Biologie, Quantenphysik, Rechtswissenschaften und Medizin gehen, sowie Musik in Form von Konzerten auf einem Flügel. (Laut einer Frau aus der Dokumentation hat er sich das Klavierspielen in wenigen Wochen selbst beigebracht) Damit verkörpert er das, was viele Anführer von Verschwörungssekten gemein haben, den Generalspezialismus. Er äußert auf jedem dieser Gebiete den Anspruch ein Mann von Fach zu sein, obwohl angesichts der großen Fortschritte keiner mehr in mehreren Gebieten Spezialist sein kann. Allein in der Mathematik gibt es schon unzählige Fachrichtungen, Experten bleiben innerhalb einer Wissenschaft schon auf ein kleines Segment beschränkt. Doch Fitzek vertritt nicht nur den Anspruch, sich in nahezu allen Wissenschaften perfekt auszukennen, er denkt auch noch, sie alle in ihrer historischen Entwicklung komplett als Lüge enttarnen zu können.

In der Selbstdarstellung des Königreiches findet man ebenso interessante Aussagen, die sich eigentlich selbst widersprechen.

Laut seiner Verfassung ist das Königreich Deutschland

  • eine direkte aufsteigende Demokratie mit einem gewählten König als repräsentatives Staatsoberhaupt, das den Erhalt und die Umsetzung der verfassungsmäßigen Ordnung garantiert,
  • ein Staat als Garant der Schöpfungsordnung mit der verfassungsgemäßen Aufgabe, jedem Menschen ein größtmögliches Maß an Glück, Selbstbestimmung, Freiheit, Gesundheit, Bildung und Persönlichkeitsentwicklung zu ermöglichen,
  • ein Staat mit der verfassungsgemäßen Aufgabe, die Erde als eigenständigen lebendigen Organismus und natürliche Lebensgrundlage alles Lebendigen zu schützen.

Das Königreich Deutschland ist ein kompletter Neuanfang.

Gemeinsam mit Peter, dem Schöpfer und Staatsoberhaupt dieses neuen deutschen Staates, bauen die Staatsangehörigen und Staatszugehörigen diese Verfassungsordnung weiter aus, bis sie sich deutschlandweit durchgesetzt hat. Ist dies erreicht, wird die neue Ordnung auf freiwilliger Basis der Völker mithilfe einer internationalen Organisation weiter ausgedehnt, um auch anderen Staaten die Möglichkeit eines Neuanfangs zu bieten. [3]

Abgesehen davon, dass ein Monarch per se nicht gewählt sein kann, weil er über ein Geburtsrecht verfügt oder zumindest umfassende Autoritäten besitzt, die eben nicht demokratisch legitimiert sind, ist diese Selbstbeweihräucherung an paradiesischen Vorstellungen angelehnt. Fitzek bezeichnet sich als Schöpfer (die vertretene Ideologie hat schließlich er seinen Anhängern eingeimpft) und seine Vision einer neuen Welt ähnelt dem Idealbild, einer neuen Schöpfung im biblischen Sinn. Damit ist sein Selbstverständnis das eines Gottes. Dazu passt auch, dass er sich magischer Fähigkeiten rühmen lässt und allerlei esoterisches Gedankengut vertritt. [4]

Auch geht er davon aus, dass die Menschen ihm ohnehin folgen würden, seine Vision von jedem geteilt würde und er letztlich dazu ausersehen sei, zu siegen. Das wird nicht explizit geschrieben, ergibt sich aber aus den naiven Vorstellungen, die propagiert werden. Der narzisstische Charakter, der schon bei Menschen wie Christian Anders und Xavier Naidoo sehr ausgeprägt ist, erreicht bei ihm noch extremere Ausmaße. Nur so kann man sich die naive Propaganda erklären, den Anspruch, alles erklären zu können und im Alleingang die Welt zu verbessern. Den Reichsbürgern scheint dieser Anspruch aber auch im Allgemeinen zu Eigen zu sein.

