Unser Schulsystem – Seelig sind die geistig Armen

Man muss gar nicht mit Statistiken um sich werfen um logisch zu erklären, warum unser Schulsystem nichts bringt. Wie erwähnt, es reicht, die gute alte Logik zu bemühen und ein anderes Fazit wird kaum zustande kommen. Aber genug der Polemik.

Stellen wir uns eine Person vor, die alles Wissen in sich vereint. Logische Schlüsse aus diesem Wissen kann er aber nicht ziehen und Verknüpfungen zwischen den Teilbereichen nicht knüpfen. Eine zweite Person kann nun in ihrem ganzen Leben niemals so viel Wissen anhäufen wie die andere, aber dafür Schlüsse ziehen und alles zu einem großen Ganzen verknüpfen. Würden Sie diese zweite Person nun zwingen, so viel wie möglich auswendig zu lernen, oder würden Sie ihr beibringen, wie man logisch schlussfolgert, aus bereitgestellten Daten einen Zusammenhang konstruiert und über das Bekannte hinausdenkt? Ich bin mir sicher, Sie würden die zweite Möglichkeit wählen.

In unserem Schulsystem läuft es nun aber andersrum. Wer auswendig lernen kann kommt weit, wohingegen Menschen, denen die Disziplin fehlt, stumpf Vokabellisten auswendig zu lernen (zum Beispiel ADS/ADHS-Erkrankte), regelmäßig schlecht abschneiden. Über die Intelligenz oder auch nur die wirklich erworbenen Fähigkeiten sagt das NICHTS aus.

Das es bei Sprachen auch ums Auswendig-Lernen geht ist nur logisch. Problematisch ist es aber, dass diese Mentalität auf Fächer wie Physik, Mathematik oder Ethik angewandt wird. Der Grund, dass Mathematik und Physik vielen schwerfällt ist, dass Formeln und Axiome auswendig gelernt werden, ohne zu verstehen WARUM sie funktionieren. Wie sehr sich zum Beispiel die Schulmathematik von der „richtigen“ Mathematik unterscheidet ist mir bewusst geworden, als ich begann, mich selbst in meiner Freizeit damit zu befassen.

Die Mathematik als aufeinander aufbauendes Gebäude KANN nur als solches verstanden werden. Was für einen Sinn ergibt es, Ableitungen zu erklären, wenn den Schülern noch nicht einmal klar gemacht wurde, was eine Funktion an sich überhaupt ist? Diese werden brav die Formel auswendig lernen, in der Klassenarbeit perfekt ableiten aber nicht wissen, was sie überhaupt gemacht haben. Jedes neue Themengebiet wird vermittelt, als wäre es etwas komplett anderes, als hätten Analysis und Geometrie nichts miteinander zu tun. Die Fähigkeit der Schüler Verknüpfungen herzustellen wird systematisch abgetötet.

Gerade im Bezug auf Mathematik erlebt man in der Schule eine Abkehr von Theorie und Abstraktheit. Alles muss praxisdienlich sein und kapitalistisch verwertbar. Genau wie schon das G8 ein Geschenk an die Industrie war, ist es die Verbannung von praktisch (noch) nicht verwertbarem Wissen. Die Gesellschaft ist mittlerweile so kapitalistisch geprägt, dass sie sofortige Ergebnisse fordert und „Effizienz“, die aber nur darin besteht, möglichst wenig Zeit aufzuwenden. Das Resultat ist, dass Wissen nicht verinnerlicht wird, sondern sofort durch den neuen Lernblock, der aufgetischt wird, verdrängt. Die Effizienz ist also auf lange Sicht ineffizient, denn das, was unser Bewusstsein ausmacht, assoziatives Denken, wird wegrationalisiert.

