Der Tumor des Verschwörungsglaubens

Wer sich von der Überschrift getriggert gefühlt hat, hat damit auch durchaus recht. Er bedient abstrahiert gesehen eine antisemitische Vorstellung, die gewisse Teile der Gesellschaft als krankhaft und ausselektierenswert betrachtet. Versteht man es dagegen eher bezogen auf das Wachstum, so wird auch klar, weswegen der moderne Verschwörungsglaube tatsächlich einem Tumor gleichkommt, er verbreitet sich aggressiv und schnell und lässt vom ursprünglichen „Gewebe“ nichts übrig. Denn bei Verschwörungstheorien handelt es sich genauso wie beim religiösen Fanatismus nicht um eine Meinung, sondern ein abgeschlossenes und pathologisches Weltbild (hiermit ist natürlich nicht jeder Esoteriker usw. gemeint, sondern wirkliche verbohrte Härtefälle). Einem Menschen mit Persönlichkeitsstörungen oder Psychosen würde keiner eine wirkliche Meinung unterstellen, denn dieser ist de facto nicht in der Lage, seine Weltsicht zu überdenken, er hat sie auch nie angezweifelt.

Man tut diesen Menschen keinen Gefallen, wenn man sie unter dem Deckmäntelchen der Demokratie einfach Spinner sein lässt die man hin und wieder argumentativ abfertigen kann um der Welt zu demonstrieren wie gebildet und intellektuell man ist. Religiöser Wahn z. B. ist eine anerkannte Erkrankung und Richard Dawkins nannte eines seiner lehrreichen und interessanten Bücher nicht umsonst „The god delusion“ ( http://amzn.to/2mt4q6F ). In diesem Buch legt er das in sich selbst abgeschlossene und unwiderlegbare Weltbild religiöser Fundamentalisten dar und damit nicht nur die Grundlagen des Glaubens, sondern auch das Weltbild der Verschwörungstheoretiker. Ob es nun Freimaurer, Satanisten, Juden, Reptiloiden usw. sind, im Zentrum steht immer diese eine Macht, die alles kontrolliert. Also den ersten wichtigen Punkt des monotheistischen Glaubens, eine Konzentration aller Macht und allen Einflußes auf eine einzelne Kausalität.

Während Dawkins aus der fundamentalistisch-religiösen Sicht auf die Welt ihre Form der Immunisierung herausarbeitet, „die Wege des Herrn sind unergründlich“ und „Gott gehorcht keiner irdischen Logik“, so findet man diese in anderer Form auch wieder in Verschwörungstheorien. Hier verschleiern die Verantwortlichen durch grenzenlose Macht über die Medien und teilweise sogar Manipulation und Gedankenkontrolle (Das Gefühl nicht Herr der eigenen Gedanken zu sein ist oftmals Symptom einer paranoiden Schizophrenie) ihre Untaten und belügen die dumme Masse. Wieder sind die Ähnlichkeiten zwischen den Gedankensystemen bestechend und oftmals überschneiden sie sich auch. Vor allem im amerikanischen Raum besteht zwischen Evangelikalen und Verschwörungsgläubigen eine große Schnittmenge, beispielhaft könnte man Ron Paul und Alex Jones nennen, die einen großen Einfluß auf die dortige „Truther“-Bewegung haben.

Weswegen zog ich nun aber die Analogie zu einem Tumor? Die „Truther“-Bewegung und fanatische religiöse (monotheistische) Bewegungen haben eines gemeinsam: Ihren Anspruch, die alleinige Wahrheit zu vertreten und andere Ansichten zu verdrängen. Die verschwörungsgläubigen Weltbilder beruhen meist auf einer angenommenen Verschwörung gegen die breite Masse, die dem Untergang geweiht ist, falls sie nicht umkehrt, die Wahrheit erkennt und gegen „das Böse“ rebelliert. Jede entgegengesetzte Meinung wird darum nicht akzeptiert und KANN auch nicht akzeptiert werden, denn sie führt nach dieser Logik dazu, dass Millionen ins Verderben gestürzt werden. So gilt es auch im religiösen Weltbild. Der Tumor verdrängt gesundes Gewebe und setzt auf Ausbreitung ohne Rücksicht auf Verluste (die Analogie unterstellt einem reelen Tumor natürlich keinen bösen Willen), so auch der Verschwörungsglauben. Breitet er sich nicht aus, sondern trifft stattdessen auf Skeptiker, merkt der „Gläubige,“ dass er nicht als Retter gefeiert sondern als Spinner verlacht wird, so wird das Ganze gefährlich. Denn der Wahn, wirklich etwas Gutes zu tun und gegen reeles Unrecht vorzugehen macht sämtliche gesellschaftlichen Vorstellungen von moralischem und ethischem Miteinander zunichte. Die Vereinsamung radikalisiert, das Unverständnis verbittert … verschwörungstheoretische Überzeugungen können tatsächlich eine bloße Meinung sein, doch sie kippt leicht ins Pathologische. Eine Haltung, die sich jeder Diskussion enthält und allen „einfach ihre Meinung lässt“ kann in solchen Fällen dazu führen, dass ganze Leben zerstört werden.

