Satire als Kompensation

Die Aufgabe der Satire und des Kabaretts war und sollte die Kritik am Lebenswandel der Menschen, an den Reichen und dem System selbst sein, an Autoritäten und Herrschern. Doch wie es kaum anders zu erwarten war, entwickelte sie kein emanzipatorisches Potential, sondern wurde zur Kompensation des schlechten Gewissens der Bürgerlichen. Volker Pispers formulierte dieses etwas paradoxe Selbstverständnis einerseits richtig und andererseits wieder falsch in seiner Aussage über die Kleinkunst als neue Form der Kirche, in der man sich die Kritik am Lebenswandel ohne Konsequenz um die Ohren schlagen würde. Das Kabarett besäße laut ihm also die Funktion eines modernen Ablasshandels. Er hat damit insofern recht, dass schon der durchschnittliche Zuhörer des Kabaretts, der sich gerne kritisch und radikal gibt, niemals Konsequenzen für sich selbst ziehen würde und darum den Neuentwurf der Gesellschaft als theoretisches Modell als Monstranz vor sich herträgt. Falsch liegt er aber damit, dass die Kritik der Satire auf das Bürgertum zielen würde. Wenn Hagen Rether davon schwurbelt, dass wir eine Ökodiktatur brauchen und Georg Schramm Hasstiraden gegen die Bürger lostritt, weil sie nicht sofort zu einer ihm genehmen Revolution auf die Straße gehen, dann ist es nicht der Wunsch nach einer Veränderung des Bewusstseins der Menschen, sondern der Wunsch nach einem Zwang, der das bisherige menschliche Wesen erhält, aber unterdrückt.

In den bisherigen Texten über verschiedene Kabarettisten habe ich schon an einzelnen Beispielen die reaktionären Ansichten der jeweiligen Künstler dargelegt. Die meisten vertreten Ansichten, die auch in der breiten Bevölkerung vertreten sind, Antiamerikanismus, Hass auf ominöse „Bonzen“ und „Kapitalisten,“ darüber hinaus einen antifreiheitlichen Populismus. Ein bereits zitiertes Interview mit Georg Schramm zeigt, dass das Kabarett sich weiterhin als Stimme des wütenden Volkes gegen die Eliten versteht:

„Es fällt auf. Je radikaler ihre Pointen, desto lauter lachen die Leute. Warum freut es die Leute, wenn sie in ihrem Programm erwägen, Josef Ackermann zu erschießen?“

Georg Schramm: „Es ist kein Zufall, dass eine bestimmte Figur von mir diesen Satz sagt: der alte Sozialdemokrat. Er meint, man müsste mal einem wie dem Ackermann die Rübe runtermachen – stellvertretend für die ganzen anderen. Diese Figur ist eine Stimme aus dem Volk, die authentisch ist. Ich wette mit Ihnen, dass unzählige Leute abends in der Kneipe diesen Satz schon mal genau so gesagt haben. Das ist eine Sehnsucht. Es geht nicht darum, Ackermann zu erschießen. Es geht um die Sehnsucht, sich aus der Ohnmacht zu befreien.“ – TAZ, 18.08.2013 – [1]

Georg Schramm ist einer der Satiriker, an dessen Beispiel am besten ausgearbeitet werden kann, wann Satire regressiv wird, bzw. warum das Wesen der Satire in seiner ursprünglichen Form durchweg der Gefahr des Rückfalls ausgesetzt ist. Die Sehnsucht, sich aus der Ohnmacht zu befreien setzt zuerst einmal die reale Existenz der Ohnmacht voraus. Schon allein diese existiert nicht wirklich. Man hat in einer Demokratie, wenn auch nur in geringem Maße, die Chance, etwas zu ändern und die Politik zu beeinflussen. Diese Ohnmacht selbst also ist schon ein imaginierter Zustand. Da die demokratische Einflussnahme, massenpsychologische Zusammenhänge und ökonomische Zwänge aber kaum in populistische Plattitüden zu verpacken sind, sondern in keinem Buch der Welt vollständig formulierbar wären, greift man auf die bewährte Methode der Reduktion zurück. Die Satire lebt davon, weil sie schließlich auch zum Lachen bringen soll. Eine marx’sche Kritik der Realität bietet allerdings eher weniger Potential für Lacher und Pointen. Deswegen ist hier klar zu sagen, dass an das Publikum auch der Anspruch erhoben werden sollte, die Reduktion vorauszusetzen und wahrzunehmen. Eben weil die Satire von der Verkürzung lebt.

