Die Theorie der gelenkten Flüchtlinge

In der rechtsextremen und rechtspopulistischen Szene hat sich die Verschwörungstheorie etabliert, Flüchtlinge würden durch gezielte US-Intervention „produziert“ und damit würden sie eine Destabilisierung Europas herbeiführen. Attraktiv ist dabei, dass man ein xenophobes Weltbild mit dem typischen Feindbild, die USA und nicht selten auch Israel/“Zionisten,“ verknüpfen kann. Querfront-Linke nutzen das Feindbild zur „Aufklärung“ aus, um den „wahren Schuldigen“ aufzudecken und pflichten damit indirekt dieser Theorie bei.

Die Widerlegung ist einerseits ziemlich einfach, schon eine rein logische, bei der man nicht erst unendlich viele Statistiken zusammentragen oder mit Zahlen jonglieren muss. Allerdings könnte man auch darauf hinweisen, dass das Herkunftsland der zweitgrößten Gruppe der Flüchtlinge Albanien ist [1] und auch viele aus Eritrea/Äthiopien kommen, [2] Länder, in denen auch ohne den Westen Krieg herrscht. Außerdem ist es im Vorfeld überhaupt nicht klar, wie eine Intervention verläuft. Das beste Beispiel ist hier z. B. das Dilemma des Vietnam-Kriegs, in dem die USA ihren Verbündeten nicht an der Macht halten konnten.

Die Vorstellung, die Irak-Destabilisierung war geplant und sollte zur Entstehung des IS führen, ist schon allein darum albern, weil der Irak-Krieg nicht der Auslöser zur Destabilisierung war, sondern sie nur beschleunigte. Unter Saddam Hussein verarmte das Land, die Vetternwirtschaft und der Konflikt zwischen Sunniten, Schiiten, Kurden und auch Kommunisten führte zu Spaltungen der Gesellschaft, die nur durch einen lückenlosen Polizei- und Folterstaat zu unterdrücken waren. [3] Also muss man davon ausgehen, dass die USA bereits vor Hussein mit der Planung begannen, da dessen Verhalten die Spaltung begünstigte. Ergo müsste er auch davon gewusst haben, dass am Ende des Plans seine Absetzung und Hinrichtung stehen würde. Angesichts seiner sonstigen Politik ist derartige Selbstaufopferung illusionär.

Bei der Außenpolitik der USA darf man, da es sich um einen demokratischen Staat mit Wahlen handelt, auch nicht die Stimmung in der Bevölkerung außer Acht lassen. Obamas Sieg war nicht zuletzt der Forderung nach Truppenabzug geschuldet. Durch diesen Abzug aus Afghanistan und dem Irak aber resultierte das Machtvakuum, dass den schwelenden und immer wieder ausbrechenden Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten explodieren ließ.

In Syrien brach der Krieg mit dem arabischen Frühling aus. Radikale Islamisten, junge Liberale, Linke und Nationalisten kämpften zuerst vereint gegen das Regime der baathistisch-alevitischen Familie Assad und dann auch gegeneinander. [4] Eine Mixtur aus sozialer Dynamik, Ideologie und Frustration führte zur Entwicklung fanatischer Strömungen und damit zu einem Krieg, der in seiner Komplexität kaum planbar war.

Mit der Länge, die der Plan in seiner Durchführung braucht, steigt auch die Anzahl an Parametern exponential (im rhetorischen Sinne, nicht unbedingt im Mathematischen). Einen Krieg auslösen kann „jeder,“ doch diesen so verlaufen zu lassen, dass das gewünschte Ergebnis, in diesem Fall Flüchtlingsströme nach Europa, erreicht wird, bedarf Planung, weitestgehende Kontrolle und gigantische Logistik.

  1. Die Planung wäre theoretisch denkbar, wir alle haben keinen kompletten Einblick in die Machenschaften der Geheimdienste (wäre sonst auch kein Geheimdienst) und darum ist diese These weder falsifizierbar, noch verifizierbar.
  2. Die Kontrolle und der Einfluss der USA sind in der Region stetig gesunken. Die Türkei macht ihr eigenes Ding und geht auf den Westen nur soweit zu, wie es unbedingt nötig ist. Assad ist Verbündeter Putins, der ebenfalls nicht für seine Freundschaft zu den Vereinigten Staaten bekannt ist. Ebenso ist der Iran antiwestlich, die irakische Regierung existiert praktisch nicht mehr, einzig und allein die Kurden und Israel sind recht pro-westliche Gruppen, die nennenswert sind. [5] [6] [7] An diesem Punkt also sieht man schon die praktische Unmöglichkeit gelenkter Flüchtlingsströme.
  3. Die Logistik würde viele Felder umfassen müssen. a) weitestgehende Kontrolle der Medien, b) Kontrolle über Waffenverkäufe, c) Kontrolle über jede relevante Miliz. Die Medien würden benötigt, um die Menschen auf die „Linie“ zu bringen, die gewollt ist und benötigt wird. Da diese allerdings in staatlicher Hand sind und Syrien keine Meinungsfreiheit hat, muss Assad selbst die Kampagne lenken, woraus wieder folgen würde, dass er seinen eigenen Untergang bewusst herbeiführt. Die Kontrolle über Waffenkäufe ist darum relevant, weil man nicht möchte, dass „falsche“ Gruppen sie erhalten könnten. Ein einziger individuell motivierter Anschlag kann die Stimmung kippen und die Parameter verändern. Alle Kämpfer müssten direkt oder indirekt den USA unterstehen. Dieser Punkt überschneidet sich mit der Kontrolle jeder Miliz. Abspaltungen aus ideologischen Gründen oder auch persönlicher Aversion dürfte es dann nicht geben.

Angesichts dieser schwer zu leugnenden Fakten kann man wohl folgern, dass Flüchtlingsströme nicht gelenkt sind. Auch könnte man fragen, wozu die USA Europa als wichtigen Verbündeten gegen russische Offensiven destabilisieren sollte. Die Begründung ist meist eine krude, rassistische Verschwörungstheorie. Da aber Rassismus nicht aufgewertet werden soll, indem er zur vertretbaren und diskutierbaren Meinung wird, muss diese Widerlegung auch nicht zu weit führen. Fakt ist, ein jahrelanger Konflikt KANN nicht ohne jeden Fehler gelenkt werden und schon gar nicht von einer Regierung, die laut den gleichen Verschwörungstheoretikern zu dumm ist, einen Turmeinsturz zu faken.

 

[1] http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/mittagsmagazin/sendung/2014/woher-kommen-die-fluechtlinge-in-deutschland-100.html

[2] http://www.stern.de/politik/ausland/fluechtlinge-auf-dem-mittelmeer–eritrea—das-nordkorea-afrikas-6209430.html

[3] http://www.bundesheer.at/pdf_pool/publikationen/09_ish_01_ish.pdf

[4] http://www.nytimes.com/2012/11/16/opinion/the-worlds-next-genocide.html?_r=1

[5] http://www.cap-lmu.de/themen/tuerkei/aussenpolitik/usa.php

[6] http://www.sueddeutsche.de/politik/russland-putin-wuerde-assad-asyl-gewaehren-1.2814367

[7] https://www.youtube.com/watch?v=c8wrPRXKnTI

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