Was ist Aufklärung?

Die Aufklärung, die hauptsächlich dem deutschen Idealismus und dem Humanismus zuzuschreiben ist, hat viel Gutes mit sich gebracht, so die Freiheit der Religiosität (und der Areligiosität) und die Hinwendung zum Menschen an sich. Doch ging sie nicht weit genug und hat das, was sie zerstört hat durch sich selbst nur in Äußerlichkeiten verändert, was sie vollkommen abschaffen wollte. Den Mythos.

Adorno verstand es als einen zentralen Schwachpunkt der Aufklärung, dass der Begriff des Verstandes unreflektiert blieb und damit ein Rückfall in den Mythos seiner Meinung nach unvermeidbar war. Der Begriff des Mythos bedeutete also bei ihm eine Begrifflichkeit, die nicht hinterfragt und einfach vorausgesetzt wurde. Was unklar bleibt, macht auch unmündig, denn Mündigkeit benötigt auch das Verständnis der Sache, die betrachtet wird. Wenn diese selbst nicht einmal klar definiert ist, kann man auch keine logischen Schlüsse aus ihr ziehen und muss sozusagen im Trüben fischen. Die Aufklärung, wie sie von Kant, Hume, Rousseau und vielen anderen betrieben wurde kann man auf den kant’schen Ausspruch reduzieren, jeder solle den Mut haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Was genau Verstand ist, wird aber niemals erklärt. Und so war die Kritik an einem Gott und einer Metaphysik, die alle Fähigkeiten besaßen und dadurch niemals belegt oder widerlegt werden konnten nichts anderes, als die Schaffung einer neuen Gottheit, dem ominösen Verstand.

Heutzutage versuchen Menschen wie Richard Dawkins und Sam Harris diesen Verstand wieder in den Vordergrund zu drängen und sehen die Realitätsverweigerung in religiösen sowie esoterischen Vorstellungen über den Ursprung der Welt. Diese sind zwar mythologisch und eröffnen mehr Fragen, als sie je beantworten könnten, doch stehen sie damit nicht alleine. Sie vertreten eine strikte Definition von Menschenrechten, die für sie qua Geburt entstehen und irgendwie evolutionären Ursprungs sind. Dabei kann man weder aus einem selbst denkenden göttlichen Wesen noch aus der unvorhersehbar verlaufenden Evolution eine Vorstellung wie diese ableiten. Sie erschaffen einen neuen Mythos, der nicht oder nur rudimentär reflektiert wird.

Ein Gesellschaftsentwurf, der aber seine Voraussetzungen nicht erklärt oder definiert muss im Chaos enden, denn keiner kann Voraussagen treffen und so fehlen den Menschen die logischen Grundlagen, um das System überhaupt erklären zu können. Ergo fehlt ihnen mit der Information auch die Mündigkeit, die genau dieser Informationen bedarf. Mit dieser einfachen Logik kann man schon erklären, warum Kapitalismus, Nationalsozialismus und Realsozialismus allesamt nur scheitern konnten. Der Kapitalismus kann nicht erklären, was Wert und damit auch Geld, überhaupt sein soll. Der Nationalsozialismus scheiterte schon allein an der fehlenden Definition, was man als deutsch bezeichnen kann und der Realsozialismus konnte niemals wirklich aufzeigen, was am sowjetischen Imperialismus so viel besser war als am Amerikanischen.

Aufklärung muss also auch reflektieren was es aufklären will und darüber hinaus, womit sie aufklären möchte. Wenn man sagt, man solle sich lieber des eigenen Verstandes bedienen, als einen Gott zu beschwören, der eigene Probleme in Ordnung bringt, dann muss man auch erklären, was dieser Verstand ist. Reflektion stellt nichts anderes dar als ein zweiter Blick. Mit dem ersten erfasst man, WOMIT der Mythos aufgeklärt werden kann, mit dem zweiten, WARUM er so aufgeklärt werden kann und was dieses Etwas ist. Also soll an dieser Stelle erklärt werden, was den Verstand ausmacht und was er genau nicht ist.

Ein wichtiger erster Punkt soll sein, Verstand ist KEINE Objektivität. Der Mensch ist ein natürliches Wesen und aus der Natur entstanden. Für eine objektive, also neutrale Betrachtung, muss er aber außerhalb der Natur stehen und seine subjektiven Erfahrungen vergessen. Dass das nicht geht, wissen wir spätestens seit Freud, der das Unterbewusste analysierte. Also ist der „gesunde Menschenverstand“, wie Einstein angeblich sagte, nichts anderes als die Summe unserer Vorurteile, die wir in unserem Leben ansammelten. Wenn es also keine objektive Betrachtung gibt, dann gibt es auch nicht die Art des Nachdenkens, die die meisten sich vorstellen. Verstand ist also darüber hinaus eine subjektive Betrachtung, die sich darüber aber im klaren ist, dass sie subjektiv ist. Um es weniger umständlich auszudrücken, wie benutzen unseren Verstand, wenn unsere Vorurteile komplett in die Beurteilung einfließen, wir aber wissen, dass sie einfließen und damit verstehen, wie es zu unserem Urteil kommt.

Aufklärung soll also den Sieg des Verstandes über die Verklärung des menschlichen Denkens als rein objektive Betrachtung darstellen. Wer sich der Objektivität rühmt, der ist im Kern nicht weniger realitätsfremd als ein fundamentalistischer Evolutionsleugner. Richard Dawkins ist nicht weit entfernt von John Lennox. Vertraut der eine auf die objektive Aussagekraft der Wissenschaft, so vertraut der andere auf eine objektive heilige Schrift. Für beide Dinge existieren genügend historische Nachweise für die Fehlerhaftigkeit.

Auch die Truther-Bewegung, extrem rechte und in den meisten Fällen auch extrem linke Gruppen sind keine Aufklärer. Sie alle filtern, logischerweise, da sie Menschen sind, die Informationen, die auf sie einströmen und nehmen nur wahr, was das bisherige Feindbild unterstützt. Das ist auch nicht weiter schlimm, es ist menschlich. Nur verklären sie ihre Subjektivität zum Skeptizismus und damit ihre eigenen Vorurteile zu der berühmten Floskel des „gesunden Menschenverstandes.“ Dieser ist dabei der größte Feind der Aufklärung, allein, weil es ihn nicht gibt, er aber regelmäßig bemüht wird, zur weiteren Unterstützung der eigenen Vorurteile, ohne noch Argumente zu benötigen.

Nachdem geklärt wurde, was Aufklärung und Verstand NICHT bedeuten, muss natürlich auch geklärt werden, was sie bedeuten. Kurz erwähnt wurde es ja bereits. Wer weiß, dass Denken nichts anderes ist als eine Einordnung neuer Informationen in das alte Weltbild und dieses Wissen darüber hinaus nicht ignoriert, sondern in die Meinung einfließen lässt, der denkt aufklärerisch. Ein bloßes Lippenbekenntnis reicht dabei aber nicht. Man kann nicht behaupten, Vorurteile zu reflektieren, wenn man weiterhin sämtliche Katastrophen der Welt auf die USA, Rothschilds, den Islam oder andere Gruppen schiebt. Aufklärerisches Denken muss nicht bei jeder Person zum selben Ergebnis führen, das würde schließlich bedeuten, dass wir sehr wohl eine objektive Realität wahrnehmen können, aber es muss dazu führen, dass Komplexität auch komplex bleibt und nicht jede Information in das alte Weltbild ohne Veränderung integriert wird.

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