Im Kabarett kann man dennoch an der Art der Verkürzung der Kritik erkennen, ob sie reaktionär ist oder nicht. Wenn viele verschiedene Gruppen und auch die eigene humorvoll kritisiert werden, die Unzulänglichkeiten der Realitäten und nicht die der Menschen aufgezeigt werden, dann ergibt sich für den Betrachter das Bild einer Welt, in der schon aufgrund der Fehler jedes einzelnen Menschen und der politischen Sachzwänge keine praktische Reduktion mehr stattfinden kann. Werden Putin und Obama gleichzeitig für ihr Handeln kritisiert, kann aus den so formulierten Informationen nicht mehr der Eindruck entstehen, die Krim-Krise ginge auf eine amerikanische Verschwörung zurück.

Im Gegensatz dazu, ist Kritik an Russland im deutschen Satiriker-Betrieb eine Seltenheit, die USA werden dagegen in jedem zweiten Satz niedergemacht. Regressives Kabarett orientiert sich am Befinden des Volkes und nicht an den Fakten. Dabei wird meist eine linkspopulistische Position eingenommen. Man spart nicht am Verständnis für das Volk, Claus von Wagner erklärte auch die Bewegung Pegida für ein Produkt des bösen Kapitalismus und lügender Politiker. [2] Im Allgemeinen schiebt man die Verantwortung für Rechtsextremismus und Islamismus nur allzu gerne auf den Kapitalismus, bzw. ihn repräsentierende Staaten. Also ist die Kritik durchweg einseitig.

Es ist schwer, zu formulieren, was nötig ist, dass eine Satire den Anspruch erheben kann, emanzipatorisch zu sein, oder überhaupt wirklich kritisch. Je weniger Potential zur eindeutigen Feindbildidentifiktaion sie bietet, desto ausgewogener und kritischer ist sie. Wenn sie keine Trennung vornimmt zwischen dem Kapitalismus des örtlichen Bäckers und dem des internationalen Aktionsbrokers vornimmt und nicht mit dem Zwang sympathisiert, hat sie wenig Kompatibilität zu faschistischen Positionen. Der wichtigste Punkt aber ist in meinen Augen, dass nicht dass das System ausgebessert werden soll, sondern eine grundsätzliche Veränderung angestrebt wird. So sind die Mindestlohnfanatiker und Besteuerungswütigen diejenigen, die einen etatistischen Staatskapitalismus fördern. Dabei wird ignoriert, dass Ausbeutung Symptom und nicht Ursprung ist, jemanden zu zwingen, diese zu unterlassen, aber gleichzeitig dem System die Möglichkeit zu geben, an der Ausbeutung zu profitieren, wird das Resultat nicht aufheben, sondern verstärken. Auch die Solidarität mit antiliberalen und autoritären Staaten ist ein häufiges Phänomen, das nicht für emanzipatorisches Denken spricht. Die Solidarität ist meist Sache derjenigen, die den Kapitalismus und die bürgerlich-liberale Gesellschaft zum Schlimmsten erklären (so auch Volker  Pispers, der einmal sagte, die AfD sei schlimmer als die Nazis, weil sie nicht einmal nationalSOZIALISTISCH, sondern nationalkapitalistisch wäre.) Wer die Errungenschaften des Liberalismus verdammt, der wird keine Alternative in eine bessere Zukunft vorzeigen, sondern in der Hauptsache die Freiheit vor dem Staat abschaffen wollen.

Um darüber auf das Ausgangsthema zurück zu kommen. Satire ist eine Form der Kompensation, weil sie die Missstände innerhalb der Gesellschaft versucht, in kurzen Schlagwörtern auf Verständliches zu reduzieren und darum ist sie auch für Populismus anfällig. In der pointierten Darstellung der Herrscherklasse werden diese in ihrer Abstraktheit und Unmenschlichkeit zu rein menschlichen Gestalten. Hier muss aber die Grenze gesetzt werden, die leider viel zu selten eingehalten wird. Der Satiriker wird dabei nicht zum Aufklärer, sondern verklärt diejenigen, die sich selbst gerne zu Hütern der Menschheit erklären zu Teufeln und grundsätzlich gierigen und bösen Menschen. So kommt es zu dem Punkt, an dem die Kompensation in Aggression umschlägt, nicht mehr die abstrakte Struktur der Herrschaft, sondern diejenigen, die diese Strukturen derzeit weitestgehend einnehmen, werden zum Feind erklärt.

[1] http://www.taz.de/!5061075/

[2]https://www.youtube.com/watch?v=IFAtCecCZcY

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