Die neue Unmündigkeit

In den letzten Tagen erhielt ich einen Denkanstoß, der mich auf den Gedanken brachte, dass wir heutzutage auf eine andere Art entmündigt werden als früher. Die Begründung jedoch bleibt die gleiche.

Früher, womit ältere Glaubenssysteme wie auch das Religiöse gemeint sind, die auch heutzutage noch Anwendung finden, war die Unmündigkeit klarer, sie war ehrlich, direkt und sprach den Menschen nicht das Recht zu, selbst zu entscheiden. In der Religion war es klar, der Mensch ist von Grund auf schlecht, weswegen er auch keine Entscheidungen in Bezug auf Moral o. Ä. treffen kann. Richtig und falsch sind in allen absoluten System vorgegeben und gestehen (die einen mehr, die anderen weniger) kaum eigene Möglichkeiten zur Abwägung zu.

Wie diese Form der Unmündigkeit funktioniert dürfte jedem bekannt sein. Eine andere Form findet sich vor allem in scheinbar demokratischen Herrschaftssystemen, zum Beispiel in der Drogenpolitik oder insgesamt in vielem, dass auf den alltäglichen Lebensstil bezogen ist. Sie basiert darauf, dass man die Informationen zur Verfügung stellt, die zur Meinungsbildung notwendig sind, dem Individuum also zuerst eine scheinbare Wahlmöglichkeit gibt und damit auch die Mündigkeit zugesteht, den Entscheidungsprozess dann aber verhindert mit einem Hinweis auf die Interessen der Allgemeinheit.

Genau genommen widerspricht sich diese Form der Entmündigung schon in sich selbst. Eine Regierung, die „Drogenaufklärung“ (Die Anführungszeichen sollen auf den doch recht zweifelhaften Informationsgehalt dieser peinlichen Veranstaltungen hinweisen) an Schulen betreibt, gesteht damit schon ihr Versagen im Rahmen der Prohibition ein. Sie sagt damit aus, dass ein Verbot nicht dazu führt, dass keine Drogen mehr konsumiert werden oder auch nur irgendwie der Konsum eingedämmt werden kann, sie sagt damit aus, dass sie auf die mündige Entscheidung des Bürgers setzt. Allerdings auch nur, solange die Entscheidung den Wünschen der Regierung entspricht.

Diese Form der Bevormundung ist schon fast typisch für Demokratien. Ein angeblich ungesunder Lebensstil wird jedem Individuum theoretisch ermöglicht, indem man zumindest vordergründig Aufklärung betreibt (nicht nur auf die Drogenpolitik bezogen, in dem Gebiet kenne ich mich lediglich am besten aus), aber die Entscheidung dann mit Verweis auf das Allgemeinwohl nicht ermöglicht. So kosten Tabak und Alkohol beispielsweise den Steuerzahler jedes Jahr Milliarden. In Konsequenz nötigt der Staat vor allem die Tabakindustrie (da die Union der parteigewordene Alkoholismus ist, ist die Alkohollobby auch vorerst von großer Repression verschont worden) zu Abschreckungsmaßnahmen, die das Risiko des Rauchens verdeutlichen sollen (und auch in meinen Augen als Ex-Raucher definitiv übertreiben, unter anderem wegen der extrem manipulativen und lächerlichen Bildwahl). Aber anstatt dass man dann daraus schließt, dass die Bevölkerung nun aufgeklärt sei und jeder selbst entscheiden solle, ob er rauchen möchte oder nicht, fährt man gegen jene, die die „falsche“ (nicht regierungskonforme) Entscheidung getroffen haben unter dem Deckmantel der Volksgesundheit schwere Repressionen auf.

Nun ist Tabak allerdings eine Droge, deren Gefahren- und Suchtpotential ohne Zweifel hoch ist. Die Repressionen gegen Drogen wie Cannabis, LSD oder MDMA mit einem absolut lächerlichen Gefahrenpotential im Vergleich sind noch um ein Vielfaches stärker. Jeglicher Besitz von ihnen ist verboten, schon eine relativ geringe Menge kann durch einen Eintrag ins Strafregister Leben zerstören (Im Gegensatz zu der Substanz selbst. Diese zerstören in den genannten Fällen praktisch keine Leben und wenn, dann tun sie es auch nicht so irreversibel wie das gesellschaftliche Todesurteil eines Richters). Das sogar bei diesen Substanzen Aufklärung betrieben wird ist noch weitaus lächerlicher als bei Tabak und Alkohol. Der Staat muss sich entscheiden. Gesteht er das Recht auf Mündigkeit zu und möchte Prävention betreiben, so kann er eine Entscheidung, die nur das Individuum an sich betrifft auch nicht verbieten. Verbietet er diese Entscheidungsmöglichkeit, negiert er damit auch die Mündigkeit und Fähigkeit des Menschen, richtig zu entscheiden.

Die Frage, die abschließend bleibt wäre: Wie kann eine Regierung, die aus Menschen besteht nach dieser Logik überhaupt wissen, was Richtig und Falsch ist? Schließlich wäre kein Mensch in der Lage, so etwas zu entscheiden.

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