Weltbilder und „Pizza“

Wie man sich denken kann geht es hier nicht wirklich um Pizza an sich, sondern um den neuen Track der von mir heißgeliebten Antilopen Gang.(Antilopen Gang – „Pizza“) Viele reagierten darauf als sei es ein reiner Spaßtrack ohne wirklichen Inhalt. Meiner Meinung nach setzt er sich aber durchaus ernsthaft mir verkürzten Weltbildern auseinander, wofür auch diverse Anspielungen im Video sprechen. Das Symbol der „heiligen Pizza“ ähnelt extrem dem der Church of Scientology, Koljah tritt am Anfang als Jonathan Frakes auf und der Pizza wird praktisch die Allmacht zugesprochen. Auch die Heilungsszene mit den „italienischen Oblaten“ deutet auf Sekten hin.

Was hier spaßeshalber mit Pizzen gemacht wird ist typisch für Menschen die die ganze Welt auf eine Kausalität reduzieren wollen. Ob Freimaurer, Illuminaten, das Weltjudentum, sie alle unterscheiden sich nennenswert von dem Thema des Tracks, sie besitzen nämlich jeden Einfluß und können die Welt retten oder zerstören, je nach Lust und Laune. Wer der Antilopen Gang Kommerzialisierung vorwirft versteht nicht, dass sie als mittlerweile bekannte Band auch andere Bilder verwenden müssen, zumindest ist es schlau das zu tun. Denn diese versteckte Bedeutung zeigt, dass mehr in ihrem neuen Album steckt als der partymäßige Klang erwarten lässt. Schon auf ihrem vorher veröffentlichten Track „Das trojanische Pferd“ spielen sie deutlich auf Verschwörungstheorien an, indem sie sich selbst als Metapher verwenden. Statt freimaurerischer Infiltrierung des Staates steht hier die Machtübernahme der Hörnergang.

All das scheint darauf hinzudeuten dass sich der Fokus des neuen Albums weniger auf die plumpen rechten Schreier sondern die pseudoaufgeklärten Neurechten richtet und gegen diese schießt. Gerade Koljah hat sich bereits oft diesem Thema gewidmet, so zum Beispiel in seinem Part des Tracks „Beate Zschäpe hört U2,“ in dem er allerdings sehr viel deutlichere Worte findet … das löste eine Welle des Internet-hates aus, dem man dieses mal dadurch entging, dass die Botschaft sehr viel verschlüsselter verpackt wurde. Nichtsdestotrotz zeigt auch „Pizza“ sehr deutlich, wie lächerlich es ist, Problemlösungsstrategien und Kausalitäten so simpel zu gestalten.

Nicht nur gegen die Verschwörungstheoretiker schießt der Track, sondern auch gegen jene, die nur ein Mittel kennen, um die „Welt zu retten.“ Diejenigen, die bei jedem Schlagloch, das nicht gestopft wurde, gleich rufen, dass die Flüchtlinge und deren Kosten Schuld daran sind, merken gar nicht, wie albern ihre monokausale Weltsicht ist. „Pizza“ ist sicherlich eine interessante Art, sich mit diesem Realitätssinn humorvoll auseinander zu setzen. Sehr schön und überraschend ist es, dass sich trotz des „Ankommens im Mainstream“ keine Tendenz zu weniger Biss und Scharfsinnigkeit abzeichnet. Darum ein großes Lob an die Antilopen.

