Das ist pure Chemie, das esse ich nicht

Jaaa, dieser Satz lässt mein Herz höher schlagen, allerdings nur wegen des rapide ansteigenden Blutdrucks. Ich gebe mir, wie in letzter Zeit allzu oft, keine Mühe, sachlich zu bleiben (Natürlich wird weiter unten auch sachlich argumentiert, im Gegensatz zu der Gattung der Faktenverächter halte ich durchaus etwas von kalter Logik, die die armen Emotionen nur allzu selten schont). Dieser Satz und alle anderen Aussagen von naturverbundenen Ökohippies ist an dreister Dämlichkeit kaum zu überbieten. Chemische Drogen, nein danke, ich nehme nur Natürliches? Bitteschön, dann meide das sichere LSD und friss stattdessen Tollkirsche. Genau das Gleiche auch bei Nahrungsmitteln. Eventuell wiederhole ich mich ja auch, aber es ist ein Fakt, dass ein „künstliches“ Kohlenstoffmolekül genau gleich viele Elektronen und Protonen, genau die gleichen Eigenschaften und stereometrischen Formen besitzt wie ein „natürliches.“

Das Misstrauen gegenüber der „Chemie“ hat die gleichen Wurzeln wie das Misstrauen gegen bewusstseinserweiternde Substanzen und wie jede andere Form von Überzeugung, dass die eigene Wahrnehmung richtig ist. Gegen die Natur, die die Wahrheit darstellt, steht die Technik und „Chemie“. Gegen bewusstseinserweiternde Substanzen steht die realistische und objektive Wahrnehmung. Vielleicht leiste ich hier auch etwas bewusstseinserweiternde Arbeit, nur indem ich erkläre, warum diese Ansichten von ihrer Grundansicht her schon falsch sind.

  1. Es ist alles eine Sache des Hinterfragens. Die Ansicht, „Natur“ sei gut und „Chemie“ sei böse ist ein Erfahrungswert. „Chemie“ steht für Synthetisches und Synthetisches widerspricht (bei oberflächlicher Betrachtung) sowohl dem evolutionären als auch dem religiösen Standpunkt. Allerdings sollte man hierbei auch beachten, dass die Technik keineswegs das Gegenteil zur Natur darstellt, sondern vielmehr eine Erweiterung, eine gezielte Mechanik, die die Naturgesetze miteinberechnet und diese für einen arbeiten lässt.
  2. Wer „Chemie“ von „Natur“ unterscheidet weigert sich, den Menschen als etwas Subjektives und evolutionär entstandenes zu betrachten, denn wie könnte etwas, das gänzlich aus Natur gemacht ist, keine anderen Wurzel hat und nichts anderes kennt aus dem Nichts etwas schaffen, das aus irgendeinem Grund plötzlich nicht mehr dazugehört.
  3. Psychoaktive Substanzen werden von vielen als Entfremdung von der Realität wahrgenommen. Als würde man mit dem Körper und der Wahrnehmung etwas machen, dass aus dem Nichts fremde Realitäten erschafft. So ist es aber eben nicht. Eine Substanz kann nur wirken wenn es für sie Rezeptoren gibt. Diese Rezeptoren werden von der Evolution nicht Just-For-Fun hinzugefügt, sie dienen einem gegebenen Zweck und jede Substanz greift an einer ohnehin lebensrelevanten Funktion an. Darum sind sich der „drogenverachtende Lifestyle“ von überheblichen Ökomuttis und der „böse-Chemie Lifestyle“ derselben Gattung nerviger Fitnessapostel so ähnlich und sie sind überdies beide falsch.
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