Die böse Gentechnik

Naturschützer, Esoteriker, Faschisten und Linksradikale sind sich weitestgehend einig, was menschliche Eingriffe in den Verlauf der Evolution angeht. Sie wären durchweg falsch. Wie die meisten absoluten Aussagen ist auch diese falsch und einige richtige Argumente, wie sie z.B. in diesem Greenpeace-Artikel benannt werden, kann man auch von Kritikern hören. [1] Nichtsdestotrotz schafft es auch dieser recht gut recherchierte und argumentierende Text, sich selbst zu widersprechen.

„Die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen beweisen bisher, dass jeweils genau das Gegenteil eingetreten ist. Mit der Verwendung von genmanipuliertem Saatgut konnten keine Ertragssteigerungen erzielt werden, und der Pestizideinsatz steigt mittelfristig sogar an.“

„Durch die Hintertür bekommen wir die Gentechnik allerdings doch aufgetischt. Denn: Lebensmittel wie Milch, Eier, Fleisch von Tieren, die gentechnisch verändertes Futter bekommen haben, müssen nicht gekennzeichnet werden.“[1]

Man könnte sich fragen, wieso Landwirte gentechnisch veränderte Futterstoffe verwenden, wenn diese doch mehr Pestizide benötigen würden und darum teurer würden. Da scheinbar gen“manipuliertes“ Futter in einem Bereich verwendet wird, in dem es auf große Mengen zu günstigen Preisen ankommt, scheint der Effekt doch nicht so negativ zu sein. Eine Auswertung von 147 Studien zu diesem Thema kommt dabei zum gleichen Schluss wie die gerade angewandte Alltagslogik. [2]

Auch interessant ist die Frage, weswegen lediglich der menschliche Eingriff gefährlich sein soll. Mutationen sind alltäglich und Greenpeace schießt sich auch hier mit einer Aussage ins eigene Knie:

„So stimmt schon eine der Grundannahmen  der Gentechnik nicht: ein Gen habe nur eine Wirkung. Die Wissenschaftler können weder den genauen Ort, wo das Gen in die Erbsubstanz der Pflanze eingebaut wird, noch die Wechselwirkungen mit anderen Genen und Proteinen gezielt steuern. Kein Wunder, dass es beim Anbau von Gen-Pflanzen immer wieder zu überraschenden Nebenwirkungen kommt: Die Stängel von Gen-Soja platzen bei Dürre und Hitze auf oder Gen-Pappeln blühten zum falschen Zeitpunkt.“ [1]

Erstens konnte ich keinen Wissenschaftler bei meinen Recherchen finden, der jemals behauptet hat, ein Gen hätte nur eine Wirkung. Aber selbst wenn man diese Aussage stehen lässt, so fragt man sich doch, worin die große Gefahr labortechnischer Mutationen besteht, wenn jeden Tag das Millionenfache auf natürlichem Weg passiert? Die Natur bedenkt Wechselwirkungen noch weitaus weniger als der Mensch, der sich unter anderem in freier Wildbahn vorkommender Bakterien zur Genmanipulation bedient. [3] In Süßkartoffeln wurde dieses Bakterium bei fast allen kultivierten Arten nachgewiesen, was bedeutet, dass deren Kultivierung auf eine „natürliche“ Form des Gentransfers zurückgeht. Eine ursprüngliche Infektion wilder Kartoffelarten führte zu ihrer Nutzbarkeit. Die Forscher hinter diesem Nachweis schrieben dazu:

„…This finding draws attention to the importance of plant–microbe interactions, and given that this crop has been eaten for millennia, it may change the paradigm governing the “unnatural” status of transgenic crops.“ [4]

Dabei legen sie den Finger in die Wunde, die die Gentechnik vermutlich trifft. Der ewige und falsche Gegensatz von „chemisch“ (gemeint ist eigentlich synthetisch) und natürlich. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, gezielte Mutationen seien gefährlicher als zufällige. Der Mensch weiß sogar etwas mehr als der Zufall über die Funktionsweisen der Gene, was die Sicherheit eher noch steigert, wenn auch nur ein bisschen.

