Links und rechts

Relativisten versuchen oft, die Unterscheidung von rechts und links abzuschaffen und agieren so als die Wegbereiter der Querfront. Und auch wenn die politische Linke und die politische Rechte keine homogenen Bewegungen sind und auch nicht jede Meinung klassifizierbar ist, so gibt es doch auch Unterschiede, die man klar herausarbeiten kann. Während Harald Martenstein 2006 schon schrieb, dass die Linke eigentlich tot sei und kein Alleinstellungsmerkmal hat, kann man heute sagen, dass seine Analyse auf falschem Verständnis beruhte.

„Was den Lebensstil betrifft, wird oft gesagt, dass die 68er, Linke also, in vieler Hinsicht gesiegt haben. Aber kann man es wirklich »links« nennen, wenn die Sexualmoral, die ehelichen Bindungen und die Umgangsformen lockerer geworden sind und die Erziehung weniger autoritär? Die 68er haben für Liberalisierung gekämpft. Sie waren, ohne es zu ahnen, Agenten des Kapitalismus. Die Triebkräfte des Kapitalismus – hat Marx geschrieben! – dringen eben immer darauf, dass Traditionen verschwinden und Bindungen gelockert werden.“

– Harald Martenstein in der Zeit – [1]

Mit der Politischen Linken verbinden viele einerseits einen Staat, der die Wirtschaft in Ketten legen möchte, als auch eine gesellschaftliche Enthemmung. Dabei waren die Linken nur selten wirklich lustfreundlich, vielmehr zeigt der Lebensstil vieler selbsternannter Revolutionäre wie Meinhof, Ensslin und Baader, als auch das berühmte Kaffee-Zitat von Che Guevara, dass sie die linke Ideologie als menschenübergeordnetes sehen, dem sich das Individuum zu unterwerfen hat. Die 68er waren nicht einheitlich und wenn man bedenkt, dass deren Vordenker die Theoretiker der kritischen Theorie waren, die z. B. in der Dialektik der Aufklärung eine bürgerliche Gesellschaft noch als Bewusstwerdung und fortgeschrittene Stufe des mündigen Subjekts sahen, dann wirkt dieser angebliche Widerspruch zwischen Liberalismus und der Politischen Linken etwas fehl am Platz. Vielleicht ist das große Problem nicht das, was von den Theoretikern, die allgemein als „links“ benannt werden, gesagt und geschrieben wurde, sondern all jene Gestalten, die sich heute als links bezeichnen.

Wenn prominente Mitglieder der Partei „die Linke“ Flüchtlingsobergrenzen und einen starken Nationalstaat fordern, [2] obwohl sie in einer teilweise sogar als linksextrem geltenden Gruppierung sind, dann wird schnell klar, dass die Selbstbezeichnung nicht unbedingt mit dem Inhalt übereinstimmt.

Die meisten linken Positionen können sich aber auf einige wenige Punkte einigen. Gleichheit, starker Staat und Antikapitalismus. Bleibt man dabei, so könnte man tatsächlich sagen, dass diese Themen in gleicher Weise von der extremen Rechten unterstützt werden. Doch Marx selbst war keineswegs ein Vertreter der Ideologie eines starken Staates. [3] Die gesamte kritische Theorie darüber hinaus war kollektivfeindlich und individualistisch, ebenso antietatistisch, was sich als logischer Konsequenz aus dem Gedanken der Mündigkeit ergab. Mündigkeit, die urprüngliche Forderung der Linken ist ein fundamentaler Widerspruch zu einem reglementierenden Staat. Und hier besteht auch der wirkliche Unterschied zwischen rechten und linken Positionen, wie man sie im Bezug auf ihre Denker und nicht auf Martensteins Alltagsverständnis interpretiert.

Die politische Rechte sieht die Tradition, die Nation, das Kollektiv als Priorität an und möchte diese gegen Veränderung und Eingriffe verteidigen. Die rechte Staatsskepsis geht nicht auf einen Individualismus zurück, sondern auf eine Ablehnung von Experimenten, wie das Wahlplakat damals für Konrad Adenauer auch sehr schön auf den Punkt brachte. Die Linke und die Grünen, SPD und alles andere, was sich als links versteht, entspricht meist nicht im Ansatz der Definition einer Politik, die auf Mündigkeit und dem überflüssig-machen einer unzureichenden staatlichen Kontrolle.

 

[1] http://www.zeit.de/2006/19/Links_19

[2] http://www.tagesspiegel.de/politik/linke-und-fluechtlinge-aerger-um-sahra-wagenknecht/12833340.html

[3] http://www.schmidt-salomon.de/prol.htm

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