Das Schulsystem darf nicht nach den Maßstäben von Zeitersparnis und Rationalisierung ausgerichtet werden, wenn es wirklich Bildung vermitteln möchte. Das Bulimie-Lernen nutzt niemandem etwas, macht Abschlüsse wertlos und erschwert später den Einstieg in das Studium oder den Beruf, denn dort werden dann genau diese Kompetenzen gefordert, die zuvor wegrationalisiert wurden.

Ein weiterer großer Fehler des Systems ist, dass jede Leistung unbedingt verglichen werden muss. Pisa-Studien und Noten können höchstens näherungsweise bei der Leistungseinschätzung in einigen wenigen Disziplinen hilfreich sein. Auch hier wird aber wieder nur gemessen, was auch ein Computer leisten könnte. Jemand, der in sämtlichen abgefragten Bereichen der Mathematik gute Noten bekommt ist nicht automatisch ein guter Mathematiker. Euler, Gauß, Riemann, Cauchy, Ramanujan und andere große Mathematiker waren vor allem darum außergewöhnliche Wissenschaftler, weil sie Verknüpfungen herstellten und kreativ dachten. All das gilt auch für die anderen Wissenschaften. Das Problem ist für das System aber, dass kreatives Denken nicht in eine Zahl zu pressen ist. Mit dem Notensystem schaffte man die Grundlage einer angeblich objektiven Bewertung, darauf folgt aber, dass das wirklich Relevante verbannt werden muss, um „objektiv“ sein zu können.

Dr. Kurosch Yazdi – Lügen über Cannabis

Oder auch: Wie man mit Panikmache und Halbwahrheiten Geld verdient. Dr. Kurosch Yazdi ist der neue Star der Ewiggestrigen, ein Suchtmediziner, der seine alltägliche Erfahrung mit dem Minimalanteil der Kiffer, die ihren Konsum nicht unter Kontrolle haben, als Argumentationsbasis nutzt um über Cannabis „aufzuklären“. Ich werde hier nicht im Speziellen auf sein Buch eingehen, sondern auf Aussagen von ihm in Artikeln über dieses Thema, einem zu Cannabis und einem anderen zu Magic Mushrooms.

Zuerst einmal etwas, das einfach raus muss. Warum haben die Aussagen von Suchtmedizinern überhaupt ein solches Gewicht in der Debatte? Primär ist diese Debatte eine kriminologische, soziologische und philosophische. Ob Cannabis schädlich ist oder nicht ist ziemlich zweitrangig, denn es geht um die Frage, wie sich ein Verbot oder eine Legalisierung auf die Gefährlichkeit und die Schädlichkeit auswirken. Wie bereits im Artikel Argumente gegen Legalisierung? dargelegt gibt es keine Zunahme des Konsums durch die Legalisierung, darum ist die Schädlichkeit auch irrelevant. Wenn Menschen trotz Verbot in genau so großem Maße konsumieren und sich durch Streckmittel, Schwarzmarkt und Repression noch zusätzlichen Gefahren aussetzen, dann ist die Gefährlichkeit kein logisches Argument gegen die Legalisierung. Vor allem ergibt es gerade keinen Sinn, eine teure Politik beizubehalten, die die Probleme verschärft, anstatt Geld einzunehmen, Probleme zu lösen und zu sparen.

Allerdings scheint dieser Suchtmediziner nicht einmal wirklich über die Gefährlichkeit von Cannabis (und anderen Substanzen) Bescheid zu wissen. In einem recht unkritischen Bericht über das Buch „Die Cannabis-Lüge“ werden Aussagen daraus wiedergegeben (die folgen:

„Es darf in einigen Bundesstaaten der USA und in einigen EU-Staaten zumindest aus medizinischen Gründen konsumiert werden. Das fordern manche Ärzte, die in Cannabis ein Wundermittel zur Behandlung von Schmerzen oder Depressionen sehen, auch für Österreich. Vielerorts wird eine Legalisierung der Droge zumindest diskutiert und Kiffen als vergleichsweise harmlos betrachtet. Kurosch Yazdi, Vorstand der Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin des Kepler-Universitätsklinikums in Linz, ist gegen eine solche Verharmlosung und hat darüber nun ein Buch mit dem etwas plakativen Titel „Die Cannabis-Lüge. Warum Marihuana verharmlost wird und wer daran verdient“ geschrieben. Darin räumt er mit Vorurteilen über die vermeintlich „weiche“ Droge auf. Er präsentiert Studien, die zeigen, wie sich der regelmäßige Konsum über viele Jahre hinweg auf den Intelligenzquotienten auswirken kann, und berichtet in plauderhaftem, auch für Laien leicht verständlichem Tonfall Anekdoten aus seinem Alltag als Leiter einer Suchtabteilung in Linz.“

Cannabis wird nicht als vergleichsweise harmlos betrachtet, es IST vergleichsweise harmlos, wenn es zum Beispiel mit Tabak oder Alkohol verglichen wird. Ebenso ist der Alltag als Leiter einer Suchtabteilung sicher nicht repräsentativ, denn wer keine Probleme mit Cannabis hat landet dort auch nicht. Als Wissenschaftler sollte ihm eigentlich bekannt sein, dass letzten Endes die Statistik zählt und nicht die tendenziöse Gruppe an Menschen aus seiner Alltagserfahrung. Wenn man nur Abhängige und Suchtkranke kennt, die Cannabis konsumieren ist es nicht verwunderlich, dass man einen viel zu subjektiven Blick auf die Substanz entwickelt.

Eine Minderung der Intelligenz bei exzessivem Konsum von Minderjährigen ist in meinen Augen auch keine besonders schwere Nebenwirkung. Stellt man zum Vergleich den exzessiven Amphetamin-/Alkohol-/Tabak- oder Fastfood-Konsum dar, dann muss man schlussfolgern: Lieber Kiffen als McDonald’s. Allerdings sichern die Autoren sich mit dem Wort „vergleichsweise“ gut ab, denn womit sie es vergleichen verschweigen sie. Grüntee ist sicherlich ungefährlicher und eine „weichere“ Droge als Cannabis, ebenso LSD, Pilze oder auch MDMA (nicht den gestreckten Müll vom Schwarzmarkt, in dem MDMA teilweise nur noch in Spuren oder gar nicht drin ist), aber verglichen mit den gesellschaftlich anerkannten Substanzen kommt Gras ziemlich gut weg. Zudem ist eine angebliche Intelligenzminderung 2016 widerlegt worden, ein Jahr vor Buchveröffentlichung. Wer Andersdenkenden Lügen und Manipulation vorwirft sollte vielleicht etwas genauer recherchieren, alles andere ist unmoralisch und auch unanständig, schließlich diskreditiert er viele Wissenschaftler, die viel Arbeit und Leidenschaft in die Forschung investieren als Heuchler. Wo Cannabis als Wundermittel unkritisch verherrlicht wird sollte ebenfalls einmal genauer ausgeführt werden. Dr. Kurosch Yazdi wirft mit Behauptungen um sich, die er seltenst belegt, aber wirft im Umkehrschluss Kritikern vor, sie würden nur emotional argumentieren und Fakten ignorieren.

Die Tatsache, dass von einer Legalisierung sicher viele profitieren würden ist kein Argument, um Wissenschaftler zu diskreditieren, die viel mehr Geld verdienen könnten, wenn sie sich der Pharmaindustrie anschlössen und gegen Cannabis wetterten. Denn schließlich ist die großzügige Unterstützung der Repression durch Pharmaunternehmen bekannt.

