Nietzsche und die Nazis

Häufig wird Nietzsche in Deutschland und allgemein als Vordenker des Nationalsozialismus betrachtet. Dabei wird nicht mehr als Beweis herangezogen als der Begriff des Übermenschen. Allein schon so gesehen ist die Herleitung mehr als fraglich. Doch Nietzsche selbst hielt nichts von den nationalen Kollektivistien und homogenen Massen.

„Veredelung durch Entartung. – Aus der Geschichte ist zu lernen, dass der Stamm eines Volkes sich am besten erhält, in dem die meisten Menschen lebendigen Gemeinsinn infolge der Gleichheit ihrer gewohnten und undiskutierbaren Grundsätze, also infolge ihres gemeinsamen Glaubens haben. Hier erstarkt die gute, tüchtige Sitte, hier wird die Unterordnung des Individuums gelernt und dem Charakter Festigkeit schon als Angebinde gegeben und nachher noch anerzogen. Die Gefahr dieser starken, auf gleichartige charaktervolle Individuen gegründeten Gemeinwesen ist die allmählich durch Vererbung gesteigerte Verdummung, welche nun einmal aller Stabilität wie ihre Schatten folgt. Es sind die ungebundenen, viel unsicheren und moralisch schwächeren Individuen, an denen das geistige Fortschreiten solcher Gemeinwesen hängt; Es sind die Menschen, die neues und überhaupt vielerlei versuchen.“

– Friedrich Nietzsche; Menschliches, Allzumenschliches; fünftes Hauptstück –

Auch wenn die Wortwahl grenzwertig war, so war sie eher der Zeit geschuldet. Die Aussage ist aber das Gegenteil der NS-Ideologie, die das Abweichende aus dem homogenen verbannen möchte. Nietzsche wünscht solche Abweichungen und sieht in möglichst heterogenen Gesellschaften den kulturell größtmöglichen Fortschritt. Über das nationale Kollektiv hingegen urteilt er negativ und analysiert, dass ein solches gerade durch die folgende geistige Homogenität nichts Neues mehr hervorbringen kann, weswegen also lediglich der Regress stabilisiert würde. Man sieht zwar Nietzsches Neigung wieder, Menschen nach Wertigkeiten einzustufen, allerdings ist diese Analyse innerhalb einer Gesellschaft, wie sie derzeit existiert auch nicht falsch. Auch als emanzipatorisch orientierter Mensch kann man nicht behaupten, es gäbe in kapitalistischen Gesellschaften keine Wert-Unterschiede für das Kollektiv. Nietzsche war des Weiteren kein großer Freund des gewaltsamen Umsturzes und hätte damit wohl auch kaum den Umsturz der Weimarer Verhältnisse für gut befunden:

„Ein Wahn in der Lehre vom Umsturz. – Es gibt politische und soziale Fantasten, welche feurig und beredt zu einem Umsturz aller Ordnungen auffordern, in dem Glauben, dass dann sofort das stolzeste Tempelhaus schönen Menschentums gleichsam von selbst sich erheben würde. In diesem gefährlichen Träumen klingt noch der Aberglaube Rousseaus nach, welcher an eine wundergleiche ursprüngliche, aber gleichsam verschüttete Güte der menschlichen Natur glaubt und den Institutionen der Kultur, in Gesellschaft, Staat, Erziehung, alle Schuld jener Verschüttung beimisst.“

– Friedrich Nietzsches; Menschliches, Allzumenschliches; Achtes Hauptstück –

Auch hier tritt Nietzsche den National-Sozialisten, wie den Sozialisten im Allgemeinen entgegen. In der Revolution und dem Umsturz aller Ordnungen sieht er nicht die Utopie, sondern das Scheitern dieser. Zwar steht er den gesellschaftlichen Institutionen skeptisch gegenüber, doch gesteht ihnen eine Berechtigung aus dem menschlichen Wesen heraus zu. Der Nationalsozialismus sieht den Menschen zwar nicht als grundlegend gut an, betont aber, dass er gut sei, wenn er reinrassig wäre. Also wäre der Deutsche, der ohne undeutsche, in den Augen der Nazis kulturell falsche und damit unnatürliche, Einflüsse aufwächst und sein Deutsch-Sein verinnerlicht hat auch wieder von Grund auf gut. Nietzsche hätte dem niemals zugestimmt.

Auch Nietzsches Antisemitismus war ein periodischer.[1] Durch seine Freundschaft zu Wagner und seiner positiven Rezeption des romantischen Stils adaptierte er auch dessen antisemitische Weltanschauung. Nach der Uraufführung des „Parsifal,“ den Nietzsche als Kniefall vor dem menschenfeindlichen Christentum begriff, trennte er sich aber von Wagner und begann, zum scharfen Kritiker des Antisemitismus zu werden. Sein Lob an die Juden, wie man z.B. in den Werken „Götterdämmerung“ und „fröhliche Wissenschaft“ lesen konnte, war meist grundlegend philosemitisch, die selbe kollektive Ansicht zwar, aber nicht im Negativen. Vielmehr ging auch er in irgendeinem Sinne von einer Verschwörung der Juden gegen die Menschheit aus, doch sah er es als positiv an, als den Sieg einer Menschenrasse, die näher am Übermenschen war. Nach heutigem Stand der Antisemitismusforschung ist Philosemitismus kein Antisemitismus, aber in der regelmäßigen Gefahr, in diesen umzuschlagen.

 

[1] http://www.rp-online.de/nrw/staedte/kaarst/auf-nietzsche-faellt-immer-noch-der-verdacht-des-rassismus-aid-1.124491

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