Weltbilder und „Pizza“

Wie man sich denken kann geht es hier nicht wirklich um Pizza an sich, sondern um den neuen Track der von mir heißgeliebten Antilopen Gang.(Antilopen Gang – „Pizza“) Viele reagierten darauf als sei es ein reiner Spaßtrack ohne wirklichen Inhalt. Meiner Meinung nach setzt er sich aber durchaus ernsthaft mir verkürzten Weltbildern auseinander, wofür auch diverse Anspielungen im Video sprechen. Das Symbol der „heiligen Pizza“ ähnelt extrem dem der Church of Scientology, Koljah tritt am Anfang als Jonathan Frakes auf und der Pizza wird praktisch die Allmacht zugesprochen. Auch die Heilungsszene mit den „italienischen Oblaten“ deutet auf Sekten hin.

Was hier spaßeshalber mit Pizzen gemacht wird ist typisch für Menschen die die ganze Welt auf eine Kausalität reduzieren wollen. Ob Freimaurer, Illuminaten, das Weltjudentum, sie alle unterscheiden sich nennenswert von dem Thema des Tracks, sie besitzen nämlich jeden Einfluß und können die Welt retten oder zerstören, je nach Lust und Laune. Wer der Antilopen Gang Kommerzialisierung vorwirft versteht nicht, dass sie als mittlerweile bekannte Band auch andere Bilder verwenden müssen, zumindest ist es schlau das zu tun. Denn diese versteckte Bedeutung zeigt, dass mehr in ihrem neuen Album steckt als der partymäßige Klang erwarten lässt. Schon auf ihrem vorher veröffentlichten Track „Das trojanische Pferd“ spielen sie deutlich auf Verschwörungstheorien an, indem sie sich selbst als Metapher verwenden. Statt freimaurerischer Infiltrierung des Staates steht hier die Machtübernahme der Hörnergang.

All das scheint darauf hinzudeuten dass sich der Fokus des neuen Albums weniger auf die plumpen rechten Schreier sondern die pseudoaufgeklärten Neurechten richtet und gegen diese schießt. Gerade Koljah hat sich bereits oft diesem Thema gewidmet, so zum Beispiel in seinem Part des Tracks „Beate Zschäpe hört U2,“ in dem er allerdings sehr viel deutlichere Worte findet … das löste eine Welle des Internet-hates aus, dem man dieses mal dadurch entging, dass die Botschaft sehr viel verschlüsselter verpackt wurde. Nichtsdestotrotz zeigt auch „Pizza“ sehr deutlich, wie lächerlich es ist, Problemlösungsstrategien und Kausalitäten so simpel zu gestalten.

Nicht nur gegen die Verschwörungstheoretiker schießt der Track, sondern auch gegen jene, die nur ein Mittel kennen, um die „Welt zu retten.“ Diejenigen, die bei jedem Schlagloch, das nicht gestopft wurde, gleich rufen, dass die Flüchtlinge und deren Kosten Schuld daran sind, merken gar nicht, wie albern ihre monokausale Weltsicht ist. „Pizza“ ist sicherlich eine interessante Art, sich mit diesem Realitätssinn humorvoll auseinander zu setzen. Sehr schön und überraschend ist es, dass sich trotz des „Ankommens im Mainstream“ keine Tendenz zu weniger Biss und Scharfsinnigkeit abzeichnet. Darum ein großes Lob an die Antilopen.