„Denn in den letzten Jahren kommen immer häufiger Menschen zu ihm, die unter den Folgen von Cannabiskonsum leiden, schreibt der Psychiater und erzählt von Patienten, die abhängig sind und im schlimmsten Fall Psychosen oder eine Cannabis-Demenz – ähnlich einer Alkoholdemenz bei langjährigen Alkoholkranken – entwickeln.“

Cannabis-Demenz? Mir ist eine solche Erkrankung nicht bekannt, auch den Untiefen des Internets scheint diese geheimnisvolle Krankheit nicht entlockbar zu sein. Nur das hier war dazu zu finden, ein Artikel, der über den gegenteiligen Effekt bei Mäusen berichtet, nämlich eine „Verjüngung“ des Gehirns. Und einen weiteren Text, der aufzeigt, dass Pfleger in israelischen Altenheimen in denen Cannabis häufig verschrieben wird beobachten, dass THC die Bewohner geistig reger macht. Auch hier äußert Yazdi eine bloße Behauptung, die entweder schlecht recherchiert, extrem subjektiv beobachtet oder einfach gelogen ist.

Die Psychose-Gefahr im Bezug auf Gras wird mittlerweile auch infrage gestellt bzw. modifiziert. Der renommierte Mediziner Dr. Franjo Grotenhermen berichtet über eine Meta-Studie, die zu dem Ergebnis kommt, dass das Risiko, eine Schizophrenie auszulösen, sehr gering sei. (Im Artikel wird weiter angegeben, dass die Meta-Studie die Schwäche hat, niedrig-potentes Cannabis mit hochpotentem in einen Topf zu werfen. Doch auch wenn diese Ungenauigkeiten herausgerechnet werden kommt ein niedrigeres Risiko heraus als erwartet. Ebenso muss berücksichtigt werden, dass gerade psychisch belastete Personen ein höheres Risiko für Missbrauch und Abhängigkeit haben, was die Gefährlichkeit von Cannabis statistisch gesehen fälschlicherweise erhöht). Natürlich lernt Herr Yazdi viele Menschen kennen, die an einer solchen Psychose erkrankt sind. Schließlich ist er Suchtmediziner und Psychiater, es ist sein Job, täglich mit diesen zu tun zu haben. Dass eine Psychiatrie mit schweren Psychosefällen wenig mit dem gesellschaftlichen Querschnitt zu tun hat sollte eigentlich einleuchtend sein.

„Was Yazdi nicht will: mit erhobenem Zeigefinger moralisieren oder Gelegenheitskiffer kriminalisieren. Gefährlich werde es, wenn regelmäßig gekifft wird. Er schreibt über erschreckende Extremfälle und warnt besonders junge Menschen. Denn bis zum 25. Lebensjahr sei das Gehirn noch im biologischen Reifungsprozess – Schäden zu dieser Zeit seien also besonders dramatisch. Umfragen hätten aber ergeben, dass in den US-Bundesstaaten, in denen legalisiert ist, die Zahl der kiffenden Jugendlichen dramatisch gestiegen ist – auch, so argumentiert Yazdi, weil der Bevölkerung damit vorgegaukelt wird, dass es sich um eine harmlose Substanz handelt.“

Yazdi möchte das Drogenverbot und die Repression erhalten. Menschen ihren Lebenswandel vorzuschreiben, weil man ihn für verwerflich hält und diese dafür zu bestrafen ist sowohl moralisierend als auch kriminalisierend. Genau das ist doch die Essenz seiner Behauptungen. Der Mensch kann nicht für sich selbst entscheiden, darum soll ihm die Entscheidungsfreiheit über seinen Körper genommen werden. Den eigenen Lebensentwurf als Absolutum vorzuschreiben ist nicht nur ein erhobener arroganter Zeigefinger, sondern auch ein Mittelfinger an all jene, die unter der Repression leiden. Und dass die Zahl der kiffenden Jugendlichen in den US-Bundesstaaten, welche legalisierten, gestiegen sei ist ebenfalls einfach nur gelogen, was man hier nachlesen kann.

