Denkverbote & Sprache

Die Rechten beklagen schon lange eine Sprachpolizei in Deutschland und repressive Political Correctness. Auch wenn es bei dieser Kritik nicht wirklich um die Zerstörung von Denkverboten geht, so liegen sie wie so oft in einem Punkt richtig, ohne den Gedanken weiter zu verfolgen. Das „Verbot,“ zweifellos kein juristisches, von diskriminierenden Worten verschleiert die Strukturen, die den Verbietenden zuwider sind. So wäre es denkbar, zu unterstellen, dass die Verbietenden selbst nicht daran glauben, dass eine andere Gesellschaft möglich wäre und die Diskriminierung selbst als natürlich wahrgenommen wird. Ist etwas unerträglich, aber nicht änderbar, so neigt man dazu, das Problem zu verdrängen und zu ignorieren. Glaubt man, es ändern zu können, so versucht man es auch und analysiert das Problem im Kern.

Faschistische und etatistische Systeme, die regelnde Kräfte als nötig für die Gesellschaft erachten, müssen davon ausgehen, dass kein Mensch sich ohne Gewalt und Hierarchie jemals für eine Solidarische entscheiden, sondern zum Wolf werden würde. Damit gibt es auch einen Naturzustand, zu dem ohne Reglement sofort zurückgekehrt wird. Nimmt man beispielsweise an, dass homosexuelle Beziehungen nicht minderwertig sind, dann gibt es keinen Grund, zu analysieren, weswegen sie dafür gehalten wird. Eine Diskussion darüber verhindert nur, wer im Kern denkt, es doch mit einer natürlichen Minderwertigkeit zu tun zu haben, die einfach nicht sein dürfte. Denn die Diskussion würde auch dem so Denkenden aufzeigen, dass er selbst das denkt, was er sich eigentlich verbietet.

Denkverbote zeigen sich meist in der Sprache. Worte, die früher normal waren, werden als diskriminierend bezeichnet (was sie häufig auch sind) und weitestgehend aus dem gewöhnlichen Sprachgebrauch verbannt. So entsteht dann auch der falsche Eindruck, die Gesellschaft wäre toleranter geworden. Die Sprache hat dabei nicht primär die Funktion des Performativen, im Gegenteil, sie weist auf den Charakter hin, anstatt diesen zuzuweisen. Der Mensch als ursprüngliches Wesen hatte (vermutlich) nicht von Beginn des Bewusstseins an schon sprachliche Mittel (obwohl es auch hier eine Theorie gibt, Die Entstehung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche, die aber wenig rezipiert wird), weswegen die Form der Ausdrucksweise auch nach der Formung der Kategorien kam und an diese angepasst wurde.

Dabei ist die Sprache stets Vermittlungsobjekt. Die eigene Wahrnehmung der Dinge wird in ein Allgemeines gefasst und kann so auch von anderen Individuen erkannt werden. Eine Einschränkung der Sprache durch das Verbot gewisser Worte erklärt damit auch, dass dieses Objekt nicht Teil des Allgemeinen, also auch der Gesellschaft ist. Somit ist die Verbannung des Wortes auch die Verbannung des Gegenstandes und der Wunsch nach seinem Verschwinden. Das sprachliche Objekt muss sich durchweg dem autoritären Willen der Meinungsgeber beugen und wird darum als das Vermittlungsnötige schon politisiert. So ist der Zugang zur Realität und Wahrnehmung durch das Wort schon eine klare Positionierung in den politischen Meinungsspektren. Ohne leugnen zu wollen, dass das spekulativ ist, denke ich schon, aus den gegebenen Fakten auch folgern zu können, dass eine Sprache als politisches Bekenntnis auch bedeutet, dass die Teilhabe am Allgemeinen nur dem gestattet ist, der sich auf das aktuelle Allgemeine einlässt und der immer mit den breiten Massen mitgeht. Denkverbote und Sprachdiktate sind darum grundsätzlich faschistoid, die Kritik an bestimmten Worten ist es, um das noch zu erwähnen, nicht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s