Gender-Mainstreaming und Sprachdiktat

Für den Text habe ich länger gebraucht, weil er nicht missverstanden werden soll. In der Debatte um das Thema „Gender-Mainstreaming,“ mittlerweile nur noch ein rechter Kampfbegriff, gibt es schon lange keine Sachlichkeit mehr, die Gegenseite rühmt denjenigen des kritischen Denkens, der die absurdesten Forderungen der „Gender-Lobby“ erfindet. Nichtsdestotrotz kann Kritik geübt werden, die weder homophob, noch sexistisch, noch populistisch sein muss. (ich verwende weiter das generische Maskulinum, es ist sprachlich korrekt und außerdem sieht es seltsam aus, wenn in der Hälfte der Fälle vergessen wird)

Gender-Mainstreaming ist in meinen Augen keine Maßnahme zur Emanzipation der Frau. Grund für diese Annahme ist die Argumentation vieler Befürworter. So schreibt Regina Frey in einem Plädoyer für die staatliche Einmischung auf der Online-Seite der BPB:

Einführung: „Wird die Strategie des Gender Mainstreaming konsequent angewendet, so trägt sie zu einer generellen Qualitätssteigerung von Arbeitsergebnissen bei, so die Autorin Regina Frey.

„Nicht umsonst heißt es Mainstreaming – also das einfließen lassen der fachlichen Gender-Aspekte in die regelhaften Prozesse. Das Projekt trug dazu bei, dass die Motivation der Beschäftigten befördert wurde, indem auf ihre individuellen Belastungen und Ressourcen eingegangen wurde – jenseits stereotyper Vorstellungen davon, was Frauen oder Männer können und wollen.“

– Regina Frey, Warum macht Gender-Mainstreaming Sinn? [1] –

Die Argumentation läuft darauf hinaus, dass Diskriminierung und Rollenbilder nicht darum schlecht sind, weil das Individuum sich nicht frei entfalten kann und seine Stärken nicht für sich und zu seiner eigenen Freude nutzt, sondern, weil diese Stärken ohne Geschlechtergerechtigkeit nicht ausreichend ausgenutzt werden können. Man könnte es als kapitalistisches Paradoxon begreifen. Dem Individuum wird so viel Freiheit eingeräumt, wie möglich ist, um den Markt und das Angebot flexibler zu gestalten, im Gegensatz wird aber die Freiheit genommen, diese Eigenschaften so zu nutzen, wie man sie selbst anwenden möchte. Gender-Mainstreaming ist im Sinne der EU-Richtlinien für Unternehmen und staatliche Institutionen umzusetzen, also autoritärer Zwang zur Umsetzung der vorgegebenen Ideologie. Das GenderKompetenzZentrum schrieb dazu in frohlockendem Ton:

„Mit dem Gender Mainstreaming soll die Gleichstellung von Frauen und Männern systematisch in die Planung, Durchführung und Bewertung von Maßnahmen integriert werden. Die deutsche Bundesregierung spricht von „Gleichstellung als Erfolgsstrategie“ und § 2 der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Ressorts von „Gleichstellung von Frauen und Männern als durchgängiges Leitprinzip.“ “

– GenderKompetenz 2003 – 2010 [2] –

Dadurch aber, dass der Staat so obsessiv vermeiden möchte, dass Menschen sich evtl. doch nach alten Rollenbildern verhalten, fixiert er die alten Bilder wieder in den Köpfen der Menschen. Es ähnelt dem Versuch, 5 Minuten lang nicht an ein rosa Känguru zu denken. Kaum kommt die Aufforderung, muss man daran denken, obwohl man es sonst wohl kaum tun würde. Die Reflektion darf nicht unter der Prämisse verlaufen, dass etwas nicht gedacht werden darf, sondern sie muss den Gedanken, den sexistischen, homophoben, rassistischen und antisemitischen erst zulassen, bevor sie beginnt, diesen zu hinterfragen. Die Freiheit, die Reflektion auch verneinen zu können und im alten Rollenbild zu verharren ist dabei sogar förderlich, weil eine Freiwillige meist zum Ziel führen wird, während erzwungene Emanzipation eine jovial zugestandene ist. Wenn aber Männer den Frauen von oben herab zugestehen, auch die selben Rechte zu besitzen, dann werden die alten Geschlechterrollen nur bestätigt.

Man weitet den Freiraum der Frauen mit Gender-Mainstreaming zwar, dennoch ist es eben nur ein gerade akzeptierter Raum, der jederzeit wieder genommen werden kann. Das Patriarchat, das die Politik weiterhin kontrolliert, wird nicht aus reiner Selbstlosigkeit eine solche Regelung akzeptieren.

