Ritalin-Kritik

Abseits der Ideologiekritik gibt es viele Verschwörungstheorien, denen man nicht mit logischer Kritik auf der Metaebene begegnen kann, sondern die in ihren Behauptungen widerlegt werden müssen. Ich selbst bin ADS-Patient und erhalte seit ca. einem 3/4 Jahr das Medikament Medikinet (der Wirkstoff „Methylphenidat“ ist die gemeinsame Basis von Medikinet und Ritalin). Aufgrund der Tatsache, dass es bei mir nur positive Effekte hat, war es zuerst eine große Überraschung, dass gerade dieser Wirkstoff so verteufelt wird.

Insofern lege ich den programmatischen Artikel der Seite Impfkritik zugrunde und möchte auf jede Behauptung eingehen. [1] Sie sind nicht durchweg falsch, die Schlüsse daraus sind es aber.

„Ritalin® ist eine Droge,

  • die nichts heilt.“

Das ist richtig. Methylphenidat heilt die Symptome tatsächlich nicht. Es handelt sich um (vermutlich) um eine Störung des Belohnungssystems und des Dopaminspiegels, also ein hormonelles Problem. [2] Der Logik der Ritalin-„Kritiker“ folgend müsste es aber auch bedeuten, dass bei Diabetes das Spritzen von Insulin falsch wäre, schließlich heilt es ja nicht, sondern muss regelmäßig nachdosiert werden. Wie ich später noch anhand einer Quelle nahegelegen möchte, gibt es aber Vermutungen, dass die Symptome des ADS durch langjährige Behandlung schwächer werden.

Und ja, Methylphenidat ist eine Droge. Wie jedes andere Medikament auch. Keiner würde die Wirksamkeit von Antitussiva wie Codein, Dextrometorphan oder Tillidin in Frage stellen, weil sie als Opiate missbraucht werden können. (allerdings sind Codein und Tillidin verschreibungspflichtig, wie Methylphenidat auch. Damit erkennt der Staat das Potential zum Missbrauch an. Ein Argument ist es dennoch nicht.) Lange Zeit wurde auch Heroin, Desomorphin (heute bekannt als „Krokodil“), LSD (in einigen Ländern wieder zugelassen) und MDMA (ebenfalls wieder in einigen Ländern zu Therapiezwecken zugelassen) in der Medizin eingesetzt. Die Unterscheidung von „Droge“ und „Medikament“ ist weitaus schwammiger als die meisten denken. Das unterscheidet Drogen auch von Homoöpathie, sie enthalten einen Wirkstoff.

„An der Hersteller wie Händler gewaltig verdienen.“

Ist auch eine große Frechheit, dass im Kapitalismus auf Gewinn und nicht auf Wohltätigkeit produziert werden kann. Hier handelt es sich wieder um kein wirkliches Argument, sondern eine reine Floskel. Bei der Recherche konnte ich keine Quellen für den realen Gewinn bei dem Verkauf von Methylphenidat-Medikamenten finden, weswegen sich mir die Frage stellt, woher die „Kritiker“ die Gewinnspanne kennen.

Einige Preise sind hier in der Liste enthalten:
[4] [5]
Ritalin LA 20mg 30 Kapseln 28,00€ (36,10€ ¹)
Ritalin LA 20mg 60 Kapseln 52,82€ (69,98€ ¹)
Ritalin LA 20mg 100 Kapseln 90,75€ (120,38€ ¹)
Ritalin LA 30mg 30 Kapseln 38,09€ (51,99€ ¹)
Ritalin LA 30mg 60 Kapseln 76,56€ (106,18€ ¹)
Ritalin LA 40mg 30 Kapseln 48,34€ (68,53€ ¹)
Medikinet retard 50 Kapseln 10mg 26,10€ (31,62€ ²)
Medikinet retard 50 Kapseln 20mg 44,11€ (58,21€ ²)
Medikinet retard 50 Kapseln 30mg 63,08€ (87,37€ ²)
Medikinet retard 50 Kapseln 40mg 82,31€ (117,74€ ²)

Ich bin nicht unbedingt ein Experte, allerdings gibt es bei der Herstellung von Medikamenten viele Auflagen und die Edukte sind auch nicht die billigsten. Eine deutliche Gewinnspanne ist bestimmt vorhanden (wir leben immer noch im Kapitalismus, das ist nicht verwerflich), doch gibt es teurere Medikamente. Selbst wenn sie massiv überteuert wären, wäre es dennoch kein Beweis für eine angebliche Unwirksamkeit des Wirkstoffs, beide Parameter korrelieren nicht im Geringsten. Ritalinkritiker wie Hans Tolzin sind beruflich auch nicht tiefer in der Materie, ein Milchbauer wird genauso wenig über die Gewinnspanne wissen wie ich als Realschüler.