Andere Argumente gegen die Gentechnik sind allgemeiner Art und können gegen fast jede Technologie in Anschlag gebracht werden. Das Potential zum Missbrauch ist sowohl bei Gentechnik vorhanden, als auch bei dem Bremsenreiniger Butandiol 1,4 (Ersatzstoff zu GBL/GHB, Liquid Ecstasy und im Gegensatz zu diesen legal erhältlich), sowie bei jeder Forschung an pathogenen Bakterien (man kann mit den Ergebnissen sowohl heilen, als auch waffenfähige Erreger herstellen). Wenn Monsanto seinen Einfluss ausnutzen kann, hat das nichts mit Gentechnik zu tun, sondern mit einer Monopolisierung.

 

[1] https://www.greenpeace.de/themen/landwirtschaft/gentechnik

[2] http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/gentechnik-eine-ueberraschende-auswertung-von-147-studien-13250070.html

[3] http://www.spektrum.de/wissen/was-sie-ueber-gentechnisch-veraenderte-pflanzen-wissen-sollten/1347171

[4] http://www.pnas.org/content/112/18/5844

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Antiindustrielle Verschwörungstheorien

Im Gegensatz zu den antietatistischen Theorien, die meist noch etwas realistischer sind (im Sinne von denkbar, aber häufig dennoch falsch), sind antiindustrielle Verschwörungstheorien in sich selbst schon sehr unlogisch. Unter diesen Formen der Verschwörungstheorie kann man sich im Allgemeinen eine Schuldzuweisung gegen einzelne Zweige des Kapitalismus vorstellen, so ein pauschales Pharma-Bashing oder die einseitige Beschuldigung der Banken.

Im vorherigen Text zu seltsamen Ansichten zum Cannabis-Verbot (Der kiffende Aluhut) wurde schon eine solche Theorie etwas genauer analysiert. Ihr Fehler liegt auch weniger in der eigentlichen Meinung, sondern in der Problemlösung. Der Ruf nach einem stärkeren Staat. Nur gehen die Verschwörungstheoretiker selbst davon aus, dass der Staat nur dazu dient, der Industrie ihr Vermögen zu verschaffen und durch Lobbyismus der Eliten ausschließlich für diese agiert. Eine Stärkung des Staates würde, wenn man ihren Ausführungen folgt, dazu führen, dass die Ausbeutung zunähme, da dieser sich ohnehin nicht durchsetzen könne.

Dieser Widerspruch ist aber nur für diejenigen einer, die annehmen, dass Menschen in hohen Machtpositionen nicht fundamental anders denken, sondern einfach nur normale Wesen sind, die sich durch die jeweilige Sozialisierung so entwickelt haben. Doch eine Verschwörungstheorie geht nicht nur vom Kampf der Eliten und „dem Volk“ aus, sie geht auch von einem gänzlich anderen Charakter aus. Ein normaler Arbeiter gilt als rechtschaffen, er tut etwas für das, was er erhält und erschleicht sich nicht hinterhältig etwas. Dagegen sind die Eliten Ausbeuter, durch Heimtücke und Boshaftigkeit ergaunern sie sich Vermögen und verwenden das nur im eigenen Interesse. Wer diese Art von Denken etwas genauer erleben möchte, kann einfach die Kommentarspalte in einem Artikel lesen, der von der Milliardenspende Mark Zuckerbergs handelte. [1] Zuerst wird das Handeln heruntergespielt, danach sogar ein Willen dahinter vermutet, „das Volk“ um Steuergeld zu bringen und letztlich mündet es in einer großen Verschwörung. Auch bei den Theorien über eine AIDS-Verschwörung unterstellt man den Spendern für Schutzprojekte einen Willen zur Bevölkerungsreduktion und macht Menschen, die mit ihrem Geld etwas Gutes getan haben (denn AIDS ist eben nicht durch eine vitaminreiche Low-Carb-Diät zu bekämpfen!) zu Monstern, die die Wahrheit (wie immer nur dem Kopp-Verlag bekannt) vertuschen. [2]

Die antiindustriellen Verschwörungstheorien sind antisemitisch geprägt, im gleichen Ausmaß wie es die antizionistischen Agitationen sind. Der Antizionismus wechselt die Ebene, um direkt die Juden angreifen zu können, der regressive Antikapitalismus bleibt auf der biologisierenden Ebene, erweitert aber das Feindbild. Nicht selten werden für die Bankenkrise ausschließlich jüdische Banken verantwortlich gemacht, die Deutsche Bank hat für ihre Größe erstaunlich wenig Kritik erhalten, dahingegen wurden J.P. Morgan, Rockefeller (eigentlich beide nicht jüdisch, doch dieser Mythos zieht immer noch seine Kreise), Rothschilds und Goldman Sachs dagegen wurden in der Verschwörerszene schnell als Drahtzieher ausgemacht.