Mit einer Legalisierung wird auch nicht „vorgegaukelt“, dass die Substanz harmlos sei. Würde jemand Aceton trinken, weil es legal erhältlich ist? Würde jemand behaupten, Rauchen wäre gesund, weil es legal ist? Glaubt irgendjemand, Alkohol, Aspirin, Antidepressiva usw. hätten alle keine Nebenwirkungen, weil sie legal erhältlich sind? Diese Behauptung ist grundlegend unlogisch und nur ein Vorwand, Legalisierung schlecht zu reden.

Interessant ist auch, dass die einzigen Experten, die aggressiv gegen diese Meinnung agitieren, Suchtmediziner sind, Thomasius und Yazdi gehören z. B. beide diesem akademischen Teilbereich an, der eigentlich in der Legalisierungsfrage nichts zu suchen hat. Denn Suchtmediziner profitieren von Menschen, die Probleme mit Substanzen haben. Außerdem ist bekannt, dass die Pharmaindustrie gegen die Cannabis-Legalisierung schießt und Ärzte oft gute Kontakte zu diesen Konzernen haben. Das ist natürlich eine Unterstellung, aber unwahrscheinlich ist eine kleine Motivationsfinanzspritze für den werten Herrn Yazdi auch nicht. Selbst wenn sie ausblieb, nicht abzustreiten ist, dass er an der fehlenden Aufklärung und der Drogenkatastrophe verdient und sicher nicht an Schadensminimierung interessiert ist. Falls er das nicht sein sollte und dennoch gegen die Legalisierung argumentiert, muss man ihm nämlich unterstellen, dass er von dem Gebiet der Drogenpolitik keine Ahnung hat und dennoch in schöner Dunning-Kruger-Manier renommierte Forscher auf diesem Gebiet als Heuchler und unfähig beschimpft. Wer sich über Cannabis als Medizin wirklich informieren will sollte eher das Buch „Hanf als Medizin“ von Dr. med. Franjo Grotenhermen lesen, da der Autor sich seit Jahren wirklich intensiv und vor allem objektiv mit dem Thema auseinandersetzt.

Ein weiterer Artikel derselben Zeitung ist fast schon lustig. Es geht nicht um Cannabis, sondern das therapeutische Potential und die „Gefahren“ von Magic Mushrooms. Die nachfolgenden Zitate sind diesem Artikel entnommen:

„Bei der Studie wurden 51 Krebspatienten, die unter Todesängsten und Depressionen litten, eine kleine Menge dieses Stoffes verabreicht. Diese haben sich daraufhin bis zu sechs Monate lang besser und zuversichtlicher gefühlt, ihre Lebensqualität hat sich laut Studienautoren erhöht.

Ergebnisse, die Kurosch Yazdi, Vorstand der Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin des Kepler-Universitätsklinikums in Linz, „spannend“ findet. Von einer „Wunderwaffe gegen Depressionen“, wie es in Medienberichten dazu hieß, will er aber nicht sprechen: „Wir Psychiater wissen: Für jedes Medikament gibt es Studien, die angeblich aufsehenerregend sind. Aber oft schaut man sich dann die Placebo-Zahlen an und kommt darauf: Hoppala, bei denen gab es ja auch super Ergebnisse.“

Für diese schlicht und ergreifend erlogene Aussage gibt er natürlich keine Quellen an. Denn wenn nicht einmal Antidepressiva anschlagen, die ja sehr wohl einen Wirkstoff enthalten, wieso sollten Placebos dann plötzlich genauso gut anschlagen wie Psilos, vor allem weil es eine Zulassungsbedingung für ein Medikament ist, dass es besser wirkt als ein Placebo? Kurz zusammengefasst: Psilos wirken de facto um Welten besser als Antidepressiva und Antidepressiva MÜSSEN besser als Placebos wirken, um zugelassen zu werden, wie kann man dann behaupten, dass Placebos vermutlich genauso gut wirken wie das Psilocybin?