Die, wie Speed und Kokain, in den Dopamin- und Noradrenalinhaushalt eingreifen.“

Wieder zwei Schlagwörter, die Furcht verbreiten sollen und klarstellen, dass Methylphenidat eine gefährliche Droge sei, die nach einem mal nehmen schon das Leben des Patienten zugrunde richten. Dabei wurde und wird (wenn auch selten) Kokain als Medizin verwendet und macht, wie jede Droge der Welt, nach dem ersten mal nicht abhängig. [5] Speed ist ein Oberbegriff für Amphetamine, die illegal gehandelt werden, insofern ist Kokain als Droge auch „Speed“ (Speed ist meist ein Verschnitt aus verschiedenen Wirkstoffen und Streckmitteln) und die Aufzählung kann man sich sparen.[6]

„Die auf das Bewusstsein wirkt und geistige Verbesserung absperrt.“

„Die Symptome von geistiger Krankheit erzeugt.“

„Die Sucht und Abhängigkeit erzeugen kann.“

Es gibt Momente, in denen mir Sachlichkeit schwer fällt. Dieser ist so einer.

  1. Natürlich wirkt es auf das „Bewusstsein,“ sonst könnte man sich das Medikament auch sparen. Es ist Sinn der Sache, dass eine Veränderung herbeigeführt wird, weil der Ist-Zustand schlechter ist!
  2. Wenn man ADS hat und keine Medikamente erhält, dann entwickelt man im Ideal-Fall Methoden, um mit der Erkrankung umzugehen und kann sich so „bessern.“ Bei mir selbst trat der Effekt trotz mehrjähriger Behandlung z. B. aber nicht ein. (Einzelfälle sind nicht verallgemeinerbar, allerdings widerlegen sie die allgemeine Aussage, keine Medikamente wären IMMER besser) Im bereits verlinkten Artikel [2] wird erwähnt, dass Menschen mit ADS dazu neigen, Arbeiten unmotiviert angehen, wenn sie keine direkte Belohnung nach sich ziehen. Da die Erlernung solcher Methoden langwierig ist, ist es unwahrscheinlich, dass viele Erkrankte diesen Weg gehen.
  3. Was sind Symptome geistiger Krankheit? Die Behauptung ist nicht falsch, weil sie inhaltslos ist. Seit Freud ist bekannt, dass „krank“ nicht exakt definiert ist, sondern auch sozialen Normen folgt.
  4. Suchterkrankungen sind nicht nur nicht erhöht, sie sind sogar seltener. Methylphenidat-Patienten greifen seltener zu illegalen (und legalen) Drogen. [7] Diese Behauptung kommt entweder aus dem Missverständnis, nur weil Methylphenidat als Medikament eine Droge ist, müsse sie auch abhängig machen. Der Irrtum über angebliche Einstiegsdrogen spielt vermutlich mit hinein
  • „die, wie jede andere Droge, im Körper in den Zellen eingelagert wird und noch über viele Jahre nach Absetzen auf den Verstand und damit auf geistige Prozesse wirkt.“

Tatsächlich setzen sich Drogen in Körperzellen ab, so kann THC auch noch nach Jahren in den Haaren nachgewiesen werden. Dennoch wirkt es nicht mehr auf den Organismus. Wer einmal gekifft hat, kann bezeugen, dass er nach einem halben Jahr nicht immer noch high ist. Was man schon öfter bemängeln kann, kann auch hier bemängelt werden, es gibt keinen Beleg für diese Behauptung. Der Autor, Helmut Kaeding, ist bekennender Scientologe und Softwareentwickler, dass er Zugang zu medizinischen Quellen hat, die andere Fachfremde nicht auch haben, ist recht unwahrscheinlich. Allerdings gibt in dieser Quelle eine Beteiligte an einer (damals) noch nicht abgeschlossenen Studie an, dass Methylphenidat als Langzeitwirkung keine, oder eher eine Normalisierung des Gehirns bedeutet. [8] Langzeitkonsum bedeutet, regelmäßige (in diesem Fall tägliche) Einnahme über Jahre hinweg. Mit der behaupteten Einlagerung, die einen wahrnehmbaren Effekt hätte, käme es aber auch ohne regelmäßige Einnahme dazu. Dieser Effekt tritt aber eben (soweit man weiß) nicht auf.