Das Sprachdiktat darüber hinaus ist eine weitere Symptombekämpfung. Ein Trans*-Sternchen oder -innen wird keine Diskriminierung beenden, täuscht aber darüber hinweg, dass sie weiterhin existiert. Die Gender Studies (die NICHT das Gleiche sind wie Gender-Mainstreaming, was eine politische Pervertierung des Grundgedankens der anerzogenen Rollenbilder ist) haben richtig analysiert, wie sehr das Verständnis von Geschlechtlichkeit von den Vorstellungen der Gesellschaft geprägt ist und das auch Sprache performativ wirken kann. Nur, und das ist jetzt meine eigene Meinung, ist die Sprache performativ, weil sie ihren Gehalt aus dem realen Vorbild nimmt. Wenn regelmäßig der Eindruck reproduziert wird, das alle im Bereich Automechanik männlich und im Bereich Pädagogik weiblich sind, dann wird das verwendete -innen nicht zu einer Aufnahme der (Trans-)Frauen im Bewusstsein führen, sondern nur zu einer Umdeutung des Symbols zum Formalismus, der doch wieder nur für Männer/Frauen (je nach Beruf/Gruppe) steht.

Anstatt die Freiheit vom Kategorisierungszwang zu fördern, baut das Sprachdiktat tausende Kategorien auf, die einfach nur dafür sorgen, dass die Kollektive handlicher und die Vorstellung von dem behandelten Individuum eindeutiger sind. In der „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno/Horkheimer wird dies als ein Merkmal der selbst unreflektierten Aufklärung erkannt.

„Die Einsicht in das bürgerlich aufklärerische Element Homers ist von der spätromantisch-deutschen Interpretation der Antike, die den frühen Schriften Nietzsches folgte, unterstrichen worden. Nietzsche hat wie wenige seit Hegel die Dialektik der Aufklärung erkannt. Er hat ihr zwiespältiges Verhältnis zur Herrschaft formuliert. Man soll – „Die Aufklärung ins Volk treiben, dass die Priester alle mit schlechtem Gewissen Priester werden. Ebenso muss man es mit dem Staate machen. Das ist die Aufgabe der Aufklärung, den Fürsten und Staatsmännern ihr ganzes Gebaren zur absichtlichen Lüge zu machen (…). Andererseits war die Aufklärung seit je ein Mittel der „großen Regierungskünstler.“ (…) Die Selbsttäuschung der Menge über diesen Punkt, z. B. in aller Demokratie, ist äußerst wertvoll: Die Verkleinerung und Regierbarkeit aller Menschen wird als Fortschritt erstrebt!“

– Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung – Odysseus oder Mythos und Aufklärung [3] –

Nietzsche und Adorno/Horkheimer fassen hier (wie zu erwarten war) perfekt zusammen, was ich in 3000 Wörtern nicht könnte. Das zwiespältige Verhältnis zur Herrschaft ist übertragbar auf das Patriarchale. Ihre Überwindung bleibt eine solche absichtliche Lüge, die Kollektive werden in kleine Einzelteile zerschlagen, aber nicht aufgelöst. So ist das Sprachdiktat eine selbst unreflektierte Aufklärung, die Herrschaftsmechanismen aufzeigte, aber nicht aufhob, sie also zur „absichtlichen Lüge“ werden ließ.

 

[1] http://www.bpb.de/gesellschaft/gender/gender-mainstreaming/147997/warum-macht-gender-mainstreaming-sinn-beispiele

[2] http://www.genderkompetenz.info/genderkompetenz-2003-2010/index.html/

[3] http://ps.vetomat.net/wp-uploads/2012/09/dialektik_aufklaerung.pdf

Die „liberale“ AfD

In libertären und anarchokapitalistischen Kreisen gilt paradoxerweise die AfD als eine Wahlalternative, die mehr Freiheit verheißen könnte. Prinzipiell kann über die Szene gesagt werden, dass der Hass auf alles was links ist, dermaßen ausgeprägt vorhanden ist, dass rechtes Gedankengut allein schon dadurch, dass es nicht links ist, hohe Akzeptanz erhält. Angesichts der Tatsache, dass Bevormundung tatsächlich vor allem von „linken“ Gruppen und Interessengemeinschaften ausgeht, ist das auch nicht wirklich verwunderlich.