Aus all dem, und einigen anderen Videos, in denen erklärt, wie er die Welt besser gestalten würde, kann man folgern, wie er psychisch konstituiert ist. [5] Fitzek entspricht dem Menschentypus, den ich bereits in einem vorausgegangenen Artikel erläutert habe. [6] Er ist selbstbezogen-narzisstisch und hält sich für einen geborenen Anführer, der im Alleingang die Welt retten könnte. Dazu verfügt er über die nötigen Kenntnisse im juristischen, medizinischen und biologischen Bereich. Er ist seiner Meinung nach auch ein Lehrer für die Menschen und bringt eine Botschaft, die den Anschein erweckt, es solle ein neues Evangelium sein. Wie es sich gehört wittert er auch regelmäßig Verschwörungen gegen sein Königreich und genügt damit dem paranoiden Aspekt. Seine Anhänger sind dabei vollkommen unterwürfig, bei ihnen ist der gesellschaftliche Narzissmus weiter ausgeprägt. Sie sehen sich als Erleuchtete, die einen Messias erkannt haben, den verleumderische Medien als Spinner darstellen. Alles in allem ist das Königreich eine Sekte mit aggressivem Personenkult.

 

[1] http://www.mz-web.de/mitteldeutschland/gesellschaft-47-jaehriger-gruendet-sein-eigenes-koenigreich,20641266,21257280.html

[2] https://www.youtube.com/watch?v=XKhbsIceKS4

[3] http://koenigreichdeutschland.org/de/willkommen-im-koenigreich.html

[4] https://www.psiram.com/ge/index.php/Peter_Fitzek

[5] https://www.youtube.com/watch?v=6ciOwEEFUI0

[6] https://kritischesdenkenblog.wordpress.com/2015/12/16/die-allwissenden/

Naidoos pazifistisches Plattitüdenmassaker

Xavier Naidoo hat einen neuen Song veröffentlicht, für den er prompt Zustimmung von Jürgen Todenhöfer erhielt. Da in Kreisen politisch nicht vollkommen unzurechnungsfähiger Menschen eine Zustimmung Jürgen Todenhöfers gleichbedeutend mit einer Ignorierungsaufforderung ist, könnte man sagen, dieser Song hat die Beachtung nicht verdient. Doch um sich durch das verquere Weltbild des Sängers zu quälen muss eine solche Analyse sein, vor allem, da der Text ausschließlich in Fragmenten Beachtung fand.

Eine Auseinandersetzung mit dem Text als Ganzem ist etwas langwierig, bietet aber Aufschluss über völkisches Verschwörungsdenken. Die Zitate sind allesamt dem Text entnommen und der Bezug zum IS wurde aufgrund des Veröffentlichungsdatums angenommen [1]:

„Ich hab gelernt ich soll für meine Überzeugungen
einstehen und meinen Glauben nie leugnen
warum soll ich jetzt nach so langer Zeit
davon Abstand nehmen dazu bin ich nicht bereit“

Schon der Einstieg zeigt die heroische und narzisstische Selbstsicht des Sängers. Anstatt einer kritischen Selbstreflexion im Bezug auf die zuvor geäußerten „Anfeindungen“ gegen ihn suhlt er sich im Märtyrertum und stilisiert sich zum Opfer, dass dem Ansturm der Massen aber trotzt, anstatt daran zu zerbrechen.

Viele Verschwörungstheoretiker stellen sich als Geschädigte medialer Hetzkampagnen dar und machen sich so unangreifbar, jedwede Reflexion wird in diesem Zustand vermieden, da sie den Schutz aufweichen würde. Markus Staiger hat in seinem bereits einmal erwähnten Text über ein anderes Lied von Naidoo angemerkt, dass dieser sich allzu oft zur Lichtgestalt erklärt und neue Führer für das Volk fordert.

Verschwörungstheoretiker wittern eine Verschwörung durch Informationen, die sie im Falle einer Existierenden gar nicht haben könnten und verbinden Dinge, die offenkundig keinen Zusammenhang haben. Da ihre Argumentationslogiken dabei häufig wacklig sind, ist die Flucht in eine paranoid-narzisstische Wahnvorstellung unerlässlich, um das Weltbild weiter erhalten zu können. Kritik gilt per se als faschistoider Akt. Damit ist ihr Kritikbegriff selbst auch antidemokratisch, was Menschen wie Naidoo mit dem Verweis auf freie Meinung zu kaschieren suchen.