„Die beim Absetzten, heftige Reaktionen hervorrufen kann.“

„Die, wie jede Droge, Vitaminmangelzustände produziert. Das Entfernen der Substanz aus dem Kreislauf verbraucht Vitamine. Dies kann zu einem Mangel an Vitaminen führen. Dieser Vitaminmangel kann das Herz und das Herz-Kreislaufsystem schädigen. Methylphenidat steht im Verdacht Herzinfarkte, Schlaganfälle, Bluthochdruck, Atherosklerose und Herzschwäche zu verursachen.“

„Die die Fähigkeit einer Person grundsätzlich verringert.“

Heftige Reaktionen ist übertrieben. Der Patient verfällt in alte Muster zurück oder leidet einige Tage an Hyperaktivität. [9 – letzter Abschnitt von ‚Abhängigkeitsgefahr‘] Allerdings tritt dieser Effekt bei plötzlichem Absetzen, von einem Tag auf den anderen, auf. Da Medikamente für gewöhnlich „ausgeschlichen“ werden, also über einen gewissen Zeitraum die Dosis immer weiter reduziert wird, ist diese Behauptung für die angebliche Gefährlichkeit von Ritalin/Medikinet/Concerta unbrauchbar.

Die genannten Nebenwirkungen fallen fast ausschließlich in die Kategorie „selten“ bis „sehr selten.“Das heißt sie treten bei 0,1% – 0,001% der behandelten Patienten auf. [10] Sie sind zwar nicht erfunden, aber eben auch sehr selten. Bei ungefähr 600 000 Patienten in Deutschland heißt das, dass die Nebenwirkung des plötzlichen Herztodes bei ungefähr 6-60 Patienten auftritt. Daraus eine große Gefahr zu konstruieren ist etwas weit hergeholt.

Die Wirksamkeit ist sehr gut belegt. [11] [12] Da auch diese Behauptung wie immer unbelegt blieb, gehe ich davon aus, dass diese Aussage einfach frei erfunden wurde, um in das Weltbild zu passen. Stützen lässt sie sich jedenfalls nicht.

„Mit Drogen können Symptome behandelt werden, aber keine Ursachen in Ordnung gebracht werden. Im Falle von Ritalin® wird die Person einfach bewegungsärmer gemacht und ein bisschen betäubt (warum sonst sollte Ritalin® unter das Betäubungsmittelgesetz fallen?). Die eigentliche Ursache der Probleme bleibt bestehen.“

Seltsamerweise folgt aus dieser Aussage, dass Symptombekämpfung immer falsch wäre und ein wirkliches Medikament an die Ursache gehen müsse. Das Beispiel mit dem Insulin lässt sich auch hier wieder gut anwenden, die Krankheit KANN derzeit noch nicht in ihrer Ursache behandelt werden, Methylphenidat dient dazu, trotz dieser den Alltag bestreiten zu können. Die Unterscheidung zwischen Drogen und Medikamenten ist immer noch falsch. Keiner hat bestritten, dass Methylphenidat als Rauschmittel missbraucht werden kann, weswegen es auch nur gegen Rezept erworben werden darf. Amüsanterweise wirkt es nur bei ADS-Kranken beruhigend und fokussierend, bei „normalen“ Menschen dagegen aufputschend. Damit widerlegt der Autor aus Versehen einen weiteren Punkt seines Textes:

„Um es in aller Deutlichkeit zu sagen:

  1. es gibt ein gesellschaftliches Phänomen (Hyperaktivität etc.)“

So,so. Wenn es ein rein gesellschaftliches Phänomen wäre, dann dürfte das Medikament gar nicht anders wirken. Daraus kann man nun einen Placebo-Effekt als Erklärung stricken, der dann aber bedeuten würde, dass überhaupt kein Wirkstoff existent wäre, woraus damit wieder folgt, dass es auch nicht schädlich ist.

 

[1] http://www.ritalin-kritik.de

[2] http://www.spektrum.de/news/die-transmitterchemie-stimmt-nicht/1007330

[3] http://www.onmeda.de/Medikament/Ritalin+LA+20+mg%7C+-30+mg%7C+-40+mg–packungsgroessen+preise.html

[4] http://www.onmeda.de/Medikament/Medikinet+adult+10mg%7C+-20mg–wirkung+dosierung.html

[5] http://symptomat.de/Kokain

[6] http://www.drug-infopool.de/rauschmittel/amphetamine.html

[7] http://www.diss.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000002733

[8] https://www.dasgehirn.info/aktuell/frage-an-das-gehirn/was-sind-die-langzeitfolgen-von-ritalin

[9] http://www.chemie.de/lexikon/Methylphenidat.html

[10] http://www.apotheken-umschau.de/Medikamente/Nebenwirkungen-Wie-haeufig-ist-haeufig-7852.html

[11] http://www.adhs.org/therapie/

[12] http://www.schattauer.de/de/magazine/uebersicht/zeitschriften-a-z/nervenheilkunde/inhalt/archiv/issue/648/manuscript/2041.html

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