Amerika und Religion

In den USA spielt die Religion bekanntermaßen eine große Rolle, auch wenn mittlerweile viele US-Amerikaner dem Glauben abschwören. Eine Studie des Pew Research Centers ergibt, dass die am schnellsten wachsenden Gruppen Atheisten und Agnostiker sind, 23% der Befragten sind konfessionslos. [1]

Die amerikanische Verfassung ist, was Staatsreligionen und den Zwang zum Glauben angeht, deutlich und zeigt auf, dass der ursprüngliche amerikanische Geist der gesellschaftlichen Konvention  der Gläubigkeit zuwider stand. [2]

„Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die Einführung einer Staatsreligion zum Gegenstand hat, die freie Religionsausübung verbietet, die Rede- oder Pressefreiheit oder das Recht des Volkes einschränkt, sich friedlich zu versammeln und die Regierung durch Petition um Abstellung von Missständen zu ersuchen.

– Zusatzartikel 1 der amerikanischen Verfassung –

In den Vereinigten Staaten sind Glaubensgemeinschaften direkt von den Spenden ihrer Anhänger abhängig, da der Staat keine Kirchensteuer erhebt. Aus diesem Umstand folgert Richard Dawkins, [3] dass die Begründung im Erfolg der Religionen darin läge, dass die Kirchen sich den kapitalistischen Vermarktungsregeln unterwerfen müssten und darum im Wettkampf mit den starren europäischen Religionstraditionen die Oberhand behielten. So plausibel diese Theorie ist, so unvollständig bleibt sie. Läge es nur daran, dass amerikanische Glaubensgemeinschaften psychologisch und marktwirtschaftlich besser angepasst wären, dann wäre ihr Siegeszug nach wie vor ununterbrochen. Die große Vielfalt der religiösen Bekenntnisse in den USA ist aber sicher auf einen solchen Effekt zurück zu führen.

Viel mehr könnte man die ursprüngliche Zusammensetzung der Gesellschaft auf dem amerikanischen Kontinent betrachten. Es mischten sich schon früh Puritaner, Anglikaner, Protestanten, Calvinisten und andere kleinere Gruppen. Die Puritaner waren zu Beginn die dominierende religiöse Gemeinschaft und unterdrückten andere Bekenntnisse mit Verboten und teilweise schweren Strafen. Erst mit Thomas Jefferson und den Rationalisten wurde die endgültige Religionsfreiheit etabliert, mit dem Act for Establishing Religious Freedom [4] aus dem Jahr 1786. In diesem Dokument wurde festgelegt, dass jedes religiöse Bekenntnis gleichwertig zu behandeln sei, jeder das Recht habe, für dieses zu werben und der Staat keinen Einfluss nehmen dürfe.

Die Vielzahl der Bekenntnisse und die Abkoppelung der Religion von staatlicher Herrschaft ist das, was die Geschichte des Glaubens in den USA von der in Europa unterscheidet. Staatliche Lenkung und Einflussnahme sorgten hierzulande für ein negatives Image der Kirchen, das mit Korruption, Machtgier und Missbrauch assoziiert wurde. In den USA waren sie soziale Einrichtungen, die sich aufgrund mangelnder Unterstützung durch den Staat direkt den Menschen zuwenden mussten. Die Mentalität der Selbstverantwortung wurde durch die Mentalität der helfenden Gesellschaft erweitert. Bei besonders reichen Menschen in den USA fällt auf, dass sie weitaus spendabler sind als ihre „Kollegen“ in Europa. Es liegt nahe, dass die Ursache bei beiden Wesensprägungen die Gleiche ist, weil die Funktion der Kirchen die heutige der Milliardäre ist. Sie hatten Geld und nutzten es zum Wohle der Armen.

Eine Religion ist in den USA etwas anderes, als sie es hier ist. Damalige Bekenntnisse hatten nicht nur den metaphysischen Zweck, sondern dienten auch der gesellschaftlichen Einbindung, dem wohltätigen Engagement, sie waren eine Ergänzung zum Staatlichen ohne mit diesem zu paktieren. Während Kirchen in Europa durch ihre Nähe zum Staat keine Abhängigkeiten gegenüber ihren Gläubigen hatten, so mussten sie in den Vereinigten Staaten auf diese eingehen und somit Augenhöhe herstellen. Hierarchien existierten zwar im Sinne des Glaubens, aber nicht im Ökonomischen. Des Weiteren ist die amerikanische Selbstverantwortung vermutlich eine weitere Antriebsfeder gewesen, denn einzig die Kirche war der Ort, an dem man das solidarische Wesen der Gesellschaft kennen lernen konnte. Die Gemeinschaft schloss das Individuum ein, beließ es bei dieser Individualität, nahm aber dessen (freiwillige) Spende an, um Sicherheit zu garantieren, die der Welt des freien Marktes abging.

Von Beginn an war die soziale Frage keine Frage des Ökonomischen. Das vertretene Weltbild war ein Kommunitaristisches, eine starke Bürgergesellschaft kümmert sich selbst um die Schwachen in der Gesellschaft, auf freiwilliger Basis und damit auch mit der Möglichkeit der Entscheidung, wer Hilfe erhält und wer nicht. Die Kirchen waren der erste Fonds der Hilfsbereitschaft. Deswegen waren sie auch das Zentrum der Gesellschaft und spielten lange die Rolle der Sicherung vor dem Abstieg.

Aufgrund des Krieges gegen den Terror und dem 11.September tritt eine Abkühlung des Verhältnisses zur Religion ein. Auch Skandale um Pastoren und reiche Prediger erschüttern das Verhältnis zum Glauben. Die Religionen in den USA machen die Entwicklung der Europäischen nach, da mit zunehmender Macht auch die Abhängigkeit gegenüber den einzelnen Anhängern schwand. So kommt es zum Paktieren mit der staatlichen Macht, was das Wesen der alternativen Hierarchie zur Gesellschaftlichen aufhebt.

Zu guter Letzt kann auch noch erwähnt werden, dass Religionen natürlich realitätsreduzierende Wirkungen haben und darum ein attraktives Mittel sind, die Welt verständlicher zu gestalten. Das wird sicher auch seinen Effekt auf die Verbreitung haben, da dieses Wesen der Religion aber weltweit das Gleiche ist, kann es als Erklärung keine Schlüsselrolle einnehmen. Die USA sind zwar nach wie vor der einzige wirkliche Global Player, weswegen die dortige Politik noch weitaus komplexer ist, dieser Eigenschaft aber die Verbreitung im Denken der Amerikaner anzulasten ist verkürzt.

 

[1] http://www.pewforum.org/2015/05/12/americas-changing-religious-landscape/

[2] http://usa.usembassy.de/etexts/gov/gov-constitutiond.pdf

[3] Richard Dawkins, Der Gotteswahn, 2009, ISBN-10: 3550086881, Ullstein-Verlag

[4] http://edu.lva.virginia.gov/online_classroom/shaping_the_constitution/doc/religious_freedom

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