Der blöde Ami

Ich kann es mittlerweile nicht mehr hören. Schon meine Lehrerin erzählt uns, wie fett die Amerikaner sind, jeder nicht-verbeamtete anderweitig unsympathische stolze Deutsche grölt voll Enthusiasmus heraus, wie kulturell überlegen doch Europa sei. Man könnte sagen, dass ich nicht wirklich dagegen argumentiere, wenn meine Antwort einfach nur aus Beleidigungen gegen antiamerikanisch Denkende besteht, aber wie soll man denn sonst antworten? Ein Klischee baut nicht auf Fakten auf, also kann man es auch damit nicht widerlegen. Denn die Begründung der Meinung ist, und das gilt für jede Gruppe von geistigen Selbstbeschränkern, im besten Fall: „Ich hab‘ jemand gesehen der ist auch Ami/schwul/Flüchtling und der hat dasunddas (hier beliebige, frei erfundene oder überzogene grausame Tat einfügen) gemacht und darum sind die jetzt alle voll blöd und informier dich mal und außerdem Lügenpresse heul wenn ein normaler armer Deutscher das macht dann würde aber (hier völlig lächerliche und nie angewendete Strafe einfügen) passieren!“ Falls jetzt irgendeiner der soeben treffend beschriebenen Gruppen meint, mich korrigieren zu müssen, weil die Satzzeichen weggelassen wurden, so etwas nennt sich Rhetorik und stellt hervorragend das unzusammenhängende Argumentieren dieser Menschen dar.

Man braucht mir übrigens auch keinen Hass oder so unterstellen. Es amüsiert mich, hochmütige Menschen zu beleidigen, die denken, aus einem kleinen Vorkommnis gleich die gesamte Realität rekonstruieren zu können.

Ich gehe jetzt trotzdem mal auf die Fakten über die populärsten Vorurteile gegen Amerikaner ein und weiß schon jetzt, dass es keinen überzeugen wird. Nicht, weil die Argumente schwach wären. Nein. Weil praktisch jeder Mensch mit Vorurteilen denkt, die Realität zu kennen und sich nicht einreden lassen will, dass er eigentlich genauso wenig Ahnung hat wie alle anderen auch:

  1. Die Amerikaner sind das „dickste“ Volk der Welt: Zuerst einmal, Grundlage der Berechnung ist der BMI. Wenn man weiß, wie dieser ausgerechnet wird, dann weiß man auch, wie viel er aussagt. Jeder Mensch, der regelmäßig Sport treibt, schafft es mit Leichtigkeit ins Übergewicht. Auch nach herkömmlicher Statistik schaffen es die USA aber lediglich auf Platz 3. Mit 0,2% Unterschied zwischen dem Anteil der Fettleibigen zu Deutschland, dass auf Platz 4 steht. [1] Tja, so kann man sich als Lästerer natürlich auch demontieren.
  2. Amerikaner sind schießwütig: Dabei wird ja immer so gerne auf die tollen Zahlen verwiesen, die besagen, wie viele Menschen in den USA durch Schusswaffen sterben. Dass davon 60% Selbstmorde sind, die eben ohne Waffe mit Tabletten oder sonst wie ausgeführt worden wären … geschenkt. [2] In Deutschland wird seltener mit Schusswaffen gemordet, aber ein Tod durch Küchenmesser wäre mir nicht unbedingt lieber. Wer allerdings eine Phobie hat vor einem Tod durch schnell beschleunigte Metallkugeln, der ist in Europa genau richtig.
  3. Amerikaner sind rassistisch: Liebes Deutschland, als ich diese Aussage gehört habe wollte ich schon gar nicht mehr argumentieren, sondern nur „Halt die Fresse“ sagen. Die USA nehmen kaum Flüchtlinge aus Syrien auf, korrekt. Schaut euch aber doch mal die Statistik über die Anzahl von illegalen Flüchtlingen aus Mexiko usw. an. [3] Klar, läppische 6,8 Millionen, das ist ja praktisch nichts. Selbst wenn man es auf die verschiedenen Bevölkerungsgrößen umrechnet haben die USA mehr aufgenommen als Deutschland. Klar, nicht wirklich aufgenommen, aber Deutschland hat auch nicht aus Großherzigkeit gehandelt.

Ich könnte das jetzt noch weiterführen, aber das muss für den Anfang reichen. Es macht keinen Sinn, jedes Klischee einzeln zu zerpflücken. Wer sich von diesen Widerlegungen nachdenklich machen ließ, wird auch den Rest hinterfragen. Wer es nicht wurde, wird es auch nicht durch hundert weitere Seiten.

 

[1] http://www.bild.de/ratgeber/gesundheit/deutschland-in-europa-auf-platz-eins-10626788.bild.html

[2] http://derstandard.at/1293370442701/Hintergrund-Jaehrlich-30000-Tote-durch-Schusswaffen

[3] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/162288/umfrage/herkunftslaender-illegaler-einwanderer-in-den-usa/

Antiindustrielle Verschwörungstheorien

Im Gegensatz zu den antietatistischen Theorien, die meist noch etwas realistischer sind (im Sinne von denkbar, aber häufig dennoch falsch), sind antiindustrielle Verschwörungstheorien in sich selbst schon sehr unlogisch. Unter diesen Formen der Verschwörungstheorie kann man sich im Allgemeinen eine Schuldzuweisung gegen einzelne Zweige des Kapitalismus vorstellen, so ein pauschales Pharma-Bashing oder die einseitige Beschuldigung der Banken.