In dem verlinkten Artikel zur Psilocybin-Studie wird auch beschrieben, dass die antidepressiven Effekte monatelang anhielten, nach nur einer Einnahme und nachfolgender Auseinandersetzung mit der Erfahrung in einem psychotherapeutischen Setting. Auch wenn ich das nicht wirklich belegen kann, so sind meine Erfahrungen, dass Psychotherapie nichts oder nur wenig bewirkt. Vor allem für unsere Ärzteschaft, die größtenteils dazu dient, der Pharmaindustrie neue Aufträge zu beschaffen (die polemische Formulierung ist vielleicht übertrieben, aber auch nicht so übertrieben wie man sich wünschen würde) ist darum ein Medikament, das nach einmaliger Einnahme schon andere teure Medikamente lange überflüssig macht natürlich äußerst gefährlich. Aber nicht wegen seinen Nebenwirkungen für den Patienten, sondern wegen der zu guten Wirksamkeit, die natürlich als schwerwiegende Nebenwirkung eine Profitsenkung zur Folge hätte.

Alles Unterstellungen? Kann sein, da aber Herr Yazdi jeden Arzt, der Cannabis nicht für eine Horrordroge hält, als profitgierigen Heuchler denunziert, kann man im Gegenzug auch einmal aufzeigen, wie fair so ein Verhalten ist.

„Und noch etwas betont Yazdi: „Das Verabreichen von Psilocybin war nur eine von mehreren Maßnahmen, mit denen die Testpersonen behandelt wurden.“ Die Probanden seien nämlich auch psychologisch umfassend betreut worden. Was genau also zur nachhaltigen Verbesserung des Wohlbefindens geführt hat, sei nicht auf einen einzigen Faktor zurückzuführen.“

Da Therapien bei Depressionen ohnehin üblich sind und eben für gewöhnlich keinen derartig positiven Effekt haben ist wohl klar, was der Hauptfaktor gewesen ist. Das Psilocybin. Natürlich funktioniert es nicht, ein paar Gramm Pilze zu essen und eine Heilung tritt sofort ein, es braucht (oftmals) Begleitung und eine nachfolgende Auseinandersetzung mit dem erlebten, diese ändert aber nichts daran, dass nicht die Psychotherapie ausschlaggebend ist, sondern nur begleitende Funktion hat. Jeder, der sich mit Psychedelika auseinandersetzt weiß das, aber Herr Yazdi hat das wohl nicht getan, was er später im Text umso mehr beweist.

„Aber diese Substanz wirkt nur kurzfristig“, sagt Yazdi. Und nicht monatelang. Von einer solchen langfristigen Veränderung berichtete ein Forscherteam rund um Roland R. Griffiths von der Johns-Hopkins-Universität aber schon 2011: Damals wurde erforscht, dass die Einnahme des Stoffes die Persönlichkeit von Menschen über Monate hinweg verändern könnte, indem sie diese beispielsweise offener macht. Für Yazdi geht es um die Grenzerfahrung und den damit einhergehenden Perspektivenwechsel, der Menschen dauerhaft verändert und optimistischer macht – und nicht um die eingesetzten Drogen: „Manchmal ist es einfach wichtig, Menschen aus ihrem depressiven Alltag zu reißen und ihnen eine neue Perspektive zu geben.“ Einen ähnlichen Effekt könne man auch mit Bungee-Jumping erreichen, ist er überzeugt. Und auch in der Psychotherapie werde mitunter darauf gesetzt.“

