Der Lynchmob der Volksreinheit

Das rechte und aggressiv völkische Denken hatte in den letzten Jahren, vor allem vor der Flüchtlingskrise, die größte Kompatibilität zur gesellschaftlichen Mitte über das Thema „Kinderschänder.“ So wurden Horrorvisionen von blutrünstigen Monstern verbreitet, die so gar nichts mit den wirklichen Fällen von Kindesmissbrauch zu tun hatten, in der Verschwörungsszene kursierten darum viele sogenannte Kindesmissbrauch-Fakes. [1] [2]

Diese kommen meistens vollkommen ohne Fakten aus, als einzige Beweise müssen andere Verschwörungstheorien herhalten, aus denen dieser Kindesmissbrauch folgen würde. So werden angebliche satanische Rituale imaginiert, die zur Erhaltung der Macht von Illuminaten/Okkultisten oder anderen Eliten (je nach Theorie) benötigt würden. Sie zu widerlegen ist schon allein deswegen nicht möglich, weil es überhaupt keine Fakten gibt, die man widerlegen müsste.

Rechte bedienen sich häufig dem Populismus der intakten Familie, welcher der Wut zugrunde liegt, die auf einen Fall von Kindesmissbrauch folgt. Da diese meist Mordwünsche und brutalste Gewaltphantasien mit sich bringen ist klar, dass es sich eben nicht primär um Mitleid mit dem Opfer handelt, was wohl angebrachter wäre, sondern um ein Ausdruck aggressiver männlicher Dominanz. Würde man sich um das Wohlergehen des Kindes (oder auch der vergewaltigten Frau, bei vergewaltigten Männern so gut wie nie) sorgen, so kümmerte man sich um es und schmiedet keine Pläne, den Peiniger zu ermorden. Dabei ist häufig nicht einmal ein Beweis der Schuld vonnöten, um einen Beschuldigten zu diffamieren. Ein Beispiel, bei dem es zum Glück nicht zum Mord kam, aber zur gesellschaftlichen Ächtung und auch Aufrufen zum Mord war das der Tötung eines jungen Mädchens in Emden. Der zuerst Verdächtigte stellte sich als unschuldig heraus, dank unfähiger Beamten und selbstgerechter Internet-Hilfssheriffs war er nach der Geschichte aber ein psychisches Wrack. [3] Offenbar empfindet man bei Vergewaltigern und Pädophilen keine Skrupel, ihr Leben zu vernichten.

Man könne nun sagen, (männliche) Vergewaltiger würden aggressives Dominanzverhalten zeigen und damit gesellschaftliche Strukturen der Unterdrückung von Frauen reproduzieren. Dass das nicht zu akzeptieren und solche Verbrechen zu bestrafen sind steht dabei auch nicht zur Debatte. Doch sie tun eben auch nicht mehr als das. Ein Vergewaltiger oder „Kinderschänder“ übt nur das aus, was ohnehin gesellschaftliche Struktur ist, er treibt die Unterdrückung des weiblichen ins Extreme. Das genau gleiche tun aber auch diejenigen, die danach zum Lynchmord aufrufen oder diesen sogar umsetzen. Das Opfer ist für sie ein Objekt, ohne wirkliche Gefühle. Diese werden nämlich alleine gelassen. Nach der Selbstjustiz spielt ihr Leid, das davor als Begründung herhalten durfte, auch keine Rolle mehr, man spielt sich mehr als Vollstrecker auf und duldet keine Kritik.

Genau daraus ergibt sich aber die strukturelle Ähnlichkeit des Vergewaltigers und des Vollstreckers der „Gerechtigkeit.“ Sie beide finden Gefallen an der Macht über ein Leben, sie wähnen sich beide im Recht. Serienmörder, die Frauen hassen, denken meist, sie würden der Welt Gutes damit tun, weil das Weibliche minderwertig sei, so zum Beispiel Nikolai Dzhumagaliev, Edmund Kemper oder David Berkowitz. [4] [5] [6]

Darüber hinaus fühlt der Mob sich nicht dem individuellen Bedürfnis des Opfers verpflichtet, sondern der Reinheit der Gesellschaft. Die Tat des Täters wird als Angriff auf die Gemeinschaft der Gleichen, als Perversion, wahrgenommen. In den USA mussten in einer Stadt alle dokumentierten Sexualstraftäter über Halloween ihre Häuser markieren. [7] Diese Maßnahme ist faschistoid, hilft auch nicht im Geringsten, (zu Halloween handelt es sich um Gruppen von Kindern, nicht um Einzelne. Kein Täter wäre so dumm, eine ganze Kindergruppe zu misshandeln) sie dient wohl eher der Selbstvergewissserung der Gemeinde, den „Perversen“ ein Kainsmal aufgedrückt zu haben.

Wenn die Gesellschaft das Recht in die eigene Hand nimmt, wird sie zur anonymen Masse. Als solche Gruppe kennt sie keine Individualrechte, sie kennt das Recht der Stärke. Sozialdarwinismus und Schwarmintelligenz machen sie aus. Diese Charakteristika machen sie kompatibel zu rechtsextremem und verschwörungstheoretischem Denken, da dieses das Individualrecht auch verneinen muss. Ersteres wegen des Nationalismus‘, das Zweite wegen dem imaginierten Gegensatz von dunklen Eliten und gerechtem Volk.

Da der Vergewaltiger/Pädophile das Bild der heilen, konservativen Familie noch stärker angreift als LGBT-Personen ist die Aggression gegen sie über die rechtsstaatlichen Grenzen hinweg kein heiliger Zorn mehr, sondern eine reaktionäre Ansicht über das Verhältnis von Jugend und Alter, sowie der weiblichen und männlichen Stellung in der Gesellschaft. Diese Wut rührt eventuell auch daher, dass der Vergewaltiger im Kern das gleiche Denken durch seine Tat reproduziert und damit dem gesellschaftlich Konstruierten den Spiegel vorhält.

 

[1] https://www.psiram.com/ge/index.php/Kindesmissbrauch-Fakes

[2] https://www.psiram.com/ge/index.php/Verschwörungstheorien_über_den_Kinderhandel_durch_Jugendämter

[3] http://www.sueddeutsche.de/panorama/mordfall-lena-lehren-aus-dem-lynchmob-1.1326578

[4] http://www.serienkillers.de/serienmörder/c-d/dzhumagaliev-nikolai/

[5] http://www.true-crime-story.de/edmund-kemper/

[6] http://www.serienkillers.de/serienmörder/a-b/berkowitz-david/

[7] http://www.shortnews.de/id/732558/usa-paedophile-muessen-zu-halloween-ihre-haeuser-kennzeichnen

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1 Kommentar zu „Der Lynchmob der Volksreinheit“

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