Fußball-Nationalismus

Seit die EM angefangen hat, gab es wohl keinen Tag, an dem man nicht mit dem Thema Fußball konfrontiert wurde. Was für Fußball-Hasser (wie mich) zuerst einfach nur nervig ist, wird mit der Zeit auch zu einer aggressiven nationalistischen Grundhaltung der Fans. So wird erwartet, dass man sich mit „seinem“ Land identifiziert und ein Interesse daran besteht, dieses als Sieger zu sehen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass nicht gerade wenige Fans sogar wütend und aggressiv werden, wenn man als Landsmann dennoch für die „gegnerische“ Mannschaft ist oder kein Interesse daran zeigt.

Das Feiern ist dabei nichts anderes als ein Moment der großen nationalen Einheit, in der sogar nur Sympathien für andere Gruppen oder das Desinteresse am Kollektiv schon als Verrat an der Gemeinschaft gedeutet wird. Dieses Gefühl überflügelt sogar die Ansprüche der kapitalistischen Logik und Unternehmer, Lehrer, Arbeitskollegen, sie alle akzeptieren Müdigkeit und fehlende Leistungsbereitschaft, da man ja am Vortag durch das Einschalten und Mitfiebern nur seinen großen Dienst an der Nation tat. Dem Individuum vor dem Fernseher ist nicht einmal wirklich klar, dass er für das Spiel keinen Beitrag leistet, seine Freude irrelevanter nicht sein könnte und seine Trauer höchstens den Effekt hat, dass sie einigen Fußball-Hassern den Tag versüßt. Trotzdem gilt es als Bekenntnis der Nation und wird wie ein Grundbedürfnis behandelt, es stellt sogar ein solches dar. Durch das Gemeinschaftsgefühl und die allseitige Anerkennung des Zujubelns als eine Leistung werden diejenigen in der Gesellschaft, die eigentlich nichts leisten und damit dem sozialen Anspruch nicht genügen, zu nützlichen Mitgliedern des Kollektivs, sie verlieren damit ihre eigene Identität und werden zu denen, die auf dem Platz etwas leisten.

Durch die Adaption von Leistungen der Sportler durch die Zuschauer wird die ganze Nation (in deren Augen auch nur diejenigen dazugehören, die sich freiwillig das Spektakel antun) zu der einen Gruppe auf dem Platz. Die Aggression gegen andere kommt daher, dass es tatsächlich als eigener Kampf wahrgenommen wird. Denn wenn sich das Individuum vor dem Bildschirm auflöst und Teil der Mannschaft wird, so befindet es sich auch im direkten Wettstreit. Gleichzeitig aber wird der rein sportliche Siegeswille aber noch um die nationalistische Komponente erweitert, man verteidigt nicht die eigene, sondern die Ehre des Kollektivs, ist dabei aber befreit von individueller Ethik. Aus diesem Mix resultiert Aggression und Größenwahn. Fußball-Fans, die einen Sieg „ihrer“ Mannschaft gesehen haben (beigetragen haben sie ja nichts und vermutlich könnte auch keiner in der Realität einigermaßen mithalten), zeigen einen Chauvinismus, der sich für gewöhnlich auf eigene Leistung gründet, die Art der Arroganz eines Akademikers gegenüber einem Arbeitslosen mit Hauptschulabschluss. Natürlich trifft das nicht auf alle zu, es soll tatsächlich Menschen geben, die Fußball unterhaltend finden (den Unterton muss man nicht ernstnehmen) und die nach einem Sieg keinen Anlass sehen, die „Verlierer“ weiter zu demütigen, nur leider sind sie die Minderheit. Die Mehrheit stellt die kollektivistisch-nationalistische Gruppe, die die EM als Dienst am Vaterland betrachtet.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s