 

[1] http://www.zeit.de/digital/2015-12/mark-zuckerberg-vermoegen-spende-vater

[2] http://info.kopp-verlag.de/medizin-und-gesundheit/natuerliches-heilen/mike-adams/ungekuerzte-fassung-von-house-of-numbers-zeigt-schockierende-wahrheit-ueber-aids-.html

Der kiffende Aluhut

Cannabis, genauer gesagt das Verbot von THC, erobert sich derzeit eine Vorreiterstellung im „Big-Pharma“-Bashing. Ein „interessanter“ Artikel zu diesem Thema stammt von dem bekannten Verschwörungs-Blog „Schall-und-Rauch.“ [1] Wie es für Verschwörungstheoretiker typisch ist, sind auch hier die gewöhnlichen logischen Fehler zu finden, so wird von einer geheimen Unterredung der profitgierigen Firmenbosse geschrieben, bei der aber weder geklärt wird, wie sie davon erfahren konnten, noch weiterführende Quellen. Dagegen werden zuhauf Aussagen belegt, die ohnehin niemand bestritten hat.

Das Interessante aber dabei sind nicht die Verschwörungstheorien selbst, die sind so wie immer, eine Hand voll kaltherziger Bonzen achtet weder Natur noch Gewissen und beutet das arme Volk aus. Interessanter ist vielmehr das Verhältnis von Verschwörungstheorien zu psychedelischen Drogen.

„In den Filmen wurden gewalttätige Drogensüchtige gezeigt, unheilbare Wahnsinnige, Seelen zerstörende Folgeerscheinungen, unter dem Einfluss von Drogen die Ermordung ganzer Familien mit einer Axt, und es wurde behauptet Marihuana wäre tödlicher und zerstörerischer als Heroin und Kokain!

Der Film „Reefer Madness“ schloss nicht wie üblich mit dem Wort ENDE, sondern zeigte plakativ ganz gross: SAGT ES EUREN KINDERN.

Genau wie heute waren die Menschen in den 30ger Jahren sehr naiv, bis hin zur totalen Ignoranz. Die Massen waren wie Schafe, die von der kleinen Gruppe an der Macht geführt wurde, genau wie heute. Sie haben nicht die Obrigkeit in Frage gestellt, genau wie heute. Was in der Zeitung stand und im Radio kam, glaubten sie aufs Wort, … ja genau wie heute. Sie erzählten diese Schauergeschichten ihren Kindern, die es wiederum ihren Kindern erzählten, so wurde eine Generation nach der anderen gegen Marihuana, bzw. Hanf komplett Gehirn gewaschen.“ [1]

Erstens einmal wieder die selbstgerechte Behauptung darüber, wie naiv doch alle anderen sind. In einer Zeit, in der die Masse schon über die „Lügenpresse“ jammert, noch zu behaupten, die Mehrheit würde alles aus den Medien glauben, erfordert eine Realitätsentfremdung, deren Grund man schon als die Affinität zu Cannabis deuten könnte. Natürlich ist Marihuana nicht die Killerdroge, nach deren einmaligem Konsum man seine Zukunft verbaut, doch ungefährlich sind sie auch nicht. Die Gefahr einer Cannabispsychose besteht [2], auch wenn eine Risikoverdoppelung bei einem Erkrankungsrisiko von 1% erst einmal dramatischer klingt, als es ist, bei stärkeren Sorten kann es sich auch auf 3% erhöhen [3].

„Auch die Medizin könnte große Heilerfolge mit Hanf bewirken, so wie es über die Jahrtausende war. Aber dagegen sind selbstverständlich die Pharmakonzerne, welche uns mit Chemiebomben lieber als Dauerpatienten nicht heilen, sondern nur behandeln will. Dabei hat Hanf beindruckende Heilungseigenschaften. Das wäre viel zu einfach und würde Big-Pharma die Profite schmälern. [1]“

Sehr amüsant nur, dass aber gerade die Krankenkassen die Legalisierung von medizinischem Hanf blockieren, also die Gegenspieler der Unternehmen und der Apothekerverband, der schließlich die vertritt,die das Geld mit diesen „Chemiebomben“ machen, dafür kämpfen. [4] Auch Tetrahydrocannabinol ist eine Chemikalie und ob sie nun im Labor hergestellt und als Tablette verabreicht oder auf einer Pflanze wächst und vaporisiert wird ist im Endeffekt egal. Weswegen sollte die Pharmaindustrie etwas dagegen haben, ein neues Medikament auf den Markt zu bringen?