Im vorherigen Text zu seltsamen Ansichten zum Cannabis-Verbot (Der kiffende Aluhut) wurde schon eine solche Theorie etwas genauer analysiert. Ihr Fehler liegt auch weniger in der eigentlichen Meinung, sondern in der Problemlösung. Der Ruf nach einem stärkeren Staat. Nur gehen die Verschwörungstheoretiker selbst davon aus, dass der Staat nur dazu dient, der Industrie ihr Vermögen zu verschaffen und durch Lobbyismus der Eliten ausschließlich für diese agiert. Eine Stärkung des Staates würde, wenn man ihren Ausführungen folgt, dazu führen, dass die Ausbeutung zunähme, da dieser sich ohnehin nicht durchsetzen könne.

Dieser Widerspruch ist aber nur für diejenigen einer, die annehmen, dass Menschen in hohen Machtpositionen nicht fundamental anders denken, sondern einfach nur normale Wesen sind, die sich durch die jeweilige Sozialisierung so entwickelt haben. Doch eine Verschwörungstheorie geht nicht nur vom Kampf der Eliten und „dem Volk“ aus, sie geht auch von einem gänzlich anderen Charakter aus. Ein normaler Arbeiter gilt als rechtschaffen, er tut etwas für das, was er erhält und erschleicht sich nicht hinterhältig etwas. Dagegen sind die Eliten Ausbeuter, durch Heimtücke und Boshaftigkeit ergaunern sie sich Vermögen und verwenden das nur im eigenen Interesse. Wer diese Art von Denken etwas genauer erleben möchte, kann einfach die Kommentarspalte in einem Artikel lesen, der von der Milliardenspende Mark Zuckerbergs handelte. [1] Zuerst wird das Handeln heruntergespielt, danach sogar ein Willen dahinter vermutet, „das Volk“ um Steuergeld zu bringen und letztlich mündet es in einer großen Verschwörung. Auch bei den Theorien über eine AIDS-Verschwörung unterstellt man den Spendern für Schutzprojekte einen Willen zur Bevölkerungsreduktion und macht Menschen, die mit ihrem Geld etwas Gutes getan haben (denn AIDS ist eben nicht durch eine vitaminreiche Low-Carb-Diät zu bekämpfen!) zu Monstern, die die Wahrheit (wie immer nur dem Kopp-Verlag bekannt) vertuschen. [2]

Die antiindustriellen Verschwörungstheorien sind antisemitisch geprägt, im gleichen Ausmaß wie es die antizionistischen Agitationen sind. Der Antizionismus wechselt die Ebene, um direkt die Juden angreifen zu können, der regressive Antikapitalismus bleibt auf der biologisierenden Ebene, erweitert aber das Feindbild. Nicht selten werden für die Bankenkrise ausschließlich jüdische Banken verantwortlich gemacht, die Deutsche Bank hat für ihre Größe erstaunlich wenig Kritik erhalten, dahingegen wurden J.P. Morgan, Rockefeller (eigentlich beide nicht jüdisch, doch dieser Mythos zieht immer noch seine Kreise), Rothschilds und Goldman Sachs dagegen wurden in der Verschwörerszene schnell als Drahtzieher ausgemacht.

 

[1] http://www.zeit.de/digital/2015-12/mark-zuckerberg-vermoegen-spende-vater

[2] http://info.kopp-verlag.de/medizin-und-gesundheit/natuerliches-heilen/mike-adams/ungekuerzte-fassung-von-house-of-numbers-zeigt-schockierende-wahrheit-ueber-aids-.html

Die falschen Freunde Israels

Die neue Rechte, die sich als patriotisch und ethnopluralistisch versteht (ein Euphemismus für „Rassenhygiene“), bekennt sich in nicht unerheblichen Teilen als pro-israelisch, besonders die stark antimuslimisch und rassistisch ausgerichteten Aktivisten. Ihre angebliche Freundschaft zu Juden ist aber mehr Produkt der Selbstvergewisserung, kein „Nazi“ sein zu wollen, als wirkliche Kritik des Antisemitismus. Eine kurze Beschreibung des Auftritts eines Israeli bei Pegida auf der rechtspopulistischen Seite PI-News zeigt dabei vor allem die Bestrebung, sich von der eigenen Geschichte reinwaschen zu wollen. [1] Um ihr eigenes Selbstbild zu stärken, zitieren sie folgenden Teil aus der Rede von Dr. Rotem Avituv:

„Ich bin Jude, meine Familie lebte 700 Jahre in Deutschland und ich sage euch, ich sehe hier keine Nazis. Die Nazis sind die Linken. Hier sehe ich nur Patrioten, die dieses Land lieben und es schützen wollen vor dem Islam, der Deutschland übernehmen will, eure Traditionen, euren Glauben, … aber wir werden das nicht zulassen. Wir sind Deutsche, wir sind stolz auf unser Erbe, wir haben ein schönes Land.“ Und er sagt: „Wir vergeben euch.““

Bei sehr rechtslastigen Bewegungen fällt auf, dass sie sich schon als Nazi diskriminiert fühlen, bevor irgendjemand etwas sagen konnte. Die Parallele zum NS ist vermutlich schon darum unangenehm, weil sie das makellose Deutschlandbild der Patrioten beschmutzt. Sie wollen den NS nicht als Teil der deutschen Geschichte. Nicht weil sie ihn schlimm fanden, eher, weil er nicht erfolgreich war. Um sich distanzieren zu können wird die Solidarität mit den früheren Feinden vor sich als Monstranz hergetragen, die jüdischen Israelis werden dadurch zum Objekt der Befreiung von Schuld.

Natürlich lösen sich Ressentiments nicht in Luft auf. Sie zeigen sich nur in neuer Form, wie dem Antiamerikanismus, besonders aber einem irrationalen Ressentiment gegen die Politik, die für sie durchweg von Korruption und hinterlistigen Verschwörungen beherrscht ist. Die Auflistung der Eigenschaften der Politiker ähnelt dabei dem klassischen Antisemitismus, Gier, Unehrlichkeit, Hinterlist. Sie paktieren mit dem Großkapital, um dem „deutschen Volk“ zu schaden und es zu schwächen. Ebenso werden auch die Medien regelmäßig als Schuldige benannt, die die Katastrophen und Krisen der Gegenwart verschleiern und mit den Eliten zusammenarbeiten.

Während sich vor allem die extreme Rechte sehr stark gegen Israel und die USA richtet, müssen diese Elemente beim bürgerlichen Rechtspopulismus nicht mehr gegeben sein. Dieser wahrt sein bürgerlich-demokratisches Profil und neigt wegen seiner demokratischen Gesinnung automatisch zur Verneinung des Individuums. [2] Also werden auch die Juden zu einem Kollektiv. Eine Gruppe von Menschen, die auch als Kollektiv angegriffen wird, muss in deren Augen auch eine einheitliche Meinung zur richtigen Lösung und Antwort auf diese Angriffe haben.

Die freundschaftlichen Bande zu den Juden und Israel bekommen aber sehr schnell Risse, wenn bspw. der Zentralrat der Juden Entscheidungen trifft, die nicht dem Weltbild rechtspopulistischer oder rechtsradikaler Fanatiker entsprechen, oder diesem sogar klar widersprechen. Wer sich von den verbalen Entgleisungen der „besorgten Bürger“ eine kleine Geschmacksprobe antun möchte, der kann unter diesem ausgezeichnet recherchierten und beneidenswert neutral formulierten kleinen Text die Kommentare durchlesen. [3] (Zur Erinnerung, das sind die Menschen, die von der „Lügenpresse“ objektivere Berichte fordern)

Dort schreibt auch eine Person, die mit einem beneidenswerten fehlenden Wissen gesegnet ist und sich dabei amüsanterweise „Kulturhistoriker“ nennt:

„Was machen die juden, wenn es eines tages/bald kein
deutsches Volk
mehr gibt?“ (Ohne Korrekturen übernommen)

Wieder offenbart sich das Selbstbild der radikalen Rechten. Sie halten sich für den Stern am Himmel der Zivilisation und gehen davon aus, dass die Europäer kultiviert sind. Das deutsche Volk sei das Einzige, dass die Juden schützen könne, ohne Deutschland wären sie hilflos (wie uns die Geschichte lehrt). Das Judentum und Israel sind für sie nicht mehr als Projektionsfläche, mit deren Hilfe sie die Nationalsozialisten aus dem Rechtsradikalen ausschließen, um sich für deren Taten nicht mehr rechtfertigen zu müssen.

 

[1] http://www.pi-news.net/2015/01/httpwww-pi-news-netp445629/

[2] Demokratie und Nationalismus

[3] http://www.pi-news.net/2015/06/zentralrat-der-juden-ehrt-gruenen-paederastenfreund-volker-beck/

Bevölkerungsreduktion?

