Anschläge und Reaktionen

Was bei jedem Anschlag schon zur Routine wird, das gebetsmühlenartige Wiederholen von Phrasen und Appellen, ist auch dieses mal wieder hervorgetreten. In einem Spiegel-Artikel wird die psychische Krankheit des Täters verantwortlich gemacht für das Geschehen und auch nur allzu gerne die mangelnde soziale Einbindung. [1] Das ist natürlich nicht falsch. Einsamkeit und Isolation machen Menschen krank. Doch wieder einmal, wie es bei nahezu jedem Amoklauf der Fall ist, wird vollkommen vergessen, dass man nicht beginnt, andere zu hassen, wenn es keinen Grund dazu gibt. In dem verlinkten Artikel wird das Thema Mobbing sehr kurz abgehandelt, vermutlich, weil es so unangenehm ist und in den Appellen an die Gesellschaft enthalten.

Ein Amoklauf oder Anschlag wird meist betrauert. Aber betrauert man wirklich die Tatsache, dass Individuen, die vermutlich ihr Leben noch genießen wollten, ohne eigene Schuld grundlos in den Tod gerissen wurden? Eher weniger. Man spricht von einem Angriff auf die Gesellschaft, die Wertegemeinschaft oder einem Tag der Schande. Als würde für das Verhalten eines Einzelnen jeder die Schande tragen müssen. Diese Mentalität des Zusammenhaltens gegen diese Ausgeschlossenen motiviert weitere Wunsch-Täter zum Handeln. Sie identifizieren sich mit dem Amokläufer, weil dieser es der Gesellschaft „heimgezahlt“ hat, dass sie ihn ausschloss und die Reaktion ist, dass ihre Identifikation in einen noch größeren Gegensatz zwischen sich und „den Anderen“ führt.

Es handelt sich bei Amokläufern um Produkte des ewigen Kollektivdenkens. Ein Kollektiv kann nicht ohne etwas Ausgeschlossenes existieren, sonst gäbe es keine Definition und kein Merkmal, dass es zu einem solchen macht. Beschwört man diese Grenzen noch weiter, wird man dadurch wohl kaum zukünftige Täter von ihrer Tat abbringen, sondern sie nur darin bestärken, dass der Mord die einzige Möglichkeit ist.

 

[1] http://www.spiegel.de/panorama/justiz/amoklaeufer-david-s-aus-muenchen-einsam-krank-und-fest-entschlossen-a-1104485.html

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Der individualistische Aluhut

Gerade in den politischen Spektren, die sich als individualistisch definieren und auch so argumentieren gibt es gerade in den Zeiten der kollektivistischen Angriffen eine Tendenz zu Verschwörungstheorien. Im Bezug auf die Cannabis-Legalisierung hatte ich bereits einen Text dazu verfasst. [1] Dieser soll sich auf verschiedene Gruppierungen beziehen, mit denen ich weitestgehend übereinstimme, aber ihre Tendenz zur Verschwörungstheorie nicht teilen kann.

Die erste Gruppe ist die der individualistisch ausgerichteten Raucher. Auf der Seite http://tabak-luege.de/gesundheit/ kann man nachlesen, wie hoch die Gefahren des Tabaks in der Realität sind (auch wenn diese im Gegenzug wieder verharmlost werden). Während sich diese aber noch einigermaßen an die Realitäten halten, haben Missverständnisse zu Mythen innerhalb der Gruppe geführt. [2] Die Tatsache, dass einer obduzierten Lunge nicht anzusehen ist, ob der „Besitzer“ Raucher oder Nicht-Raucher war, macht das Rauchen nicht gesünder. Allgemeine Irrtümer, die es über nahezu jede gesundheitliche Frage existieren, sind dann natürlich wieder mit Absicht gestreute Desinformation.

Die Fehler der Individualisten liegen nicht selten darin, den Staat allein für die Kampagnen verantwortlich zu machen. Vielmehr repräsentiert die Demokratie tatsächlich die Gesellschaft und genau diese wünscht Einschränkungen all dessen, dass die Individualität ermöglicht. Die Anti-Raucher-Bewegung ist eine neue Form der volkstümelnden Volksgemeinschaft. Sie schaffte es durch Parteien wie die Grünen und Linken, sowie Teilen der SPD, eine Machtbasis zu etablieren und nutzt diese zur Repression.

Man könnte darin einen Widerspruch sehen, dass die Vertreter der Legalisierung von kriminalisierten Substanzen gerade aus diesen Bereichen kommen. Doch ist deren Form des Kollektivismus zumeist ein antikonservativer und antitraditioneller. Da Zigaretten und Alkohol traditionelle Rauschmittel sind, werden sie von scheinbaren Nicht-Patrioten wie den Linken und Grünen tendenziell eher abgelehnt. Eine weitere Rolle spielt das alte Missverständnis der Unterscheidung zwischen Natur und Mensch. Da für Tabak und Alkohol eine große Industrie im Hintergrund existiert, muss der Linke/Grüne fast zwangsweise davon ausgehen, dass die nicht-industriellen Alternativen besser sind.

