Kritisches Selbstbild

Die modernen Musiker, vor allem die textlich etwas anspruchsvolleren Künstler in diesem Bereich, üben sich häufig an der Kritik der Verhältnisse. Diese bleibt aber eher lasch formuliert und scheint eher dem Zweck der Abgrenzung gegenüber den Anderen und eiggener Imagebildung zu dienen als wirklicher Aufklärung. Ich habe vor Kurzem wieder den Track Denk an die Kinder von Alligatoah angehört und dabei die Idee zu diesem Artikel bekommen. Der Songtext kritisiert die heuchlerische Wohltätigkeit vieler Prominenter und wirft ihnen vor, aus dieser nur Kapital schlagen zu wollen, fällt dabei aber unter das interessante Phänomen der provokanten, sich selbst vermarktenden Abrechnung.

Gerade in der populären Kultur ist die Auseinandersetzung mit den eigenen Mechanismen durch diese selbst mittlerweile Standard. Auch wenn Alligatoah mit seinen Zeilen durchaus Recht hat, wenn er ironisch formuliert:“Denk an die Kinder, Denken tut nicht weh, denk an die Kinder, spende ein Oh je, denk an die Kinder, endlich auf CD,“ und damit die wirklichen Absichten der Protagonisten bloßstellt, so hat dieser Text auf Umwegen die gleiche Wirkung. Er stellt sich als moralisches Gewissen dar, fordert eine bessere Welt und vermarktet sich dadurch.

Auch viele seiner Fans scheinen nicht die Kritik wahrzunehmen, sondern baden sich in ihrer angeblichen Erkenntnis und darin, sich von denen abzuheben, „die nichts verstehen.“ Dabei hat man gerade dann nichts verstanden, wenn man denkt, alles verstanden zu haben. Die angebliche Abrechnung mit dem hierarchischen Wesen der Gesellschaft macht sie und die Künstler selbst zum Paradebeispiel für das elitäre Denken und damit auch zu einer dominant-aggressiv aufgebauten Sozialordnung.