  1. Sport und „Drogen“ sind keine unterschiedlichen Dinge. Sport schüttet Endorphine und Catecholamine aus, auch das genannte Bungee-Jumping hat „drogenähnliche“ Effekte (allerdings weniger stark, weniger effektiv und eine spirituelle Komponente bleibt wohl auch aus). Manche erreichen das Gefühl der Spiritualität durch (weitaus gefährlicheren Extremsport), andere durch Meditation, wieder andere durch Substanzen. Mir zum Beispiel würde ein Extremsport aber sicher nichts geben, ich erreiche diesen Zustand primär durch Substanzen. Weswegen also sollte man, nur um das subjektive Dogma Yazdi’s zu erhalten, auf Methoden zurückgreifen, die bei einem kleinen Teil der Patienten zum gewünschten Ergebnis führen, anstatt auf Methoden, die in fast 100% erfolgreich sind (Psychedelika führen bei fast jedem zu der spirituellen Einheitserfahrung, die man sich in der Therapie zu Nutze macht) und zusätzlich noch ungefährlicher?
  2. Natürlich wirkt das Psilocybin keine Monate lang, das hat auch niemand behauptet. Besser noch, die Erfahrung durch eine Substanz ist so mächtig und befreiend, dass sie noch Monate später die Lebensqualität erhöht. Das spricht nicht gegen den Wirkstoff, sondern für ihn, da er nur selten benötigt wird und damit auch keine dauerhaften Nebenwirkungen zur Folge hat, wie z. B. Antidepressiva.
  3. Es geht sehr wohl um die eingesetzten „Drogen“: Keine andere Erfahrung ist bei so vielen Menschen so verlässlich und eindrücklich. Sicher, auch Extremsport kann ähnliche Effekte haben, aber nur bei einem Bruchteil der Bevölkerung und bei chronisch Depressiven ist dieser Anteil vermutlich sogar noch geringer. Einen wirklichen Perspektivwechsel erreicht man damit auch nicht, denn es handelt sich um Situationen, die auch zuvor irgendwie vorstellbar waren. Wer noch nie geflogen ist kann dennoch ahnen, wie es sich ungefähr anfühlt, wer aber noch nie LSD genommen hat, kann sich dieses Gefühl nicht im Ansatz imaginieren. Das kann Herr Yazdi aber nicht wissen, da er offenkundig noch nie so etwas konsumiert hat.

„Was fehlt, sind größer angelegte Studien zu dem Thema. […] Es sei nun aber an der Zeit, „zurück in die Zukunft zu gehen“, hieß es dazu im Editorial der Dezemberausgabe des „Journal of Psychopharmacology“, die sich dem Thema widmete.

Für Yazdi sind derzeit aber viele Fragen offen – etwa, wie die Substanz in der breiten Bevölkerung wirken würde. Denn auch wenn die Probanden das Psilocybin nur einmalig einnahmen […] glaubt der Psychiater, dass Betroffene den Effekt replizieren wollen und dafür die Dosis nach und nach erhöhen würden.“

Gerade wegen solcher Aussagen ist die Beschuldigung, Herr Yazdi habe keine Ahnung, so angebracht. Zum ersten, wenn man keine Studien zulässt wird man auch nie wissen, wie es sich auf die Bevölkerung auswirkt. Wenn dem so wäre. De facto wurde LSD unter dem Namen Delysid von der Firma Sandoz jahrelang vertrieben und angewandt, weswegen man weiß, wie es sich auf die Bevölkerung auswirkt (hier nachzulesen). Von der Wirkung her ist der Unterschied zwischen LSD und Psilocybin nicht so groß, dass die Effekte grundsätzlich verschieden wären.

Zudem unterstellt er hier, dass eine psychedelische Erfahrung unbedingt zur Replikation führen würde. Erstens, na und? Psilocybin-Pilze sind nichts, mit dem man sich zudröhnen kann. Wer mit Pilzen eine spirituelle Erfahrung erlebte und diese wiederholen möchte, der tut das nicht, um sich zuzudröhnen, denn bei Psychedelika ergibt sich keine Realitätsverleugnung, sondern ein direkterer Kontakt zur eigenen Gefühlswelt. Wer diese Therapie somit privat weiterführt zeigt eigentlich, dass die Therapie sehr gut angeschlagen hat und von dem Patienten angenommen wird. Zweitens ergibt sich aus dem eben Beschriebenen schon eine Widerlegung der Behauptung. Ein Trip ist anstrengend, kann nicht oft hintereinander wiederholt werden wegen starker Toleranzentwicklung und ist aufgrund seiner Länge nur schwer in den Alltag zu integrieren. Diese Behauptungen zeugen also wieder von wenig Verständnis der Materie, genau genommen kommt der Eindruck auf, als hätte Kurosch Yazdi noch nie wirklich recherchiert, sondern bloß seine Meinung in ein wissenschaftliches Gewand qua akademischem Grad gepresst.