Muslime tragen den neuen Judenstern
Alles Terroristen, wir haben sie nicht mehr gern
Es ist einfach nur traurig
die alten Probleme im dritten Jahrtausend nach Christus

Die erste Zeile ist die Skandalzeile, die auch großes Medienecho hervorrief. Sogar die alles andere als israelfreundliche Süddeutsche Zeitung verurteilte sie als Holocaustrelativierung und unverhältnismäßig. [3] Zweifelsohne ist diese Zeile eine Relativierung ungeheuren Ausmaßes, da die Kennzeichnung durch Judensterne einerseits auf islamische Tradition zurückgeht [4] und andererseits ein Vergleich zwischen Alltagsdiskriminierung und staatlicher Deportation sowie Verfolgung absolut geschmacklos und falsch ist. Auch die Behauptung, Muslime seien alle Terroristen wurde von keinem nennenswerten Politiker je vertreten, vielmehr nannten Inhaber hoher Regierungsämter den Islam einen Teil von Deutschland, z.B. Angela Merkel, Christian Wulff und Joachim Gauck. [5] [6] [7] Die Integration von Muslimen ist also Staatsraison, was von der Einbindung der Juden in die deutsche Gesellschaft des dritten Reiches nicht zu behaupten ist.

Was auch typisch ist für Verschwörungsideologen ist die Tatsache, dass man keinen Fortschritt in der Entwicklung der Menschheit sehen will. So werden die Werte der Aufklärung für nichtig erklärt, sie gelten als der Barbarei der vorbürgerlichen Gesellschaft gleichwertig. Man könne sagen, es sei einfach nur eine weitere verkürzte Erklärung, um sich in pseudo-kritischer Misanthropie zu wälzen, doch es ist vielmehr als das. Esoteriker erkennen im Verlust des Glaubens an eine Transzendenz und eine klare Abtrennung zwischen Gut und Böse eben nicht den Fortschritt, sondern einen Rückschritt. Xavier Naidoo teilt uns mit den letzten beiden äußerst wichtigen Zeilen mit, dass die Aufklärung und die bürgerliche Gesellschaft regressiv überwunden werden müssen und nicht in der Aufhebung von Kollektiven enden dürfen.

Und Frieden ist uns immer noch wichtig
du willst in Frieden leben und hier ist es
nur noch einen Hauch entfernt
wir haben alles über das Töten gelernt

Dieser Vers ist schon aufgrund verquerer Metaphorik nur schwer zugänglich. Meine eigene Interpretation wäre, (ich muss zugeben, nicht genau zu wissen, wie diese Zeilen gemeint sind) dass Naidoo behaupten möchte, ohne westlichen Einsatz sei der Frieden zu bewahren.

Ihm scheint dabei nicht klar zu sein, dass der Nahe Osten seit der Begründung des Islams von Kriegen und Konflikten überzogen wird. Auch hier sieht man den typischen West-Zentrismus (antiwestlicher) Verschwörungstheoretiker. Konflikte sind stets auf den Westen zurückzuführen, Eigenverantwortung und die Möglichkeit zum freien Denken scheinen den Arabern selbst nicht gegeben. Wie soll denn die Beendigung des vollkommen verworrenen Konfliktes zustande kommen, wenn nicht durch Waffengewalt, die IS/Assad/Hamas usw. vom Morden abhält?

Vom Frieden sind wir meilenweit weg
Das Schlachtfeld ist schon abgesteckt
Doch wir sind auch nur einen Hauch weit weg
Vom Himmel er ist um die Ecke

Wie die meisten Verschwörungsideologen sieht auch Xavier Naidoo sich in einem Krieg. Die Tatsache, dass Deutschland einen (vollkommen lächerlichen) Militäreinsatz gegen den IS plant sieht er dabei wohl als kriegslüsterne Außenpolitik, die den Frieden stört. Die chronische Realitätsverweigerung dieses Textes liegt auch in der Annahme, dass Europa den Krieg erklärt hätte, obwohl der Anschlag in Paris de facto der Auslöser war, dass Deutschland nun zäh einen Militärschlag simuliert. Die Utopie des Friedens, wie sie völkischen Menschen vorschwebt ist dabei auch unvereinbar mit Demokratie und Rechtstaatlichkeit, da sie das Subjekt verleugnet und den „Frieden ohne Freiheit“ fordert.

Ich weiß es ist schwer zu glauben
doch man will dir deinen Platz im Paradiese rauben
man weiß erst was man hatte wenn es nicht mehr da ist
verhindere den Krieg bevor er wirklich wahr ist.

