Christlicher Fundamentalismus

Christlicher Fanatismus wird hierzulande vor allem mit den USA assoziiert und artet zu einem überheblichen europäischen Antiamerikanismus aus, der sich über die „ungebildeten“ Amerikaner echauffiert. Dabei hat gerade Deutschland keinen Mangel an religiösen Faschisten zu „beklagen.“

In der unregelmäßig stattfindenden „Demo für Alle“ finden sich die diversen religiösen Splittergruppen zusammen. In der AfD fanden sie auch recht schnell eine parteiliche Vertretung. [1] Das Feindbild ist nur schwer zu umreißen, die Bewegung selbst ist alles andere als homogen, rechtsnational-völkisches Christentum mischt sich häufig mit fundamentalistischen Bibelauslegungen. Je nach Gruppierung sind die Prioritäten anders gesetzt. Allgemein kann man aber sagen, dass vor allem Gender-Wissenschaften bekämpft werden, amüsanterweise mit Argumenten aus der Biologie, die sie selbst mit einem zweiten wichtigen Punkt, dem Kreationismus, wieder in den Wind geschossen werden. [2] Auch rassistische Vorstellungen finden Platz, wie gut an der Organisation „Christen in der AfD“ und der bekanntesten Politikerin dieses Flügels, Beatrix von Storch zu sehen ist. In der AfD war sie lange Zeit die schrillste und fanatischste Vertreterin eines klassischen Familienbildes, was angesichts der Konkurrenz durchaus nicht einfach ist, und sie vertrat die Ansicht, Multi-Kulturalismus würde Bevölkerungen homogenisieren. [3] [4]

Demokratische Prinzipien sind bei rechtskonservativen Christen, die große strukturelle und inhaltliche Übereinstimmungen mit den sogenannten „Deutschen Christen“ im 3. Reich haben, weitestgehend unbeliebt. Wie man an Pegida und der „Demo für alle“ sehen konnte (beides aber keine ausschließlich christlichen Bewegungen), wird jeder Widerspruch als undemokratisch gewertet. Verschiedene Meinungen gelten als Gefahr und nicht als Bereicherung. Die gewünschte Familie wird sich in einer darwinistischen Form erhofft, sodass der Sexualakt ausschließlich zur Arterhaltung dienen soll, auf einen Partner des anderen Geschlechts reduziert. Innerhalb des Weltbildes kommt es dabei zu großen Widersprüchen. Während man „Sündern“ auf den rechten Weg helfen soll, damit sie sich frei für den Glauben entscheiden können, erlaubt man ihnen nicht, ihre Sünde zu leben und keine Abweichungen von diesem Glauben. Eine freie Entscheidung wird also nicht gewünscht und häufig auch mit Psychoterror unterdrückt.

Um genauer darauf eingehen zu können, was unter rechtskonservativem Christentum in diesem Text verstanden werden soll, nehme ich einige Kernpunkte, die besonders häufig auffallen und darum als „typisch“ gewertet werden können:

  • Traditionelles Familienbild
  • „Heilung“ von Homosexualität/Queeridentitäten
  • Nationalismus
  • antidemokratisches Denken
  • struktureller Antisemitismus
  • Verschwörungstheorien
  • „antimuslimischer Rassismus“
  • Bibeltreue
  • religiös motivierter Zionismus

Weitestgehend bestehen hier Schnittmengen zum normalen Konservativen bis Rechtspopulisten. So kann PI-News als ein Sprachrohr der völkischen Christen gelten, da dort einerseits die Solidarität mit Israel geschworen wird und im nächsten Atemzug jeder Jude verteufelt wird, der ihnen widerspricht, wie man an einer Äußerung zu Pegida des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden sieht, die vor allem in den Kommentaren bei PI-News abscheuliche Ausbrüche provozierten. [5] Solidarität mit Juden gegen den Antisemitismus offenbart sich schnell als Farce, da sie dann aufhört, wenn Juden nicht mehr die Rolle begeisterter Mitläufer einnehmen, sondern als autonome Menschen agieren. Damit sehen sie jüdische Menschen als homogenes Kollektiv an und praktizieren eine andere Form des Antisemitismus, die des Philosemitismus. Die selben Vorurteile werden projiziert, meist rühmt man sie der Innovationsfreudigkeit und des Fleißes, also deutscher Tugenden. Der Rassismus gegen Muslime ist dabei KEINE Religionskritik, sondern interessanterweise liest man häufig den Vorwurf, sie seien unproduktiv, das Argument der wenigen Patente gilt als Beweis für fehlende Verwertbarkeit. Daraus kann man den Schluss ziehen, dass es sich nicht einmal um wirklichen Rassismus handelt, sondern tatsächlich um eine Kulturkritik, die Solidarität mit dem Jüdischen ist eine Bewunderung für ihren Aufstieg, der allerdings mit antiamerikanischen und strukturell antisemitischen Gedankenmustern erweitert wird.

Der Produktivitätsgedanke zieht sich durch die gesamte Ideologie. Das Christentum stellt das eigene Schaffen und Handeln sehr weit in den Mittelpunkt. Kombiniert mit dem Nationalismus und der Regelhaftigkeit ergibt sich daraus das Kategorisieren nach kollektivem Schaffen. Die Familie ist auf Produktivität ausgerichtet, die Politik nach der Belohnung des Besseren, die ganze Gesellschaft reduziert das Individuum auf seine Integration ins große Ganze. Der christliche Fundamentalismus entscheidet sich in seiner Betonung der Handlungsfreiheit zwar vom Islamismus, doch in Konsequenz werden die Unterschiede ignoriert und im Endeffekt läuft alles auf eine Gesellschaft heraus, die einzig den Zweck zur Verwertung haben soll.

 

[1] http://www.bild.de/regional/stuttgart/suedwestafd-unterstuetzt-demo-fuer-alle-41405374.bild.html

[2] http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/kreationismus-in-deutschland-vor-uns-die-sintflut-a-437733.html

[3] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/homophobie-in-der-afd-auf-stimmenfang-bei-den-erzkonservativen-a-944205.html

[4] http://www.spiegel.de/kultur/tv/afd-chef-bernd-lucke-bricht-friedman-talk-auf-n24-ab-a-954945.html

[5] http://www.pi-news.net/2014/12/zentralrat-der-juden-pegida-brandgefaehrlich/

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