Cannabis wirkt in den meisten Bereichen als palliatives oder vorbeugendes Medikament. [5] Vermutlich wirkt es antikanzerogen, das Risiko auf Lungenkrebs und Lebertumore wurde tatsächlich gesenkt. Ein bereits wachsender Tumor oder gar Metastasen sprechen aber wahrscheinlich nicht mehr darauf an. Eher wird das Wachstum verlangsamt.

Die Konzerne könnten in der Tat einen großen Profit aus der Legalisierung ziehen. Die Preisentwicklung hatte auch noch nie etwas mit den realen Herstellungskosten zu tun, sie wurde nach der Intensität der Nachfrage bemessen.

Verschwörungstheoretiker sind häufig auch esoterisch veranlagt, zwischen den Glaubenssystemen herrschen rege Überschneidungen. In ihrer Ideologie und Denkweise fällt ein logischer Fehler schnell auf, der Gedanke, dass „chemisch“ und „natürlich“ Gegensätze wären, was sie aber nicht sind. Ein THC-Molekül aus dem Labor entspricht vollkommen einem THC-Molekül, dass von einer Pflanze synthetisiert wurde. Auf diesem Wiederspruch baut aber ihr System auf. Das Künstliche steht gegen das Natürliche, das Künstliche ist dabei kapitalistisch, es ist abstrakt und global, das  Natürliche frühsozialistisch, verständlich, national und klein. So erklärt sich auch die Angst vieler Menschen vor synthetischen Drogen. Dabei ist reines Chrystal Meth (Pervitin) vermutlich leichter zu handhaben als der überaus natürliche Fliegenpilz, der ein starkes Delirantium ist.

 

[1] http://alles-schallundrauch.blogspot.de/2009/05/warum-die-wunderpflanze-hanf-verboten.html

[2] http://www.drugcom.de/aktuelles-aus-drogenforschung-und-drogenpolitik/11-03-2011-langzeitstudie-cannabis-foerdert-psychotische-symptome/

[3] http://www.spektrum.de/news/foerdert-ausschweifender-cannabiskonsum-psychosen/1333477

[4] https://hanfverband.de/nachrichten/news/gesetzentwurf-zu-cannabis-als-medizin-die-widerstaende-der-interessenverbaende

[5] http://www.spektrum.de/wissen/heilung-und-wahn-cannabis-als-droge-und-medizin/1341586

Links und rechts

Relativisten versuchen oft, die Unterscheidung von rechts und links abzuschaffen und agieren so als die Wegbereiter der Querfront. Und auch wenn die politische Linke und die politische Rechte keine homogenen Bewegungen sind und auch nicht jede Meinung klassifizierbar ist, so gibt es doch auch Unterschiede, die man klar herausarbeiten kann. Während Harald Martenstein 2006 schon schrieb, dass die Linke eigentlich tot sei und kein Alleinstellungsmerkmal hat, kann man heute sagen, dass seine Analyse auf falschem Verständnis beruhte.

„Was den Lebensstil betrifft, wird oft gesagt, dass die 68er, Linke also, in vieler Hinsicht gesiegt haben. Aber kann man es wirklich »links« nennen, wenn die Sexualmoral, die ehelichen Bindungen und die Umgangsformen lockerer geworden sind und die Erziehung weniger autoritär? Die 68er haben für Liberalisierung gekämpft. Sie waren, ohne es zu ahnen, Agenten des Kapitalismus. Die Triebkräfte des Kapitalismus – hat Marx geschrieben! – dringen eben immer darauf, dass Traditionen verschwinden und Bindungen gelockert werden.“

– Harald Martenstein in der Zeit – [1]

