Das amerikanische Wesen

Zu einem grundsätzlichen Verständnis des Antiamerikanismus gehört auch eine klare Definition dessen, was man überhaupt als „amerikanisch“ bezeichnen kann. Im Zentrum ein jeder Ideologie steht das Menschenbild und darum werde ich auf den Begriff des Individuums und seine Stellung in der Gesellschaft eingehen, wie das bedeutendste Dokument der Geschichte der USA, die Verfassung, es propagiert.

„Wir, das Volk der Vereinigten Staaten, von der Absicht geleitet, unseren Bund zu vervollkommnen, die Gerechtigkeit zu verwirklichen, die Ruhe im Innern zu sichern, für die Landesverteidigung zu sorgen, das allgemeine Wohl zu fördern und das Glück der Freiheil uns selbst und unseren Nachkommen zu bewahren, setzen und begründen diese Verfassung für die Vereinigten Staaten von Amerika. “

– Präambel der amerikanischen Verfassung –

Das Kollektiv wird betont, doch durch die Einbindung des „Wir“ tritt eines deutlich zutage. Es ist klar, dass das Volk der Vereinigten Staaten aus vielen Individuen besteht und das Kollektiv, bestehend aus diesen, hat den Zweck der Bewahrung dieser autonomen Existenz eines Subjekts. Während im nationalsozialistischen 25-Punkte-Programm ein Bild vertreten wird, dass das Individuelle als Konstruktion zur Fragmentierung des Kollektivs versteht, dreht das Amerikanische dieses Bild um. Nicht das Individuelle gilt als Konstruktion, sondern das Kollektiv, welches geschaffen wird, um die grundlegende Freiheit des Einzelnen zu garantieren.

„Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.“

„Erste Pflicht jeden Staatsbürgers muss sein, geistig oder körperlich zu schaffen. Die Tätigkeit des Einzelnen darf nicht gegen die Interessen der Allgemeinheit verstoßen, sondern muss im Rahmen des gesamten und zum Nutzen aller erfolgen.“

– die Punkte 4 + 10 aus dem 25-Punkte-Programm –

„Die Einwanderung oder Hereinholung solcher Personen, deren Zulassung einer der derzeit bestehenden Staaten für angebracht hält, darf vom Kongress vor dem Jahre 1808 nicht verboten werden, doch kann eine solche Hereinholung mit Steuer oder Zoll von nicht mehr als zehn Dollar für jede Person belegt werden.“

„Das Wahlrecht der Bürger der Vereinigten Staaten darf von den Vereinigten Staaten oder einem Einzelstaat nicht auf Grund der Rassenzugehörigkeit, der Hautfarbe oder des vormaligen Dienstbarkeitsverhältnisses versagt oder beschränkt werden.“

„Das Wahlrecht der Bürger der Vereinigten Staaten darf von den Vereinigten Staaten oder einem Einzelstaat nicht auf Grund des Geschlechts versagt oder beschränkt werden.“

– Artikel 9, erster Abschnitt, der Zusatzartikel 15 und 19 der amerikanischen Verfassung –

Der erwähnte Unterschied zeigt sich hier wieder in der Gesetzgebung. Die Nationalsozialisten KENNEN ein Individuum, nur hat es sich in jeder Hinsicht dem angeborenen Kollektiv zu unterwerfen. Dagegen kennt das amerikanische Wesen im Sinne der Verfassung sehr wohl eine Unabhängigkeit von der Geburt. Sie leugnet zwar nicht das Kollektiv, doch leugnet sie einen Determinismus der Herkunft, Geschlecht, Herkunft und Klasse verlieren die Wertigkeit, weil sie keinen Einfluss auf die Mündigkeit haben, die ihnen zugestanden wird.

Im Nationalsozialismus, der als die diametrale Ideologie zum Amerikanischen gesehen werden kann, ist der Staat Selbstzweck, das „Vaterland“hat einen unbegründeten Anspruch auf die vollkommene Aufopferung jedes Volksgenossen. So kommt es zu einem Verständnis des Staates als natürlicher Hierarchie innerhalb einer Volksgemeinschaft. Während das amerikanische Wesen anhand der Erklärung die Hierarchie zu einer reinen Verwaltungsmaßnahme macht und eine Fetischisierung/Mythologisierung des Konstruktes verhindert, kann es dadurch auch die Möglichkeit einräumen, dass der Volkswille nicht homogen ist.