Die Anspielung auf das Paradies im Kontext des Kriegs gegen Islamisten ist dabei von besonderer Ekelhaftigkeit. Die paranoide Wahnvorstellung der islamischen Welt, der Westen führe einen Krieg gegen den Islam wird darin reproduziert und als unumstößliche Wahrheit dargestellt. Das der Erstschlag gegen die freie Welt mit der Achse Berlin-Bagdad in das 19.Jahrhundert startete und eben nicht auf die Interventionen des Westens zurückgeht wird dabei ebenso verschwiegen wie der mörderische Antisemitismus, der bei Demonstrationen in Gaza und Deutschland zutage tritt und Resultat dieser Anschauung von „Frieden“ und „Paradies“ ist. Naidoo stilisiert eine imperialistische und klerikalfaschistische Bewegung zur Freiheitsfront gegen den Westen und offenbart damit auch den wahren Feind seiner Friedensutopie, die Freiheit und Selbstverantwortung.

Nie mehr Krieg, nie mehr Krieg
wenn wir das nicht sagen dürfen dann läuft doch etwas schief
doch wer vom Krieg profitiert
ist irritiert wenn er sein Propagandakrieg verliert

Dem Refrain liegt neben seinem anzüglich Kitsch noch das typische Paradoxon von Verschwörungsideologien zugrunde. Die Behauptung, etwas nicht sagen zu dürfen, was doch permanent geäußert wird, ist in sich schon so unlogisch, dass es dem Interpreten selbst auffallen müsste. Dass es das nicht tut ist nur ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr Naidoo schon in seiner Welt gefangen ist. Nebenbei erwähnt er noch den Mythos und antisemitischen Topoi einer „gelenkten Presse.“ Wie auch hier üblich wird vergessen, dass Menschen wie Jürgen Todenhöfer nach wie vor in respektablen Zeitungen schreiben können, obwohl sie doch Naidoo’s Weltbild in großen Teilen selbst propagieren.

Wir rüsten ab und nicht auf
immer noch Schwerter zu Pflugscharen
die Schwerter sind verkauft
Okay ich habe noch eins
Aber es kommt aus dem Mund
ansonsten habe ich keins

In gewohnter Überheblichkeit bezeichnet Naidoo sein Wort als Schwert, das mit den Lügen aufräumt und der Wahrheit und dem Frieden den Weg bahnt. Hier gesellt sich zum narzisstischen Komplex und Highlander-Heroik noch biblische Symbolik. Das Schwert, welches aus dem Mund kommt ist eine Anspielung auf Jesaja 49:2 in der Jesaja sich als Prophet bekennt, der die Lügen der Reichen anprangert und Fürsprecher der Armen und Unterdrückten ist. Naidoo sieht sich offensichtlich in einer Rolle als Prophet, eine solche Funktion schrieb er sich auch schon früher zu. [8] [9] Ein weiteres Bibelzitat stellt „Schwerter zu Pflugscharen“ dar, da es aber auch eine Parole der Friedensbewegung war, muss hier eine weitere Symbolik nicht angenommen werden. [10]

Fassen wir zusammen. Xavier Naidoo verstrickt sich weiter in seinen Fanatismus aus Heroik, Narzissmus, Paranoia und Größenwahn. Die immer abstruseren Verschwörungstheorien führen zum aggressiven Komplex eines sich immer um sich selbst kreisenden pathologischen Narzissten, der keine Selbstreflexion mehr kennt und einer kapitalistischen Verschwörung die Schuld am Elend der Welt und seinen eigenen Popularitätsverlusten gibt.

 

[1] https://www.youtube.com/watch?v=SpnYI_5Ni8Q

[2] http://www.zeit.de/kultur/musik/2012-11/xavier-naidoo-savas-homophobie

[3] http://www.sueddeutsche.de/kultur/friedenssong-xavier-naidoo-erklaert-dem-krieg-den-krieg-1.2767374

[4] http://tapferimnirgendwo.com/2015/12/04/muslime-tragen-den-neuen-judenstern-xavier-naidoo/

[5] http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-07/merkel-islam-deutschland

[6] http://www.zeit.de/2015/09/christian-wullf-angela-merkel-islam-deutschland

[7] http://www.welt.de/politik/deutschland/article106396522/Muslime-die-hier-leben-gehoeren-zu-Deutschland.html

[8] http://bibeltext.com/isaiah/49-2.htm

[9] http://www.welt.de/kultur/pop/article133167852/Xavier-Naidoo-der-Prophet-des-rechten-Glaubens.html

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Schwerter_zu_Pflugscharen

Der freundliche Populist

Xavier Naidoo, bekannt als mäßig begabter Sänger und für seine phantasie- und sinnfrei zusammengestückelten Texte, wurde als deutscher Vertreter für den ESC auserkoren und mittlerweile wieder ausgeladen. *1 *2 Dieser Text ist jetzt wohl eher rein polemisches Nachtreten und Schadenfreude als differenzierte Betrachtung, dennoch soll er eine Auseinandersetzung mit der Ideologie des Sängers sein. Zum Beginn erst einmal eine Reihung von Zitaten:

„Nicht nur Amerika. Auch Frankfurt ist Babylon, London und Tokio. Babylon ist überall. Aber Amerika und Tokio sind ganz oben auf der Abschußliste.“  – Naidoo im Interview mit Musik-Express, 1999 – *3

 

„Ich bin zum Beispiel kein großer Mathematiker, der all die Zahlen, die in der Bibel stehen, genau zusammenführen kann. Aber mich wundert es nicht, daß man herausgefunden hat daß das ganze Buch zahlenmäßig codiert ist. Alles, was ich daraus lesen kann, bestätigt mich in meinem Wissen, daß es kurz vor knapp ist.“ – Siehe Quelle *3 des vorigen Zitats –

 

„Ich schneid euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht. Ich bin nur traurig und nicht wütend. Trotzdem würde ich euch töten. Ihr tötet Kinder und Föten und ich zerquetsch euch die Klöten. Ihr habt einfach keine Grösse und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?“ -Songtext seines Liedes „Wo sind“ aus dem Album „gespaltene Persönlichkeit“ – *4

 

„Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer?
Wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?“

– Zitat aus dem bereits zitierten Lied, siehe Quelle *4 –

Das Naidoo sich damit schon früh (spätestens 1999, laut ihm selbst 1993) in religiös-fundamentalistischen Dunstkreisen bewegt hat, ist wohl unstrittig. Ein Zitat von Markus Steiger aus der ZEIT umreißt recht gut die Ideologie, die Naidoos Texte transportieren:

„Auch die hinlänglich aus besagtem Hidden Track zitierten Zeilen „Wo sind unsere starken Männer / Wo sind unsere Führer / Wo sind sie jetzt?“ können nicht wirklich überraschen, wenn man die Texte der beiden Künstler etwas aufmerksamer studiert hat. Durchweg huldigen sie einer gewissen Highlander-Romantik, einem völkischen Heroismus, in dem unentwegt einer aufsteht, einer sich erhebt, eine messianische Lichtgestalt, der Eine, der von der Vorsehung Auserwählte, der die Massen mitreißt und in die Schlacht führt und am Ende das Dunkle vernichtet.“ – Markus Steiger in dem Zeit-Artikel „Satan weiche“ *5-

Naidoo sehnt sich einen starken Herrscher herbei, der als reine und durchweg gute Figur gegen das Böse kämpft und es letztlich zerschmettert. Diese Darstellung und Idealvorstellung folgt dabei dem national-sozialistischen Ideal des reinen Ariers, wie es auch in der Kunst des dritten Reichs aufzufinden ist. In dieser war das zentrale Thema die Darstellung des naturverbundenen Familienstandes, eine Idealisierung des Bauern und darüber hinaus der Krieg, bzw. der Kampf gegen den „Feind,“ der dabei regelmäßig nicht als Akteur auftrat, sondern als undefiniertes „Dunkles.“ *6 Dieses „Dunkle“ sieht auch Naidoo und benennt das seiner Meinung nach „Böse“ auch, z.B. in seinem Lied „raus aus dem Reichstag.“ *7 Hier wirft er an verschiedenen Stellen den Politikern vor, von Krisen gewusst zu haben und einen tiefen Hass gegen das Volk zu hegen. (da es dazu keine schönen Zitate aus dem Lied gibt, die diese Aussage prägnant zusammenfasst, sollte man sich den Text als Ganzes durchlesen) Das Wort „Volksverräter“ wird somit geradezu explizit mitgeteilt. Seine Anzeige wegen Hochverrats gegen einige Politiker, darunter auch Horst Köhler, unterstreicht diesen Anspruch alleiniger Wahrheit und die absolute Selbstgerechtigkeit. *8 Sein Antisemitismus kommt in dem bereits genannten Lied ebenso vollkommen zur Geltung:

„Wie die Jungs von der Keinherzbank, die mit unserer Kohle zocken
Ihr wart sehr, sehr böse, steht bepisst in euren Socken
Baron Totschild gibt den Ton an, und er scheißt auf euch Gockel
Der Schmock ist’n Fuchs und ihr seid nur Trottel“ – Xavier Naidoo, raus aus dem Reichstag *9-

Auch wenn Naidoo aus christlich-fundamentalistischen Gründen ein Zionist sein muss, (die evangelikalen Bewegungen sind durch einen religiösen Zionismus geprägt, der in seiner reaktionären Form dem Klerikalfaschismus der Islamisten in nichts nachsteht) so ist seine Form der Kapitalismuskritik nichts anderes als struktureller, teilweise sogar offener Antisemitismus. Die Verschwörungstheorien um die Bankiersfamilie Rothschilds sind judenfeindlicher Natur, ebenso die Vorstellung, dass Banken im Allgemeinen einer naturbezogenen Freiheit im Wege stehen.