„Doch es gibt auch eine Kehrseite der Medaille: So wie alle Substanzen, die auf das Belohnungssystem wirken, macht auch der regelmäßige Konsum von Magic Mushrooms abhängig.“

Eine Psilocybin-Abhängigkeit ist in der Tat etwas furchtbar Ärgerliches. Beziehungsweise wäre sie es, wenn sie existieren würde. Denn ein Trip wirkt nicht auf unser Belohnungssystem, wie behauptet. Das Belohnungssystem baut vor allem auf dem Catecholamin Dopamin auf. Psilocybin wirkt aber nicht dopaminerg, sondern es wirkt auf den Serotonin-Rezeptor 5-HT2A, wie die meisten anderen Psychedelika auch. So schwer zu finden ist diese Information auch nicht, hätte Herr Yazdi Interesse an einer fairen Darstellung hätte er diese sicher auch gefunden. Ich bin mir sicher, dass er es auch so schon weiß.

„Aber nicht für alle: Denn wer die Veranlagung zu Psychosen hat, der könne seinem Gehirn dauerhaft Schaden zufügen, warnt Yazdi. „Auf einem Trip hängenbleiben“ sagt man dazu umgangssprachlich. „Das bedeutet, dass die Stoffwechselentgleisung im Dopaminsystem des Gehirns so gravierend war, dass es sich nicht mehr von selbst erholen kann“, erklärt der Mediziner.“

Wie bereits erwähnt, Pilze wirken praktisch gar nicht auf das Dopamin-System ein, also kann es auch nicht durch Pilze entgleisen. „Auf einem Trip hängenbleiben“ kann man ebenfalls nicht, Yazdi belebt hier einen alten Mythos wieder. Man braucht eine Veranlagung, muss noch anderen Stressoren ausgesetzt sein, muss empfindlich sein, ein schlechtes Setting und Set ist ebenfalls „wichtig“ und dann KANN eine Psychose verstärkt werden, möglicherweise auch sehr intensiv. Aber dieses Risiko besteht auch bei Alkohol und unterscheidet sich bei beiden Substanzen kaum. Das Psychoserisiko ist bei nahezu jeder illegalisierten Substanz aufgebauscht ohne Ende.

Stoffwechselentgleisungen durch Psilocybin oder andere Psychedelika sind mir ebenfalls nicht bekannt. Ich kann das Gegenteil nicht beweisen, habe danach aber im Internet viel gesucht und die einzige Quelle, die explizit ähnliches behauptet ist der Honigmann, der für seine „hochwissenschaftlichen“ Beiträge zu Chemtrails, Haarp und den Freimaurerjuden allen Skeptikern bekannt sein dürfte. Auch ist mir kein einziger Mensch bekannt, dem so etwas passiert ist, oder der jemanden kennt, dem das passierte (bis auf die Drogenhasser, von denen hat jeder schließlich zwanzig Fälle in petto, die einmal LSD/Pilze/Cannabis konsumierten und daraufhin nackt durch die Straßen gerannt sind. Vermutlich kennen sie alle die gleichen deutschlandweit zwanzig einzigen Personen, denen das zugestoßen ist). Zwar wäre theoretisch ein Serotonin-Syndrom denkbar, aber der Konsument müsste dazu Mischkonsum betreiben und sich zusätzlich noch sehr dumm anstellen. Eine dauerhafte Stoffwechselentgleisung durch Psilocybin ist aber nach jeder mir verfügbaren Datenlage unwahrscheinlich bis unmöglich.