Wie widerlegt man Weltbildimmunisierung?

Um das eigene Weltbild argumentativ zu immunisieren werden von Verschwörungstheoretikern (und auch anderen Ideologen) einige Taktiken verwendet, die auf Laien oftmals überzeugend wirken:

  1. Der Diskussionsgegner wird als unkritisch diffamiert. Unterstellt man dem Gegenüber, er wäre unkritisch und würde blind der „kontrollierten Presse“ glauben, so macht man dessen Argumente gleich mit unglaubwürdig. Jeder Verweis auf Quellen, die eigentlich den Verschwörungstheoretiker und seine Verschwörungstheorien widerlegen würden, wird damit im Voraus gekontert und „widerlegt,“ ohne die Aussage wirklich hinterfragen zu müssen. Hilfreich ist es, dieses „Argument“ mit Nachfragen zu seinen Quellen zu entkräften und den Gegenüber in die Ecke zu drängen, wenn er aufzeigen muss, dass seine Eigenen den Kriterien selbst nicht entsprechen. Dieser Gegen-Konter ist zwar zuerst einmal Whataboutism und könnte so angegriffen werden, man kann darüber aber klar machen, dass die Aussage über „kontrollierte Medien“ selbst aus Medien stammt, die ihre eigene Kontrolliertheit nicht widerlegen können.
  2. Der Gegenüber ist bezahlter Troll. Vor allem im Internet erfreut sich dieser Angriff hoher Beliebtheit. Wiederum muss der Verschwörungstheoretiker nichts beweisen, man selbst ist aber in der Situation, nicht mehr argumentieren zu können, da dieser Verweis jede logische Grundüberlegung ohne Basis zur Seite schieben kann. Darauf ist meistens der Konter der so Angegriffenen eine Ironisierung der Behauptung und gespielter Ärger darüber, dass die Tarife für bezahlte Trolle gesenkt wurden oder Ähnliches (was zugegebenermaßen bei Leuten Spaß macht, die man ohnehin nicht mehr überzeugen kann). In einer ernsthaften Diskussion, bei der es häufig auch eher darauf ankommt, Zuschauer oder Mitlesende auf die eigene Seite zu ziehen, ist es aber hilfreicher, das behauptete kritische Denken des Gegenübers anzugreifen und ihm im Gegenzug aufzuzeigen, dass er sein Weltbild aktiv immunisiert. Also eine direkte und konfrontative Dekonstruktion seiner Argumentationsmuster. Es mag unfair klingen, aber der Effekt ist für Zuhörende meist der Gegenteilige, da der Verschwörungstheoretiker selbst als unkritisch entlarvt wurde, wird ihm nicht mehr geglaubt. Es gilt aber auch hier, wenn der Verschwörungstheoretiker Argumente nennt, dürfen diese nicht in gleicher Manier beiseite gewischt werden. Kritisches Denken bedeutet nicht, immer die offizielle Version blind zu glauben, sondern auch die Gegentheorien einer ernsthaften Prüfung zu unterziehen. Meisten stellen sie sich auch wirklich als falsch heraus.
  3. Schwarz-Weiß-Denken. Durch ein bloßes „Wir“ und „die Anderen,“ kann der Verschwörungstheoretiker leicht aus der Absurdität einiger Behauptungen der Regierung, die nachweislich falsch sind, eine allgemeine Richtigkeit seiner Verschwörungstheorien schließen. Kontern lässt sich dieses Denkmuster aber auch recht leicht. Man nimmt blödsinnige und offenkundig peinliche Verschwörungstheorien und schließt darauf ironisch auf die allgemeine Falschheit aller Verschwörungstheorien. Der Gegner wird es natürlich so widerlegen wollen, dass er diese als unsinnig bezeichnet und darauf hinweist, dass das Theorien waren, die er nie vertreten hat. Und anhand dieser unfreiwilligen Widerlegungen seiner eigenen Herleitung zeigt man mit dieser, am Besten im weitestgehend gleichen Wortlaut, dass seine eigene ebenso Unfug ist.
  4. Gedankenkontrolle. Viele Verschwörungstheoretiker nehmen eine Gedankenkontrolle durch Regierungen und Eliten an. Das Argument, das sie daraus zimmern, ähnelt dem des Ersten, der Diffamierung als Schlafschaf. Doch kann dieses noch weitaus eleganter gekontert werden. Und zwar, indem man den Gegner in solche Höhen lobt, dass jedem Zuschauer / -Hörer die Lächerlichkeit dieser Immunisierung klar wird. Durch ein Lob dafür, dass der Gegner scheinbar eine hohe geistige Überlegenheit besitzt, da er es schafft, trotz aktiver Kontrolle doch nicht kontrolliert zu sein und Gedanken haben zu können, die mit dieser gar nicht möglich sein dürften, er also ein wahrlich überlegenes Genie sein müsse, wird den meisten noch-nicht-Verblendeten klar, dass eine angebliche Gedankenkontrolle, die ihre eigene Kritik zulässt, vollkommen unlogisch ist.
  5. Die Opferrolle. Durch die Behauptung, sie würden verfolgt, stigmatisiert und ausgegrenzt, immunisieren sich viele „Truther“ gegen Kritik. Dabei wird unbewusst darauf spekuliert, dass fortan jede Kritik an ihnen als Bestätigung dieser These durch die Zuhörer wahrgenommen wird. Besonders unangenehm sind Vergleiche mit der Verfolgung der Juden im dritten Reich, die man aber schon alleine durch eine Aufzählung der Ungerechtigkeiten, Gewalttaten und Diskriminierungen gegen Juden in der NS-Zeit widerlegen kann. Einfacher ist es aber, die Opferrolle an sich zu widerlegen, bzw. sich selbst in diese hineinzubegeben. Füllt man ihren Begriff einfach mit dem eigenen und wiederholt, dass man als Linker / Libertärer / Konservativer o. Ä. verfolgt würde, und zählt dann die Kritik der großen Medien an der eigenen Position auf, so bleibt dem Verschwörungstheoretiker nicht mehr viel Kontermöglichkeit. Entweder, er widerlegt deine Darstellung und nimmt sich selbst die Grundlage für seine eigene Rolle. Darauf müsste er sich in der Diskussion neu positionieren, was die Basis für weitere Immunisierung nimmt, oder direkt auf das Sachliche ausweichen. Oder aber, er widerlegt deine Darstellung nicht und versucht mit einem Manöver auszuweichen, wobei man abwägen muss, in welchem Teil des Gespräches man grundlegender auseinandernehmen kann.
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