Antiamerikanismus und Trump

Donald Trump hat sich dem europäischen Antiamerikanismus des Establishments angeboten, hätte es ihn nicht gegeben, müssten sie ihn erfinden. Da es kein Revolverblatt gibt, dass die antiamerikanische Tradition europäischer Eliten schöner in intellektuell verklärende Wortgirlanden fasst, die in angeblicher Sachlichkeit letztlich nur Ressentiments verstärken (sollen), als die Süddeutsche, zuerst einmal ein Zitat aus einem dort veröffentlichten Artikel [1]:

„Dieser Populismus ist die vielleicht größte Gefahr für westliche Demokratien. Überall in Westeuropa nagt er an den Systemen – in Frankreich durch eine Marine Le Pen, in Deutschland durch eine AfD. Nirgendwo aber kommt er so nackt und brutal daher wie in den USA, wo das demokratische System allemal härter austeilt und einsteckt, …“

„2016 wird diese Toleranz auf die Probe gestellt. Polarisierung, Skandalisierung und Wut beherrschen den Wahlkampf. Die Populisten spielen mit der Angst und dem Zorn, was einen wichtigen Wesenszug vieler Amerikaner trifft: Angst schweißt das Land zusammen, verschafft ihm einen gemeinsamen Feind, verleitet zu Höchstleistungen. Angst treibt die Menschen zu Hamsterkäufen in die Supermärkte, wenn 70 Zentimeter Schnee fallen, Angst macht aus dem Land ein gewaltiges Waffenlager. Die Angst vor Immigranten, Terroristen, der Welt da draußen und dem wirtschaftlichen Absturz führt sie nun zu Donald Trump.“

Interessant ist die Einschätzung, der amerikanische Populismus wäre aggressiver als der europäische. Flüchtlingskinder vor der Grenze zu erschießen oder Gerede vom afrikanischen Ausbreitungstyp ist keineswegs gutbürgerlich-zivilisierter Populismus, sondern blanker Rassismus und Menschenverachtung. Diejenigen, die hierzulande diese Äußerungen tätigten waren auch nicht irgendwelche Nonames auf einer Pegida-Demo, sondern Beatrix von Storch und Björn Höcke, wichtige und einflussreiche Mitglieder der AfD. Das soll nicht bedeuten, dass Trump’s Populismus nicht aggressiv wäre, sondern eher, dass er sich von der Substanz nur wenig von dem europäischen unterscheidet.

Eine zweite Einschätzung zeigt fast schon projektiven Charakter. Die Amerikaner wären ein ängstliches Volk, dass darum so anfällig für Populismus wäre. So richtig es auch sein mag, diese Kritik aus einem Land, dass nach Silvester befürchtete, solche Vorfälle würden fortan alltäglich sein und Flüchtlinge würden Kinder essen, ist albern und der arrogante Ton verkennt den alarmistischen Charakter unter anderem der eigenen Zeitung. So sind deren Beiträge zu CETA/TTIP ebenso populistisch und ängsteschürend. [2] Die Aufzählung von Dingen und Vorfällen, die „den Amerikaner“ als durch die Bank dumm, ängstlich und unfähig darstellen, sollen dabei auch vertuschen, dass Europa gerade den selben unrühmlichen Weg des Populismus geht, der in Amerika durch Trump und Sanders vorangetrieben wird.

Aber nicht nur das Flaggschiff des verzerrenden Qualitätsjournalismus kann mit derartig selbstgerechten Moral-Predigten aufwarten, auch die Frankfurter Rundschau leistet sich einen großartigen Beweis naiv-jovialer Belehrungen [3]:

„Die meisten ökonomischen Eliten in Europa und in den USA sind sich eigentlich recht einig. Sie wollen den gleichen Kurs: einen neoliberalen Kurs. Politisch wird diese Hegemonie stabilisiert. Denn linksliberale Reformpolitik gegen die Hegemonie des angelsächsischen Finanzkapitalismus kann man weder in Europa noch in den USA wirklich identifizieren. Gegen diesen neoliberalen Kurs gibt es in der Zivilgesellschaft in Europa Protest, allerdings bewirkt auch dieser Protest in Europa noch nicht viel, weil er weder von einer breiten Masse der Bevölkerung getragen wird, noch in der Regierung wirklich gehört wird. Die Zivilgesellschaft in den USA hingegen ist erodiert, deswegen gibt es dort wenig Protest.“

„Somit kann die USA von Europa vielleicht den republikanischen Demokratiegeist lernen. Die USA braucht das. Denn was für die überwiegende Anzahl der US-Wähler heute zählt, sind ihre eigenen Interessen und nicht die Interessen des Gemeinwohls. Die derzeitige Elektrisierung des US-Vorwahlkampfes durch Donald Trump ist dafür ein Sinnbild. Trump symbolisiert den Egoismus und den damit oft verbundenen Hass auf das Gemeinwohl in Extremform. Und Trump ist beliebt. Warum? Weil der Neoliberalismus den Egoismus seit nun mehr drei Jahrzehnten predigt. Die Egomaschine hat sich seit Ronald Reagan zum Zentrum des politischen Glaubens entwickelt.“

Hier wird auch wieder sehr schön der manichäische Gegensatz des sozialen Europäers gegen den egoistischen Amerikaner aufgebaut. Der Artikel stammt aus diesem Jahr (Februar 2016), in dem der nationalistische Egoismus Europas einfach nicht mehr zu übersehen ist. Dennoch wird hier weiterhin das Bild des „besseren Europas“ dargestellt. Ob das antiindividualistische „Das wir entscheidet“ überhaupt besser ist, sei mal dahingestellt, meiner Meinung nach ganz im Gegenteil.

Sehr schön herausgearbeitet ist auch das strukturell antisemitische Stereotyp des „angelsächsischen Finanzkapitalismus,“ eine „neoliberale“ und zutiefst egoistische Ideologie aus den USA, die den europäischen Altruismus unterwandert und droht, ihn gar in die „böse amerikanische“ Seele zu verwandeln.

Die AfD und die Linke führen ihren Wahlkampf auch mit Hass. Sie kommen zusammen (und alleine) auf einen nicht unerheblichen Wähleranteil. Dennoch wird unseriöser Wahlkampf, Populismus und eine dumme Wählerschaft regelmäßig als rein amerikanischen Problem abgetan. Trump wirkt hier als hervorragende Projektionsfläche für den obsessiven Wunsch, eigene Unfähigkeiten nicht mehr wahrnehmen zu müssen und sie auf den amerikanischen „Partner“ zu projizieren.

 

 

[1] http://www.sueddeutsche.de/politik/usa-die-macht-der-zornigen-1.2842745-2

[2] http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ttip-aal-beeren-und-chlor-1.2874629?reduced=true

[3] http://www.fr-online.de/gastbeitraege/gastbeitrag-was-die-usa-von-europa-lernen-koennen,29976308,33713008.html

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