Nun lebt die linke Ideologie von der Grundidee, dass der Markt auf Dauer der Feind der Freiheit ist und betrachtet darum die Abschaffung der marktwirtschaftlichen Ordnung als das Tor zur Individualität. Diese muss aber stets im Interesse der Gesellschaft sein und setzt darum die Toleranz jedes Individuums voraus.

So kommt es zu der aggressiven und intoleranten Haltung vieler Linker gegen andere Meinungen. Und gleichzeitig zu einem Misstrauen gegenüber der Gesellschaft als Kollektiv, die sie nicht in eine Gesellschaft aus Individuen, sondern als tolerantes Kollektiv gestalten wollen. Im Bezug auf die Legalisierung sieht man die Vertreter der „falschen“ Individualität, die Industrie und einzelne Unternehmen, als Strippenzieher gegen die Befreiung der Gesellschaft. Auch wenn wiederum das Kollektiv blockt, weil es irrationale Ängste besitzt und Selbstverantwortung als gefährlich ansieht, werden wieder geheime Mächte verantwortlich gemacht.

Als Fazit ließe sich sagen, dass die Gesellschaft jedes mal aus den selben Gründen Individualität verhindert. Aus dem Faktum, dass nicht alle selbstverantwortlich handeln können, soll es auch keiner dürfen. Da Individualisten prinzipiell davon ausgehen, dass die meisten Menschen nach Mündigkeit verlangen, werden sie an diesem Punkt immer falsch argumentieren. Der Staat intrigiert, unterdrückt und verbietet. Doch das kann er nur, weil es die meisten hierzulande nicht stört.

[1] Der kiffende Aluhut

[2] http://derstandard.at/1353207512492/Die-schwarze-Raucherlunge—ein-Mythos

Gesundheitszwang

Raucher, Übergewichtige oder Genießer aller Couleur müssen sich heutzutage regelmäßig Anwürfe gefallen lassen. Sie wären Schmarotzer, da sie ihre Gesundheit riskieren und damit der Gesellschaft zu lasten fallen. Wenig überraschend findet sich diese Ansicht wieder vor allem in angeblich aufgeklärten Kreisen, in denen stets das Soziale betont wird. Der Widerspruch zwischen Sozialem und Faschistischem zeigt sich wiederum als ein scheinbarer. Es gibt keinen Widerspruch, der Faschismus ist eine soziale Politik für das Kollektiv. Sozial bedeutet Interaktion. Nur Psychopathen, Einzelgänger und Misanthropen, radikale Egoisten sind wirkliche Antifaschisten. Diese Erkenntnis mag gewagt klingen, allerdings tut sie es auch nur, wenn man die umgangssprachliche Verwendung mit der wahren Bedeutung gleichsetzt.

Süchtige aller Art sind laut gesellschaftlicher Norm „egoistisch.“ Ihr eigenes Wohlbefinden und ihr eigenes Leben ist für sie höher gewichtet als die Ausgaben einer ominösen Gesellschaft. Logisch betrachtet muss man sagen, dass ein Heroin-Junkie weniger kosten würde, wenn man ihm einfach sein versteuertes Geld zurückgäbe. Die eigene Entscheidung und das Recht, über das eigene Leben auch zu bestimmen, gilt aber schon fast als absurde Forderung von Idealisten. Zwang scheint schon Selbstzweck zu sein und so kommt und kam es zur Entwicklung des Gesundheitswahns.

Der Trend zu absurden Diäten, Lustverweigerung und Vorsorgeuntersuchungen muss ja nicht einmal falsch sein. Wenn ein Mensch gesund sein will ist das verständlich, positiv und ohnehin seine Entscheidung. Aber kein Raucher würde jemals ein Nichtraucher-Abteil fordern, da ihm Leute, die nicht rauchen, lästig sind. Weswegen nehmen sich die Gesundheitsfanatiker das Recht heraus, zu entscheiden, welche Lebensform die beste ist und gelebt zu werden hat? Ganz einfach, weil sie die Legitimation der Gesellschaft besitzen. Diese hat sich nicht aufraffen können, Steuern und Autoritäten zu hinterfragen, hinterfragt aber wohl die Verwendung dieser. Steuern muss es geben, aber man sollte sie niedrig halten. Absurderweise werden für hohe Beiträge schwache Sündenböcke gesucht und nicht das Problem angegriffen. In einer Metapher könnte man das abstruse derzeitige Bild am besten verdeutlichen: Eine Gruppe von Dieben bestiehlt regelmäßig die Bewohner eines Dorfes und kauft sich vom Erbeuteten bei einem Händler, worauf sie eben gerade Lust haben. Nach besonders ergiebigen Raubzügen beschweren sich die Dorfbewohner, aber nicht über die Diebe, sondern darüber, dass der Händler seine Preise erhöhte und darum mehr geklaut werden musste.

Von dieser Warte aus kann sich der Gesundheitswahn ausbreiten. Bleibe gesund, sonst liegst du uns auf der Tasche. Denke nicht an dich und dein Befinden, entscheide nach der geringsten Kostenentwicklung für die Gesellschaft. Gerade wenn man sich mit Themen wie Drogenpolitik beschäftigt, gerät man schnell in das Kreuzfeuer dieser Argumentation. Man sollte aufpassen, dass sich das Ich sich nicht selbst irgendwann auf ein Mittel zur Steuerreduktion reduziert.