„Zur Durchführung alles dessen fordern wir die Schaffung einer starken Zentralgewalt des Reiches. Unbedingte Autorität des politischen Zentralparlaments über das gesamte Reich und seine Organisationen im allgemeinen.
Die Bildung von Stände- und Berufskammern zur Durchführung der vom Reich erlassenen Rahmengesetze in den einzelnen Bundesstaaten.“

– Punkt 25 des 25-Punkte-Programms –

„Alle Personen, die in den Vereinigten Staaten geboren oder eingebürgert sind und ihrer Gesetzeshoheit unterstehen, sind Bürger der Vereinigten Staaten und des Einzelstaates, in dem sie ihren Wohnsitz haben. Keiner der Einzelstaaten darf Gesetze erlassen oder durchführen, die die Vorrechte oder Freiheiten von Bürgern der Vereinigten Staaten beschränken, und kein Staat darf irgend jemandem ohne ordentliches Gerichtsverfahren nach Recht und Gesetz Leben, Freiheit oder Eigentum nehmen oder irgend jemandem innerhalb seines Hoheitsbereiches den gleichen Schutz durch das Gesetz versagen.“

– Zusatzartikel 14 Abschnitt 1 der amerikanischen Verfassung –

Das unterschiedliche Denken über das Individuum an sich hat auch eine unterschiedliche Vorstellung von staatlicher Fürsorge zur Folge. Ist das Individuum, also das autonom agierende Subjekt für die erwünschte Gesellschaft eine Gefahr, so muss ein starker Staat die Menschen in das Kollektiv zurück zwingen und benötigt darum Autorität. Die Tatsache, dass Faschismus nirgendwo funktioniert hat und er sich auf Dauer immer selbst durch Widerstand in den eigenen Reihen erodierte zeigt auf, dass die Vorstellung einer natürlich und organisch entstandenen volksgemeinschaftlichen falsch ist. Das amerikanische Wesen dagegen sieht die Notwendigkeit des Individualismus und gesteht dem Staat nur eine Rolle der Sicherung der Voraussetzungen dazu zu.

Eigentum gilt im amerikanischen Wesen als zentrale Voraussetzung für Individualität und Freiheit. So wurde im Homestead-Act das Recht jedes Bürgers über 21 festgelegt, sich unbebautes Land zu nehmen und so selbstverantwortlich für sich zu sorgen. Der Staat hatte auf unbebautes Land kein Recht, erst durch die Übernahme eines Bürgers der Vereinigten Staaten, als der man das Land in Anspruch nehmen konnte, durfte die Regierung Steuern erheben. Die Nazis taten auch hier das Gegenteil, Land wurde zwangsbesiedelt um dem Staat zugute zu kommen. So verwundert der aggressive Antiamerikanismus der Nazis auch nicht.

„Da eine gut ausgebildete Miliz für die Sicherheit eines freien Staates erforderlich ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden. “

– Zusatzartikel 2 der amerikanischen Verfassung –

Mit diesem Artikel gesteht der amerikanische Staat seinen eigenen Bürgern die Möglichkeit zu, sich gegen seine Willkür und die Willkür anderer zu verteidigen. So schafft man nicht nur eine Verteidigung der Freiheit nach außen hin, sondern versichert sich auch nach innen gegen einen Bevormundungsstaat. So bezieht sich Edward Snowden auf die amerikanische Verfassung, Chelsea Manning ebenso, die Whistleblower-Bewegung geht größtenteils auf Amerikaner zurück. Auch wenn viele Antiamerikaner den Eindruck zu vermitteln versuchen, Amerikaner wären schießwütige Idioten, so missverstehen sie die Legalität der Waffen grundsätzlich. Diese dient nicht dazu, AKTIV anzugreifen, sie dient der Verteidigung. Auch die Fakten sprechen diese Sprache. Die Waffen, mit denen in den USA Morde begangen werden sind nämlich zumeist illegal Erworbene.

Zusammengefasst kann man sagen, dass das amerikanische Wesen ein Bild labiler Kollektive darstellt. Es leugnet nicht die Notwendigkeit dieser in einer von kollektiven Ordnungen beherrschten Welt, setzt sie aber gezielt ein, um die Individualität nach Innen hin zu bewahren. Das Misstrauen gegen diese Hierarchie in Form des Staates ist aber omnipräsent, so ist die 9/11-Truther-Szene in keinem westlichen Land größer, gleiches bei den Protesten gegen den Irak-Krieg oder die NSA-Überwachung. Das Recht auf Waffen gehört dabei dazu, im amerikanischen Sinne ist die Waffe im Privatbesitz die letzte Bastion gegen einen Staat, der seine eigenen Institutionen missbraucht. Als weitere zentrale Eigenschaft kann die Betonung des Eigentums und der Selbstverantwortung gelten, was sich vor allem in Gesetzgebungen wie dem Homestead-Act niederschlug, die die Möglichkeit eröffneten, durch eigenes Tun vollkommene Autonomie zu erlangen.

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