Mit der Politischen Linken verbinden viele einerseits einen Staat, der die Wirtschaft in Ketten legen möchte, als auch eine gesellschaftliche Enthemmung. Dabei waren die Linken nur selten wirklich lustfreundlich, vielmehr zeigt der Lebensstil vieler selbsternannter Revolutionäre wie Meinhof, Ensslin und Baader, als auch das berühmte Kaffee-Zitat von Che Guevara, dass sie die linke Ideologie als menschenübergeordnetes sehen, dem sich das Individuum zu unterwerfen hat. Die 68er waren nicht einheitlich und wenn man bedenkt, dass deren Vordenker die Theoretiker der kritischen Theorie waren, die z. B. in der Dialektik der Aufklärung eine bürgerliche Gesellschaft noch als Bewusstwerdung und fortgeschrittene Stufe des mündigen Subjekts sahen, dann wirkt dieser angebliche Widerspruch zwischen Liberalismus und der Politischen Linken etwas fehl am Platz. Vielleicht ist das große Problem nicht das, was von den Theoretikern, die allgemein als „links“ benannt werden, gesagt und geschrieben wurde, sondern all jene Gestalten, die sich heute als links bezeichnen.

Wenn prominente Mitglieder der Partei „die Linke“ Flüchtlingsobergrenzen und einen starken Nationalstaat fordern, [2] obwohl sie in einer teilweise sogar als linksextrem geltenden Gruppierung sind, dann wird schnell klar, dass die Selbstbezeichnung nicht unbedingt mit dem Inhalt übereinstimmt.

Die meisten linken Positionen können sich aber auf einige wenige Punkte einigen. Gleichheit, starker Staat und Antikapitalismus. Bleibt man dabei, so könnte man tatsächlich sagen, dass diese Themen in gleicher Weise von der extremen Rechten unterstützt werden. Doch Marx selbst war keineswegs ein Vertreter der Ideologie eines starken Staates. [3] Die gesamte kritische Theorie darüber hinaus war kollektivfeindlich und individualistisch, ebenso antietatistisch, was sich als logischer Konsequenz aus dem Gedanken der Mündigkeit ergab. Mündigkeit, die urprüngliche Forderung der Linken ist ein fundamentaler Widerspruch zu einem reglementierenden Staat. Und hier besteht auch der wirkliche Unterschied zwischen rechten und linken Positionen, wie man sie im Bezug auf ihre Denker und nicht auf Martensteins Alltagsverständnis interpretiert.

Die politische Rechte sieht die Tradition, die Nation, das Kollektiv als Priorität an und möchte diese gegen Veränderung und Eingriffe verteidigen. Die rechte Staatsskepsis geht nicht auf einen Individualismus zurück, sondern auf eine Ablehnung von Experimenten, wie das Wahlplakat damals für Konrad Adenauer auch sehr schön auf den Punkt brachte. Die Linke und die Grünen, SPD und alles andere, was sich als links versteht, entspricht meist nicht im Ansatz der Definition einer Politik, die auf Mündigkeit und dem überflüssig-machen einer unzureichenden staatlichen Kontrolle.

 

[1] http://www.zeit.de/2006/19/Links_19

[2] http://www.tagesspiegel.de/politik/linke-und-fluechtlinge-aerger-um-sahra-wagenknecht/12833340.html

[3] http://www.schmidt-salomon.de/prol.htm

Die falschen Freunde Israels

Die neue Rechte, die sich als patriotisch und ethnopluralistisch versteht (ein Euphemismus für „Rassenhygiene“), bekennt sich in nicht unerheblichen Teilen als pro-israelisch, besonders die stark antimuslimisch und rassistisch ausgerichteten Aktivisten. Ihre angebliche Freundschaft zu Juden ist aber mehr Produkt der Selbstvergewisserung, kein „Nazi“ sein zu wollen, als wirkliche Kritik des Antisemitismus. Eine kurze Beschreibung des Auftritts eines Israeli bei Pegida auf der rechtspopulistischen Seite PI-News zeigt dabei vor allem die Bestrebung, sich von der eigenen Geschichte reinwaschen zu wollen. [1] Um ihr eigenes Selbstbild zu stärken, zitieren sie folgenden Teil aus der Rede von Dr. Rotem Avituv:

„Ich bin Jude, meine Familie lebte 700 Jahre in Deutschland und ich sage euch, ich sehe hier keine Nazis. Die Nazis sind die Linken. Hier sehe ich nur Patrioten, die dieses Land lieben und es schützen wollen vor dem Islam, der Deutschland übernehmen will, eure Traditionen, euren Glauben, … aber wir werden das nicht zulassen. Wir sind Deutsche, wir sind stolz auf unser Erbe, wir haben ein schönes Land.“ Und er sagt: „Wir vergeben euch.““

