Die Deutschen Asiens

Die japanische Gesellschaft wird seltsamerweise in der Ursachenforschung des dritten Reiches und der Analyse des Nationalsozialismus nur selten beachtet. Dabei ist es widersinnig, anzunehmen, ein zentraler Verbündeter des faschistischen Deutschlands sei auszublenden und nicht weiter wichtig. Ich werde mich in diesem Text nur auf sekundäre Quellen stützen können und darum nur einen verfälschten Eindruck der japanischen Gesellschaft liefern, aber es soll ein Anfang sein zu einem Thema, dass hierzulande kaum Resonanz erhält.

Fakt ist, dass in der japanischen Gesellschaft Antisemitismus verbreitet ist und die damalige Kaiserregierung nicht weniger vorurteilsbeladen war wie die deutsche NS-Riege. In der Dissertation „Japan und die Juden“ von Heinz Eberhard Maul an der Universität Bonn aus dem Jahr  2000 schreibt dieser, der Antisemitismus im Kaiserreich sei ein Importprodukt gewesen. [1] Vor dem Bündnis mit Deutschland gab es ihn, schon aufgrund der vollkommenen Abwesenheit des Jüdischen auf der lange Zeit sehr isolierten Insel, nicht, er war der breiten Bevölkerung unbekannt. In der bereits erwähnten Dissertation teilt der Autor die Entwicklung des Antisemitismus im Kaiserreich in drei Schritte ein, die Unsicherheit (1933-1937), die Aufgeschlossenheit und Krise (1937-1942) und zuletzt den Propaganda-Antisemitismus (1942-1945).

In der Phase der Unsicherheit übernahmen die Japaner zwar das Weltbild der Nationalsozialisten, reagierten aber irritiert. Das Verhalten gegenüber jüdischen Flüchtlingen war reserviert und darauf ausgerichtet, möglichst wenig Grund für eine Verärgerung dieser zu bieten. [2] Da auf dem japanischen Inselstaat praktisch keine jüdische Gemeinde existierte und somit auch keine Erfahrung mit dem Judentum, fiel die Verbreitung der Hetzschrift „Protokolle der Weisen von Zion“ auf fruchtbaren Boden. Die japanische Gesellschaft ist extrem homogen aufgrund der Jahrhunderte währenden Isolation konnten sich xenophobe Denkmuster standardisieren. Die Protokolle zeichneten das Bild eines Juden, der sich überall einmischt, völkische Strukturen zerstört und sich als Parasit ernährt. Damit war eine fiktive Bedrohung durch das „Weltjudentum“ geschaffen, die von den Japanern, natürlich, geglaubt wurde.

In der Phase der Aufgeschlossenheit und Krise dachte man in gewissen Zirkeln weitaus strategischer und arbeitete auch Pläne aus, zur militärischen Nutzung der (neuen) jüdischen Gemeinde auf dem von Japan besetzten asiatischen Festland. Im Fugu-Plan wurde ein jüdischer Staat auf dem annektierten chinesischen Gebiet erwogen, der dazu dienen sollte, die internationalen Eliten (die schließlich angenommen wurden) freundlich zu stimmen und so einen mächtigen Verbündeten zu gewinnen. [3] Wie in der zuerst erwähnten Dissertation ausgeführt wird, galt auf dem japanischen Festland zwar ein Einreiseverbot für „normale“ Juden, Intellektuelle, „Kapitalisten“ und andere einflussreiche Juden durften aber nicht nur einreisen, sie wurden sogar erhofft.

Die letzte Phase trat mit dem Angriff auf Pearl Harbour ein. Japan war mit einem Schlag vollkommen isoliert, das zuvor angestrebte Dreiecksbündnis Japan-Judentum-USA war unmöglich geworden. Man wandte sich also intensiver als zuvor den Achsenmächten zu und ließ auch die mittlerweile in japanischem Territorium lebenden Juden fallen. Zu einer Verfolgung der Juden in den Maßstäben des NS kam es aber bis zum Ende des Krieges nicht. Die politischen Kreise hatten kein Interesse und sahen keinen Nutzen in der Rassenideologie der Nazis.

 

Aus der Geschichte Japans, die jahrhundertelang ohne Antisemitismus auskam folgte aber eine dem Antisemitischen ähnliche Ideologie. Nicht umsonst werden die Japaner auch als die Deutschen Asiens bezeichnet. In gewisser Hinsicht sind sie sogar „deutscher“ als die Deutschen selbst.

Als erstes muss der Arbeitsfetisch und die extreme Bindung an den eigenen Betrieb erwähnt werden. Der Druck auf die junge Generation ist teilweise so hoch, dass es in Japan das weltweit praktisch einzigartig Phänomen des Hikikomori gibt, was so viel bedeutet wie „sich einschließen.“ Die Betroffenen, Frauen und Männer gleichermaßen, ziehen sich zurück, verlassen ihr Zimmer nicht mehr und vermeiden meist auch Treffen mit der Familie. Psychologen führen dies auf eben jenen extrem ausgeprägten Leistungsdruck zurück. [4] Ebenfalls auf den Arbeitsfetisch und die gesellschaftlichen Ansprüche kann man ein weiteres, typisch japanisches, Phänomen zurückführen, Karōshi, der sogenannte Tod durch Überarbeitung. Die Identifikation mit dem Firmenkollektiv ist so groß, dass das Individualbedürfnis aufgehoben wird, zumindest für das Individuum selbst. Dadurch werden wichtige Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken und Schlaf nicht mehr befriedigt und der Firma/Arbeit unterworfen, bis die betroffene Person stirbt. Durch den rasanten Aufstieg und steigenden Wohlstand in der Gesellschaft stieg auch dieses Verhalten an. [5] [6]

Auch der prüde Umgang miteinander, die Verdrängung von Gefühlen und allgemeine Distanziertheit sind in Japan sehr ausgeprägte soziale Phänomene. Die japanische Etikette ist hochkomplex, in der Sprache sind dabei sogar spezielle Suffixe für Geschlecht, soziale Stellung und Herkunft inbegriffen, die zum höflichen Umgang gehören. [7] Die Tatsache, dass das Leben so durchgeplant ist und die gesellschaftliche Rolle in der Sprache auch über Generationen hinweg fixiert bleibt sorgt dafür, dass trotz der Flexibilität des kapitalistisch-neoliberalen Systems die Gesellschaft selbst starr bleibt. Die Parallelen zur deutschen Gesellschaft fallen auch hier ins Auge.

Angesichts der Geschichte des Inselstaates, der in einem schnellen Prozess der Globalisierung aus der Isolation gerissen wurde und seine Homogenität einbüßte ist auch die Reaktion der Gesellschaft eine ähnliche wie die Deutsche. Die vorherrschende Stimmung ist antiamerikanisch [8] und die Beziehungen zu Israel eher dürftig. [9] Japans Militär ist defensiv ausgerichtet und ähnlich wie Deutschland scheut man die internationale Verantwortung. Die beiden Achsenmächte haben sich in der Rolle der altersweisen Pazifisten eingefunden.

 

 

[1] http://hss.ulb.uni-bonn.de/2000/0225/0225.pdf

[2] http://www.global-review.info/2011/03/24/japans-judenpolitik-1933-1945/

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Fugu-Plan

[4] http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2005/05/19/a0199

[5] http://www.sueddeutsche.de/karriere/ueberarbeitung-in-japan-schuften-bis-zum-tod-1.148349

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Karōshi

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Japanische_Anrede

[8] http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-05/Okinawa-Dilemma

[9] https://en.wikipedia.org/wiki/Israel–Japan_relations

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