Der kiffende Aluhut

Cannabis, genauer gesagt das Verbot von THC, erobert sich derzeit eine Vorreiterstellung im „Big-Pharma“-Bashing. Ein „interessanter“ Artikel zu diesem Thema stammt von dem bekannten Verschwörungs-Blog „Schall-und-Rauch.“ [1] Wie es für Verschwörungstheoretiker typisch ist, sind auch hier die gewöhnlichen logischen Fehler zu finden, so wird von einer geheimen Unterredung der profitgierigen Firmenbosse geschrieben, bei der aber weder geklärt wird, wie sie davon erfahren konnten, noch weiterführende Quellen. Dagegen werden zuhauf Aussagen belegt, die ohnehin niemand bestritten hat.

Das Interessante aber dabei sind nicht die Verschwörungstheorien selbst, die sind so wie immer, eine Hand voll kaltherziger Bonzen achtet weder Natur noch Gewissen und beutet das arme Volk aus. Interessanter ist vielmehr das Verhältnis von Verschwörungstheorien zu psychedelischen Drogen.

„In den Filmen wurden gewalttätige Drogensüchtige gezeigt, unheilbare Wahnsinnige, Seelen zerstörende Folgeerscheinungen, unter dem Einfluss von Drogen die Ermordung ganzer Familien mit einer Axt, und es wurde behauptet Marihuana wäre tödlicher und zerstörerischer als Heroin und Kokain!

Der Film „Reefer Madness“ schloss nicht wie üblich mit dem Wort ENDE, sondern zeigte plakativ ganz gross: SAGT ES EUREN KINDERN.

Genau wie heute waren die Menschen in den 30ger Jahren sehr naiv, bis hin zur totalen Ignoranz. Die Massen waren wie Schafe, die von der kleinen Gruppe an der Macht geführt wurde, genau wie heute. Sie haben nicht die Obrigkeit in Frage gestellt, genau wie heute. Was in der Zeitung stand und im Radio kam, glaubten sie aufs Wort, … ja genau wie heute. Sie erzählten diese Schauergeschichten ihren Kindern, die es wiederum ihren Kindern erzählten, so wurde eine Generation nach der anderen gegen Marihuana, bzw. Hanf komplett Gehirn gewaschen.“ [1]

Erstens einmal wieder die selbstgerechte Behauptung darüber, wie naiv doch alle anderen sind. In einer Zeit, in der die Masse schon über die „Lügenpresse“ jammert, noch zu behaupten, die Mehrheit würde alles aus den Medien glauben, erfordert eine Realitätsentfremdung, deren Grund man schon als die Affinität zu Cannabis deuten könnte. Natürlich ist Marihuana nicht die Killerdroge, nach deren einmaligem Konsum man seine Zukunft verbaut, doch ungefährlich sind sie auch nicht. Die Gefahr einer Cannabispsychose besteht [2], auch wenn eine Risikoverdoppelung bei einem Erkrankungsrisiko von 1% erst einmal dramatischer klingt, als es ist, bei stärkeren Sorten kann es sich auch auf 3% erhöhen [3].

„Auch die Medizin könnte große Heilerfolge mit Hanf bewirken, so wie es über die Jahrtausende war. Aber dagegen sind selbstverständlich die Pharmakonzerne, welche uns mit Chemiebomben lieber als Dauerpatienten nicht heilen, sondern nur behandeln will. Dabei hat Hanf beindruckende Heilungseigenschaften. Das wäre viel zu einfach und würde Big-Pharma die Profite schmälern. [1]“

Sehr amüsant nur, dass aber gerade die Krankenkassen die Legalisierung von medizinischem Hanf blockieren, also die Gegenspieler der Unternehmen und der Apothekerverband, der schließlich die vertritt,die das Geld mit diesen „Chemiebomben“ machen, dafür kämpfen. [4] Auch Tetrahydrocannabinol ist eine Chemikalie und ob sie nun im Labor hergestellt und als Tablette verabreicht oder auf einer Pflanze wächst und vaporisiert wird ist im Endeffekt egal. Weswegen sollte die Pharmaindustrie etwas dagegen haben, ein neues Medikament auf den Markt zu bringen?

Cannabis wirkt in den meisten Bereichen als palliatives oder vorbeugendes Medikament. [5] Vermutlich wirkt es antikanzerogen, das Risiko auf Lungenkrebs und Lebertumore wurde tatsächlich gesenkt. Ein bereits wachsender Tumor oder gar Metastasen sprechen aber wahrscheinlich nicht mehr darauf an. Eher wird das Wachstum verlangsamt.

Die Konzerne könnten in der Tat einen großen Profit aus der Legalisierung ziehen. Die Preisentwicklung hatte auch noch nie etwas mit den realen Herstellungskosten zu tun, sie wurde nach der Intensität der Nachfrage bemessen.

Verschwörungstheoretiker sind häufig auch esoterisch veranlagt, zwischen den Glaubenssystemen herrschen rege Überschneidungen. In ihrer Ideologie und Denkweise fällt ein logischer Fehler schnell auf, der Gedanke, dass „chemisch“ und „natürlich“ Gegensätze wären, was sie aber nicht sind. Ein THC-Molekül aus dem Labor entspricht vollkommen einem THC-Molekül, dass von einer Pflanze synthetisiert wurde. Auf diesem Wiederspruch baut aber ihr System auf. Das Künstliche steht gegen das Natürliche, das Künstliche ist dabei kapitalistisch, es ist abstrakt und global, das  Natürliche frühsozialistisch, verständlich, national und klein. So erklärt sich auch die Angst vieler Menschen vor synthetischen Drogen. Dabei ist reines Chrystal Meth (Pervitin) vermutlich leichter zu handhaben als der überaus natürliche Fliegenpilz, der ein starkes Delirantium ist.

 

[1] http://alles-schallundrauch.blogspot.de/2009/05/warum-die-wunderpflanze-hanf-verboten.html

[2] http://www.drugcom.de/aktuelles-aus-drogenforschung-und-drogenpolitik/11-03-2011-langzeitstudie-cannabis-foerdert-psychotische-symptome/

[3] http://www.spektrum.de/news/foerdert-ausschweifender-cannabiskonsum-psychosen/1333477

[4] https://hanfverband.de/nachrichten/news/gesetzentwurf-zu-cannabis-als-medizin-die-widerstaende-der-interessenverbaende

[5] http://www.spektrum.de/wissen/heilung-und-wahn-cannabis-als-droge-und-medizin/1341586

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