Bei sehr rechtslastigen Bewegungen fällt auf, dass sie sich schon als Nazi diskriminiert fühlen, bevor irgendjemand etwas sagen konnte. Die Parallele zum NS ist vermutlich schon darum unangenehm, weil sie das makellose Deutschlandbild der Patrioten beschmutzt. Sie wollen den NS nicht als Teil der deutschen Geschichte. Nicht weil sie ihn schlimm fanden, eher, weil er nicht erfolgreich war. Um sich distanzieren zu können wird die Solidarität mit den früheren Feinden vor sich als Monstranz hergetragen, die jüdischen Israelis werden dadurch zum Objekt der Befreiung von Schuld.

Natürlich lösen sich Ressentiments nicht in Luft auf. Sie zeigen sich nur in neuer Form, wie dem Antiamerikanismus, besonders aber einem irrationalen Ressentiment gegen die Politik, die für sie durchweg von Korruption und hinterlistigen Verschwörungen beherrscht ist. Die Auflistung der Eigenschaften der Politiker ähnelt dabei dem klassischen Antisemitismus, Gier, Unehrlichkeit, Hinterlist. Sie paktieren mit dem Großkapital, um dem „deutschen Volk“ zu schaden und es zu schwächen. Ebenso werden auch die Medien regelmäßig als Schuldige benannt, die die Katastrophen und Krisen der Gegenwart verschleiern und mit den Eliten zusammenarbeiten.

Während sich vor allem die extreme Rechte sehr stark gegen Israel und die USA richtet, müssen diese Elemente beim bürgerlichen Rechtspopulismus nicht mehr gegeben sein. Dieser wahrt sein bürgerlich-demokratisches Profil und neigt wegen seiner demokratischen Gesinnung automatisch zur Verneinung des Individuums. [2] Also werden auch die Juden zu einem Kollektiv. Eine Gruppe von Menschen, die auch als Kollektiv angegriffen wird, muss in deren Augen auch eine einheitliche Meinung zur richtigen Lösung und Antwort auf diese Angriffe haben.

Die freundschaftlichen Bande zu den Juden und Israel bekommen aber sehr schnell Risse, wenn bspw. der Zentralrat der Juden Entscheidungen trifft, die nicht dem Weltbild rechtspopulistischer oder rechtsradikaler Fanatiker entsprechen, oder diesem sogar klar widersprechen. Wer sich von den verbalen Entgleisungen der „besorgten Bürger“ eine kleine Geschmacksprobe antun möchte, der kann unter diesem ausgezeichnet recherchierten und beneidenswert neutral formulierten kleinen Text die Kommentare durchlesen. [3] (Zur Erinnerung, das sind die Menschen, die von der „Lügenpresse“ objektivere Berichte fordern)

Dort schreibt auch eine Person, die mit einem beneidenswerten fehlenden Wissen gesegnet ist und sich dabei amüsanterweise „Kulturhistoriker“ nennt:

„Was machen die juden, wenn es eines tages/bald kein
deutsches Volk
mehr gibt?“ (Ohne Korrekturen übernommen)

Wieder offenbart sich das Selbstbild der radikalen Rechten. Sie halten sich für den Stern am Himmel der Zivilisation und gehen davon aus, dass die Europäer kultiviert sind. Das deutsche Volk sei das Einzige, dass die Juden schützen könne, ohne Deutschland wären sie hilflos (wie uns die Geschichte lehrt). Das Judentum und Israel sind für sie nicht mehr als Projektionsfläche, mit deren Hilfe sie die Nationalsozialisten aus dem Rechtsradikalen ausschließen, um sich für deren Taten nicht mehr rechtfertigen zu müssen.

 

[1] http://www.pi-news.net/2015/01/httpwww-pi-news-netp445629/

[2] Demokratie und Nationalismus

[3] http://www.pi-news.net/2015/06/zentralrat-der-juden-ehrt-gruenen-paederastenfreund-volker-beck/