Da bereits viel über strukturellen Antisemitismus geschrieben wurde, soll hierbei nicht weiter darauf eingegangen ist. Nur sollte anhand des hier genannten klar gemacht werden, dass Naidoo kein Mensch ist, dem nur der Frieden am Herzen liegt. Er ist ein antistaatlicher Hetzer, der nicht zu Unrecht in die „rechte Ecke gestellt wurde.“

 

*1) https://www.eurovision.de/news/Nachrichten-zum-ESC,news129.html

*2) http://www.tagesschau.de/eilmeldung/eilmeldung-415.html

*3) http://www.musikexpress.de/xavier-naidoo-im-interview-ich-bin-ein-rassist-aber-ohne-ansehen-der-hautfarbe-150829/2/

*4) http://genius.com/Xavas-wo-sind-sie-jetzt-lyrics/

*5) http://www.zeit.de/kultur/musik/2012-11/xavier-naidoo-savas-homophobie/komplettansicht

*6) http://lernarchiv.bildung.hessen.de/sek/kunst/kunstgeschichte/biographien/nolde/nolde_und_nationalsozialismus/material/Kunst_im_Nationalsozialismus-1.pdf

*7) http://www.songtextemania.com/raus_aus_dem_reichstag_songtext_xavier_naidoo.html

*8) http://kurier.at/kult/xavier-naidoo-steigt-auf-die-barrikaden/715.318

*9) http://www.huffingtonpost.de/2014/10/16/xavier-naidoo-antisemitismus_n_5994710.html

Reichsbürger-Lügen

In diesem Text soll eine kurze Auseinandersetzung mit den Reichsbürgern und einigen von ihren Argumenten stattfinden. Alle werden nicht behandelt werden können, weil diese sich, wie die meisten Verschwörungstheoretiker, permanent neue ausdenken.

  • Das deutsche Reich ist nicht untergegangen, damit ist die BRD nicht identisch mit diesem als Völkerrechtssubjekt und kein Staat de jure, weil die Gründung eines neuen Staates auf dem Gebiet eines bereits Existierenden nicht rechtmäßig sei.

Das wäre richtig. Wenn es nicht völlig falsch wäre. Denn die BRD ist keineswegs ein anderes Völkerrechtssubjekt, vielmehr ist es identisch mit dem 3.Reich, das damals zwar militärisch, aber nicht politisch kapitulierte. Das damit aber keine Ansprüche an „alte“ Gebiete des Reiches entstehen, erklärt sich im nächsten Punkt.

  • Die Gebiete sind, wenn das 3.Reich nicht unterging, weiterhin Teil dessen und können damit reklamiert werden, also wieder „heim ins Reich“ geholt werden.

Nein. Das geht nicht, denn das Völkerrecht ist ein Gewohnheitsrecht. Es können übrigens nicht nur Länder als Völkerrechtssubjekte gehandelt werden, sondern auch einzelne Gruppen, welche sich diesen Grundsätzen entsprechend verhalten. Wenn also Polen nach dem 2.Weltkrieg als souveräner Staat mit anderen Beziehungen aufnahm, dann IST er damit ein eigenständiger und souveräner Staat.

  • Die UN-Feindstaaten-Klausel ist weiterhin in Kraft, Deutschland kann damit keine souveränen Handlungen durchführen, ohne ein mögliches Einmarschieren der ehemaligen Allierten zu riskieren.

Auch nicht wahr. Die Feindstaaten-Klausel steht zwar noch als UN-Resolution, ist aber als „veraltet“ eingestuft, sie wird nicht mehr verwendet und kann es auch nicht mehr, unter anderem auch wegen der 2+4-Verträge, und anderen bilateralen, sowie multilateralen Abkommen. Das Völkerrechtssubjekt besteht nämlich nur durch Wechselwirkung mit anderen Völkerrechtssubjekten, nur sekundär durch Gründung und Urkunden.