Die meisten Verschwörungstheorien haben, neben strukturellem Antisemitismus und klaren Feindbildern, noch ein weiteres Merkmal, dass sie einigt. Verschwörungstheorien werde ich hierzu nicht als einfache Hypothese über Geschehnisse definieren, sondern einen Begriff neu einführen, die allumfassende oder verkettete Verschwörungsideologie. Sie will nicht einige wenige oder ein einziges Vorkommnis erklären, sondern verknüpft die meisten politischen Entscheidungen oder Erklärungen zu einer einzigen Hypothese, die aufgrund ihrer Struktur schon nicht mehr wirklich angreifbar ist. Chemtrails, Impfkritik, HAARP oder auch strikte Waffengesetze und Flüchtlingsbewegungen werden in ihr zu einem Allgemeinen zusammengefasst (beliebig erweiterbar und auch nicht jede Hypothese muss geglaubt werden) und ein einfaches Ziel vermutet. So glauben viele Menschen an eine gezielte Reduktion der Bevölkerung.

Gegen diese Ideologie kann man zuvörderst einwenden, was gegen die meisten verketteten Verschwörungsideologien zu sagen ist. Sie erfordern ein Maß an Kontrolle und dauerhafter Präsenz, die schwer bis unmöglich aufrecht zu erhalten sind. Doch liegen auch hier Grundsatzbehauptungen vor, die an sich eine mögliche Angriffsbasis enthalten. Begründung für die Bevölkerungsreduktion soll z. B. eine angebliche Überbevölkerung der Erde sein, die die Eliten verhindern wollen. [1] An diesem verlinkten Text, der den meisten anderen Schwurbeleien zu diesem Thema entspricht, werde ich meine Hinterfragung durchführen, inhaltlich ähnelt er den meisten anderen aus diesem Bereich weitestgehend.

Zuerst fallen die vielen logischen Fehlschlüsse auf. Einflussreiche Personen vertreten eine Meinung, in diesem Fall die, dass es zu viele Menschen gibt und eine reduzierte Menschheit besser wäre. Daraus wird gefolgert, dass diese Reduktion gewaltsam und aktiv stattfinden soll, durch Propaganda, Seuchen und Vergiftung. Und daraus, dass sie auch stattfindet. Die weiterführenden Schlüsse sind durchweg unlogisch oder zumindest leicht angreifbar. Sie widerlegen die Hypothese nicht, sagen aber aus, dass es eine Deutungsmöglichkeit wäre und diese keineswegs so naheliegend ist, wie suggeriert werden soll.

Ein weiterer Kritikpunkt wäre die Tatsache, dass gerade „die Medien“ nicht daran arbeiten, Angst vor Überbevölkerung zu schüren. Anbei zweiTexte aus Medien mit großer Reichweite aus Deutschland, die genau diese Hypothese kritisieren. [2] [3] In der dritten Verlinkung wird auch erwähnt, woher der Mythos kommt, eine Milliarde sei die Obergrenze, die die Welt verkraften könne. Vor rund 250 Jahren wurde diese These von dem britischen Ökonomen und Pastor Thomas Malthus formuliert. Dabei wird übersehen, dass heutzutage andere Bedingungen in Wirtschaft und Nahrungsmittelproduktion herrschen, ein Vielfaches des damalig Verfügbaren herstellbar ist.

So vertritt die Szene weiterhin die Theorie, Chemtrails seien verantwortlich, Impfungen und Seuchen. Dass Seuchen bislang auch ohne menschliches Zutun auftraten und gerade die Pestepidemien des Mittelalters sicher nicht menschlichen Ursprungs waren (abgesehen von schlechter Hygiene) zeigt wieder, dass ewige Reduktion auf den Menschen dazu führt, der Natur nicht mehr zuzutrauen. Die Hypothesen über Chemtrails und Impflüge wurden schon vielfach widerlegt, zu ersteren habe ich einen eigenen Text geschrieben (Chemtrails und ihre Plausibilität) zum Thema Impfen viele andere Publikationen, für’s erste empfehlenswert ist aber der Beitrag von Harald Lesch. [4] Wenn nun aber schon die Art und Weise der Reduktion einerseits widerlegt und andererseits ungenau ist, dann bleibt nur der Schluss auf die Falschheit der Hypothese oder zumindest die Feststellung, dass für sie keine Belege existieren.