Demokratie und Nationalismus

Die Demokratie ist von ihrer Grundlage her eine kollektivistische Regierungsform. Man spricht in den seltensten Fällen vom Willen der überwiegenden Mehrheit, sondern vom Willen des Volkes. Hierbei handelt es sich aber um weit mehr als eine Redensart. Die angebliche Vielfalt, die die Demokratie garantieren möchte, entpuppt sich als weitere Form einer kollektivistischen Monokultur, denn hier legt die Mehrheit fest, was alle zu denken haben. Alle Macht soll vom Volk ausgehen. Doch kann die Macht nach dem etatistischen Grundgedanken nur von einer Institution ausgehen, würde sie sich aus vielen Individuen zusammensetzen und funktionieren, wäre die Begründung für einen Staat hinfällig. Der angebliche Individualismus, die krampfhafte Betonung einer Willkommenskultur und penetrante Hervorhebung von Vielfalt täuschen nicht darüber hinweg, dass sie eine Illusion aufrechterhalten sollen. Die Demokratie würde an mündigen und selbstverantwortlichen Individuen zugrunde gehen, da diese keines Staates bedürften und so immer mehr zu freiheitlicheren Formen der Gesellschaftsordnung tendieren würden. Der Staat würde seiner eigenen Abschaffung zuarbeiten.

Um eben jene Individuen zu verhindern, etwas, das nicht von Politikern willentlich durchgeführt wird, sondern dem demokratischen System immanent ist, wird die Summe aus Einzelpersonen zu EINEM Volk gemacht, dass EINEN, seinen, Willen äußert. Die Entscheidung dieses Volkes bestimmt auch, was diejenigen zu tun haben, die sich dem nicht anschlossen. Demokratie garantiert nicht, dass man Freiheiten hat, sondern nur eine, die Freiheit, zu bemängeln, dass man nicht frei sein darf. Wenn man dem zu folgen hat, was die Mehrheit möchte, dann folgt daraus die Auflösung individueller Eigenschaften.

Gerade in der AfD manifestiert sich die Demokratie, von ihrer schlechtesten und barbarischsten Seite. Dem Willen des Volkes haben sich auch die Bestimmungen zu unterwerfen, die gesetzlich garantiert sind. Die Abschaffung des Grundrechts auf Asyl und die Benachteiligung von LGBT-Personen (Letzteres trifft auch auf die CDU zu, leider) sind Ausdruck eines nationalen Begehrens des Volkes, das als Mehrheit entscheidet, was die Minderheiten nicht blockieren dürfen. Diese sind, egal wie groß die zur Schau gestellte Toleranz sein mag, immer nur geduldet und das nicht länger, als wie sie im Stande sind, die Mehrheitsentscheidungen mitzutragen.

Daraus folgt auch eine grundlegend nationalistische Einstellung. Das Einzige, was als verbindende Eigenschaft des Volkes dienen kann, ist die Nationalität. Sie dient als das Absolute und Allgemeine, das die Demokratie braucht, um sich zu legitimieren. Keine demokratische Partei konnte sich bislang von nationalistischen Phrasen trennen. Die Linke fand in Wagenknecht und Lafontaine populäre Fürsprecher für nationale Kollektive und antiamerikanische Vorurteile, die Grünen und die SPD feiern Deutschland für seine Willkommenskultur und glorifizieren ein „helles“ Deutschland, CDU und AfD müssen gar nicht erst erläutert werden. Eine Abschaffung der Nationen könnte also zwei Effekte haben. Entweder geht der supranationale Staat unter, oder er wird wieder in überschaubare Grenzen aufgeteilt, in denen ein Kollektiv sich noch auf das Gemeinsame und Allgemeine einigen kann.

Unser derzeitiges Demokratie-System, das einigermaßen leidlich funktioniert, ist eingeschränkt durch Institutionen, eine Verfassung und eine relativ gut arbeitende Presse. Doch gerade in Gestalt der AfD und der antiamerikanischen Linken zeigt sich immer mehr, dass auch in Deutschland dieses Demokratie-Verständnis um sich greift und das nationale Kollektiv sich seine totale Macht wieder erobern möchte.

Ist die AfD rechtsextrem?

Die permanenten Vergleiche der AfD und der NSDAP täuschen über das wahre Gesicht der Partei hinweg und reduzieren die national-sozialistische Ideologie auf jede Art von möglichem Rassismus. Doch macht den National-Sozialismus noch viel mehr aus, wie sein Name schon sagt, eine antikapitalistische Haltung, eine staatssozialistische und nationalistische Kollektivvorstellung. Ebenso Antisemitismus, der in der AfD allerdings auch strukturell angelegt ist Form des Antiamerikanismus. Weiterlesen „Ist die AfD rechtsextrem?“