Antiindustrielle Verschwörungstheorien

Im Gegensatz zu den antietatistischen Theorien, die meist noch etwas realistischer sind (im Sinne von denkbar, aber häufig dennoch falsch), sind antiindustrielle Verschwörungstheorien in sich selbst schon sehr unlogisch. Unter diesen Formen der Verschwörungstheorie kann man sich im Allgemeinen eine Schuldzuweisung gegen einzelne Zweige des Kapitalismus vorstellen, so ein pauschales Pharma-Bashing oder die einseitige Beschuldigung der Banken.

Im vorherigen Text zu seltsamen Ansichten zum Cannabis-Verbot (Der kiffende Aluhut) wurde schon eine solche Theorie etwas genauer analysiert. Ihr Fehler liegt auch weniger in der eigentlichen Meinung, sondern in der Problemlösung. Der Ruf nach einem stärkeren Staat. Nur gehen die Verschwörungstheoretiker selbst davon aus, dass der Staat nur dazu dient, der Industrie ihr Vermögen zu verschaffen und durch Lobbyismus der Eliten ausschließlich für diese agiert. Eine Stärkung des Staates würde, wenn man ihren Ausführungen folgt, dazu führen, dass die Ausbeutung zunähme, da dieser sich ohnehin nicht durchsetzen könne.

Dieser Widerspruch ist aber nur für diejenigen einer, die annehmen, dass Menschen in hohen Machtpositionen nicht fundamental anders denken, sondern einfach nur normale Wesen sind, die sich durch die jeweilige Sozialisierung so entwickelt haben. Doch eine Verschwörungstheorie geht nicht nur vom Kampf der Eliten und „dem Volk“ aus, sie geht auch von einem gänzlich anderen Charakter aus. Ein normaler Arbeiter gilt als rechtschaffen, er tut etwas für das, was er erhält und erschleicht sich nicht hinterhältig etwas. Dagegen sind die Eliten Ausbeuter, durch Heimtücke und Boshaftigkeit ergaunern sie sich Vermögen und verwenden das nur im eigenen Interesse. Wer diese Art von Denken etwas genauer erleben möchte, kann einfach die Kommentarspalte in einem Artikel lesen, der von der Milliardenspende Mark Zuckerbergs handelte. [1] Zuerst wird das Handeln heruntergespielt, danach sogar ein Willen dahinter vermutet, „das Volk“ um Steuergeld zu bringen und letztlich mündet es in einer großen Verschwörung. Auch bei den Theorien über eine AIDS-Verschwörung unterstellt man den Spendern für Schutzprojekte einen Willen zur Bevölkerungsreduktion und macht Menschen, die mit ihrem Geld etwas Gutes getan haben (denn AIDS ist eben nicht durch eine vitaminreiche Low-Carb-Diät zu bekämpfen!) zu Monstern, die die Wahrheit (wie immer nur dem Kopp-Verlag bekannt) vertuschen. [2]

Die antiindustriellen Verschwörungstheorien sind antisemitisch geprägt, im gleichen Ausmaß wie es die antizionistischen Agitationen sind. Der Antizionismus wechselt die Ebene, um direkt die Juden angreifen zu können, der regressive Antikapitalismus bleibt auf der biologisierenden Ebene, erweitert aber das Feindbild. Nicht selten werden für die Bankenkrise ausschließlich jüdische Banken verantwortlich gemacht, die Deutsche Bank hat für ihre Größe erstaunlich wenig Kritik erhalten, dahingegen wurden J.P. Morgan, Rockefeller (eigentlich beide nicht jüdisch, doch dieser Mythos zieht immer noch seine Kreise), Rothschilds und Goldman Sachs dagegen wurden in der Verschwörerszene schnell als Drahtzieher ausgemacht.

 

[1] http://www.zeit.de/digital/2015-12/mark-zuckerberg-vermoegen-spende-vater

[2] http://info.kopp-verlag.de/medizin-und-gesundheit/natuerliches-heilen/mike-adams/ungekuerzte-fassung-von-house-of-numbers-zeigt-schockierende-wahrheit-ueber-aids-.html

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