Nur ist es klar, dass der Verschwörungsideologe keine Widerlegung seiner Basishypothesen, die zur Erfüllung des vermuteten Plans existieren, als Widerlegung seiner Ideologie gelten lassen wird. Ein wirklicher Ideologe glaubt nicht wegen Chemtrails an eine Reduktion, sondern an die Chemtrails wegen der Reduktion. Das Gedankengebäude selbst stellt eine Kapsel dar, die auf die äußeren Hypothesen nicht wirklich angewiesen ist, selbst wenn man sie vom Unsinn der Impflüge überzeugt, so werden sie sich Ersatzhypothesen heranziehen. Warum also ist eine Bevölkerungsreduktion im großen Stile an sich unmöglich?

Sie setzt einige Dinge prinzipiell voraus, ohne die es nicht geht:

  • Eine globale Elite, die sich in Ziel und Umsetzung einig ist.
  • Weitestgehend ausgeschaltete Einflussmöglichkeiten auf wirklich wichtige Schlüsselrollen innerhalb der Gruppe von außen.
  • Möglichkeiten, die eigene Verschonung zu garantieren (eine derart rücksichtslose Machtelite würde sich wohl kaum selbst mit ins Grab nehmen).
  • Verhinderung von Einzelgängen und Gruppenbildung in der Elite.

Wenn Kriege z. B., wie in dem verlinkten Text erwähnt, nur der Bevölkerungsreduktion dienten, so müssten die Kriegsparteien sich einig darüber sein, was das Ziel ist und diesen Krieg auch gezielt lostreten. Ergo müssten auch Kim Jong Un und Obama beste Freunde sein, was wieder überraschen lässt. Wäre da Ziel die Reduktion der Menschheit, könnte man Kim Jong Un doch einfach bomben lassen und ihn dann „absägen.“ Er wäre sich seinerSicherheit bewusst, schließlich wäre alles abgesprochen. Putin müsste ebenso Teil sein, die arabischen Eliten, die israelischen, die amerikanischen, auch die EU, Asiens und Südamerikas Herrscher-Rackets usw. Eine ziemlich große Menge von Menschen, die nach den Artikel allesamt über soziopathische Empathielosigkeit verfügen. Wie soll sie ohne gruppeninternen Streit auskommen und immer die gleichen Ziele verfolgen? Hält das wirklich jemand für realistisch?

 

[1] https://www.zeitenschrift.com/artikel/ueberbevoelkerung-eine-milliarde-ist-genughttps://www.zeitenschrift.com/artikel/ueberbevoelkerung-eine-milliarde-ist-genug

[2] http://www.deutschlandradiokultur.de/ueberbevoelkerung-wie-viele-menschen-vertraegt-die-erde.970.de.html?dram:article_id=290939

[3] http://www.sueddeutsche.de/wissen/ihre-frage-ist-die-erde-bereits-ueberbevoelkert-1.2167653

[4] https://www.youtube.com/watch?v=bjvripLfflc

Wie widerlegt man Weltbildimmunisierung?

Um das eigene Weltbild argumentativ zu immunisieren werden von Verschwörungstheoretikern (und auch anderen Ideologen) einige Taktiken verwendet, die auf Laien oftmals überzeugend wirken:

  1. Der Diskussionsgegner wird als unkritisch diffamiert. Unterstellt man dem Gegenüber, er wäre unkritisch und würde blind der „kontrollierten Presse“ glauben, so macht man dessen Argumente gleich mit unglaubwürdig. Jeder Verweis auf Quellen, die eigentlich den Verschwörungstheoretiker und seine Verschwörungstheorien widerlegen würden, wird damit im Voraus gekontert und „widerlegt,“ ohne die Aussage wirklich hinterfragen zu müssen. Hilfreich ist es, dieses „Argument“ mit Nachfragen zu seinen Quellen zu entkräften und den Gegenüber in die Ecke zu drängen, wenn er aufzeigen muss, dass seine Eigenen den Kriterien selbst nicht entsprechen. Dieser Gegen-Konter ist zwar zuerst einmal Whataboutism und könnte so angegriffen werden, man kann darüber aber klar machen, dass die Aussage über „kontrollierte Medien“ selbst aus Medien stammt, die ihre eigene Kontrolliertheit nicht widerlegen können.
  2. Der Gegenüber ist bezahlter Troll. Vor allem im Internet erfreut sich dieser Angriff hoher Beliebtheit. Wiederum muss der Verschwörungstheoretiker nichts beweisen, man selbst ist aber in der Situation, nicht mehr argumentieren zu können, da dieser Verweis jede logische Grundüberlegung ohne Basis zur Seite schieben kann. Darauf ist meistens der Konter der so Angegriffenen eine Ironisierung der Behauptung und gespielter Ärger darüber, dass die Tarife für bezahlte Trolle gesenkt wurden oder Ähnliches (was zugegebenermaßen bei Leuten Spaß macht, die man ohnehin nicht mehr überzeugen kann). In einer ernsthaften Diskussion, bei der es häufig auch eher darauf ankommt, Zuschauer oder Mitlesende auf die eigene Seite zu ziehen, ist es aber hilfreicher, das behauptete kritische Denken des Gegenübers anzugreifen und ihm im Gegenzug aufzuzeigen, dass er sein Weltbild aktiv immunisiert. Also eine direkte und konfrontative Dekonstruktion seiner Argumentationsmuster. Es mag unfair klingen, aber der Effekt ist für Zuhörende meist der Gegenteilige, da der Verschwörungstheoretiker selbst als unkritisch entlarvt wurde, wird ihm nicht mehr geglaubt. Es gilt aber auch hier, wenn der Verschwörungstheoretiker Argumente nennt, dürfen diese nicht in gleicher Manier beiseite gewischt werden. Kritisches Denken bedeutet nicht, immer die offizielle Version blind zu glauben, sondern auch die Gegentheorien einer ernsthaften Prüfung zu unterziehen. Meisten stellen sie sich auch wirklich als falsch heraus.
  3. Schwarz-Weiß-Denken. Durch ein bloßes „Wir“ und „die Anderen,“ kann der Verschwörungstheoretiker leicht aus der Absurdität einiger Behauptungen der Regierung, die nachweislich falsch sind, eine allgemeine Richtigkeit seiner Verschwörungstheorien schließen. Kontern lässt sich dieses Denkmuster aber auch recht leicht. Man nimmt blödsinnige und offenkundig peinliche Verschwörungstheorien und schließt darauf ironisch auf die allgemeine Falschheit aller Verschwörungstheorien. Der Gegner wird es natürlich so widerlegen wollen, dass er diese als unsinnig bezeichnet und darauf hinweist, dass das Theorien waren, die er nie vertreten hat. Und anhand dieser unfreiwilligen Widerlegungen seiner eigenen Herleitung zeigt man mit dieser, am Besten im weitestgehend gleichen Wortlaut, dass seine eigene ebenso Unfug ist.
  4. Gedankenkontrolle. Viele Verschwörungstheoretiker nehmen eine Gedankenkontrolle durch Regierungen und Eliten an. Das Argument, das sie daraus zimmern, ähnelt dem des Ersten, der Diffamierung als Schlafschaf. Doch kann dieses noch weitaus eleganter gekontert werden. Und zwar, indem man den Gegner in solche Höhen lobt, dass jedem Zuschauer / -Hörer die Lächerlichkeit dieser Immunisierung klar wird. Durch ein Lob dafür, dass der Gegner scheinbar eine hohe geistige Überlegenheit besitzt, da er es schafft, trotz aktiver Kontrolle doch nicht kontrolliert zu sein und Gedanken haben zu können, die mit dieser gar nicht möglich sein dürften, er also ein wahrlich überlegenes Genie sein müsse, wird den meisten noch-nicht-Verblendeten klar, dass eine angebliche Gedankenkontrolle, die ihre eigene Kritik zulässt, vollkommen unlogisch ist.
  5. Die Opferrolle. Durch die Behauptung, sie würden verfolgt, stigmatisiert und ausgegrenzt, immunisieren sich viele „Truther“ gegen Kritik. Dabei wird unbewusst darauf spekuliert, dass fortan jede Kritik an ihnen als Bestätigung dieser These durch die Zuhörer wahrgenommen wird. Besonders unangenehm sind Vergleiche mit der Verfolgung der Juden im dritten Reich, die man aber schon alleine durch eine Aufzählung der Ungerechtigkeiten, Gewalttaten und Diskriminierungen gegen Juden in der NS-Zeit widerlegen kann. Einfacher ist es aber, die Opferrolle an sich zu widerlegen, bzw. sich selbst in diese hineinzubegeben. Füllt man ihren Begriff einfach mit dem eigenen und wiederholt, dass man als Linker / Libertärer / Konservativer o. Ä. verfolgt würde, und zählt dann die Kritik der großen Medien an der eigenen Position auf, so bleibt dem Verschwörungstheoretiker nicht mehr viel Kontermöglichkeit. Entweder, er widerlegt deine Darstellung und nimmt sich selbst die Grundlage für seine eigene Rolle. Darauf müsste er sich in der Diskussion neu positionieren, was die Basis für weitere Immunisierung nimmt, oder direkt auf das Sachliche ausweichen. Oder aber, er widerlegt deine Darstellung nicht und versucht mit einem Manöver auszuweichen, wobei man abwägen muss, in welchem Teil des Gespräches man grundlegender auseinandernehmen kann.