Unser Schulsystem – Selig sind die geistig Armen

Man muss gar nicht mit Statistiken um sich werfen um logisch zu erklären, warum unser Schulsystem nichts bringt. Wie erwähnt, es reicht, die gute alte Logik zu bemühen und ein anderes Fazit wird kaum zustande kommen. Aber genug der Polemik.

Stellen wir uns eine Person vor, die alles Wissen in sich vereint. Logische Schlüsse aus diesem Wissen kann er aber nicht ziehen und Verknüpfungen zwischen den Teilbereichen nicht knüpfen. Eine zweite Person kann nun in ihrem ganzen Leben niemals so viel Wissen anhäufen wie die andere, aber dafür Schlüsse ziehen und alles zu einem großen Ganzen verknüpfen. Würden Sie diese zweite Person nun zwingen, so viel wie möglich auswendig zu lernen, oder würden Sie ihr beibringen, wie man logisch schlussfolgert, aus bereitgestellten Daten einen Zusammenhang konstruiert und über das Bekannte hinausdenkt? Ich bin mir sicher, Sie würden die zweite Möglichkeit wählen.

In unserem Schulsystem läuft es nun aber andersrum. Wer auswendig lernen kann kommt weit, wohingegen Menschen, denen die Disziplin fehlt, stumpf Vokabellisten auswendig zu lernen (zum Beispiel ADS/ADHS-Erkrankte), regelmäßig schlecht abschneiden. Über die Intelligenz oder auch nur die wirklich erworbenen Fähigkeiten sagt das NICHTS aus.

Das es bei Sprachen auch ums Auswendig-Lernen geht ist nur logisch. Problematisch ist es aber, dass diese Mentalität auf Fächer wie Physik, Mathematik oder Ethik angewandt wird. Der Grund, dass Mathematik und Physik vielen schwerfällt ist, dass Formeln und Axiome auswendig gelernt werden, ohne zu verstehen WARUM sie funktionieren. Wie sehr sich zum Beispiel die Schulmathematik von der „richtigen“ Mathematik unterscheidet ist mir bewusst geworden, als ich begann, mich selbst in meiner Freizeit damit zu befassen.

Die Mathematik als aufeinander aufbauendes Gebäude KANN nur als solches verstanden werden. Was für einen Sinn ergibt es, Ableitungen zu erklären, wenn den Schülern noch nicht einmal klar gemacht wurde, was eine Funktion an sich überhaupt ist? Diese werden brav die Formel auswendig lernen, in der Klassenarbeit perfekt ableiten aber nicht wissen, was sie überhaupt gemacht haben. Jedes neue Themengebiet wird vermittelt, als wäre es etwas komplett anderes, als hätten Analysis und Geometrie nichts miteinander zu tun. Die Fähigkeit der Schüler Verknüpfungen herzustellen wird systematisch abgetötet.

Gerade im Bezug auf Mathematik erlebt man in der Schule eine Abkehr von Theorie und Abstraktheit. Alles muss praxisdienlich sein und kapitalistisch verwertbar. Genau wie schon das G8 ein Geschenk an die Industrie war, ist es die Verbannung von praktisch (noch) nicht verwertbarem Wissen. Die Gesellschaft ist mittlerweile so kapitalistisch geprägt, dass sie sofortige Ergebnisse fordert und „Effizienz“, die aber nur darin besteht, möglichst wenig Zeit aufzuwenden. Das Resultat ist, dass Wissen nicht verinnerlicht wird, sondern sofort durch den neuen Lernblock, der aufgetischt wird, verdrängt. Die Effizienz ist also auf lange Sicht ineffizient, denn das, was unser Bewusstsein ausmacht, assoziatives Denken, wird wegrationalisiert.

Das Schulsystem darf nicht nach den Maßstäben von Zeitersparnis und Rationalisierung ausgerichtet werden, wenn es wirklich Bildung vermitteln möchte. Das Bulimie-Lernen nutzt niemandem etwas, macht Abschlüsse wertlos und erschwert später den Einstieg in das Studium oder den Beruf, denn dort werden dann genau diese Kompetenzen gefordert, die zuvor wegrationalisiert wurden.

Ein weiterer großer Fehler des Systems ist, dass jede Leistung unbedingt verglichen werden muss. Pisa-Studien und Noten können höchstens näherungsweise bei der Leistungseinschätzung in einigen wenigen Disziplinen hilfreich sein. Auch hier wird aber wieder nur gemessen, was auch ein Computer leisten könnte. Jemand, der in sämtlichen abgefragten Bereichen der Mathematik gute Noten bekommt ist nicht automatisch ein guter Mathematiker. Euler, Gauß, Riemann, Cauchy, Ramanujan und andere große Mathematiker waren vor allem darum außergewöhnliche Wissenschaftler, weil sie Verknüpfungen herstellten und kreativ dachten. All das gilt auch für die anderen Wissenschaften. Das Problem ist für das System aber, dass kreatives Denken nicht in eine Zahl zu pressen ist. Mit dem Notensystem schaffte man die Grundlage einer angeblich objektiven Bewertung, darauf folgt aber, dass das wirklich Relevante verbannt werden muss, um „objektiv“ sein zu können.

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