Fakt ist aber, dass die AfD zwar eine Autonomisierung von Brüssel fordert (Siehe die Leitlinien der AfD zur Europapolitik [1]), im Gegenzug aber die Macht des Staates umso fester auf nationaler Basis verankert. Das Sozialsystem mit verpflichtenden Beiträgen, wie z. B. das Rentensystem, soll sogar noch ausgeweitet werden (die Sicherung der Beitragsauszahlung läuft notwendigerweise auf eine Ausweitung hinaus, da das derzeitige System nicht ausreicht, um Konstanz zu gewähren). Auch verankert die AfD die Diskriminierung und Abwertung von queeren Beziehungen, im bereits verlinkten Parteiprogramm wird geschrieben:

„Wir stehen für den Schutz der Familie als Keimzelle der Gesellschaft. Eine solidarische Förderung der Familien ist eine Investition in unsere gemeinsame Zukunft und wesentlicher Teil des Generationenvertrages.“

– AfD-Parteiprogramm –

Was ganz vernünftig klingt, ist reiner Antiindividualismus. Das Individuum selbst muss sich grundlegend der Gesellschaft assimilieren, ist der eigene Lebensstil nicht dem Kollektiven zuträglich, so wird er diskriminiert. Freiheit im objektiven Sinn bedeutet nicht nur, dass man die potentielle Möglichkeit besitzt, etwas zu tun, sondern auch die reale Möglichkeit, es umsetzen zu können.

Dass der Staat nicht durchsetzen kann, das religiöse Gemeinschaften plötzlich jeden Lebensentwurf gutheißen, bedeutet nicht, dass er seine eigene steuerliche und gesellschaftliche Diskriminierung aufrecht erhalten darf. Die AfD möchte aber genau diese Diskriminierung fixieren und begründet sie mit dem Wohl des Volkes.

Mit fadenscheinigen Argumentationen über das „Kindeswohl“ (um es polemisch zu sagen, lieber ein heterosexuelles Alkoholiker-Paar, als ein homosexuelles Paar, das sich um das Kind sorgt) [2] wird die Diskriminierung von queeren Paaren vorangetrieben. Amüsanterweise mit dem Argument, man könne Kinder zur Homosexualität erziehen, was den Grundgedanken der Gender Studies beweisen würde.

 

„Wir fordern eine Stärkung der Demokratie und der demokratischen Bürgerrechte. Wir wollen Volksabstimmungen und Initiativen nach Schweizer Vorbild einführen. Das gilt insbesondere für die Abtretung wichtiger Befugnisse an die EU.“

– AfD-Parteiprogramm –

Was hier freiheitlich wirkt, ist es ganz und gar nicht. Wie ich bereits in einem anderen Text geschrieben habe, [3] ist die direkte Demokratie der Einfluss einer gesichtslosen Masse bis hin ins Privatleben. Je weniger Zwischeninstitutionen und Grundregeln zwischengeschaltet sind, desto größer wird der Zwang und die Unfreiheit. Eine Volksabstimmung hat zur Folge, dass Populismus gewinnt und Populismus basiert auf Angst, sowie Engstirnigkeit. Einzig auf dieser Grundlage baut die AfD auf und diese wird sie noch weiter stärken wollen, durch genau diese Maßnahmen.

 

[1] https://www.alternativefuer.de/programm-hintergrund/programmatik/

[2] http://www.faz.net/aktuell/afd-kritisiert-rechte-von-schwulen-und-muslime-12837646.html

[3] Direkte Demokratie und Diktatur