Europa braucht Amerika

Wir debattieren hierzulande über Annäherungen an Russland, ein unabhängiges Europa oder eine Stellung als eigener Global Player. Dabei ist es kein Zufall, dass die Stärkung der extremen Rechten und die zunehmende Russlandverehrung einhergehen. Russische Finanzierung der radikal rechten Parteien, wie z.B. die des Front Nationale in Frankreich sind kein Geheimnis mehr [1] und zeigen, dass der Hauptfeind des völkischen Denkens nicht fremde „Rassen“ sind, sondern die dahinter angenommene lenkende Macht. So kann man sich fragen, weswegen gerade die Mächte, die sonst an der Spaltung Europas interessiert sind, einen starken Kontinent beschwören.

Europa ist noch ein freier Kontinent, der als einer der wenigen zu einem weitestgehend liberal-humanistisch geprägten wurde. Doch während die Einen denken, das bewahren zu können (zumindest behaupten sie, dieses Denken erhalten zu wollen), indem sie Humanismus vergessen und sämtliche Menschen, die nicht das Glück hatten, hier geboren zu sein, als Antidemokraten und Islamisten zu diffamieren, so geben die anderen diese Weltanschauung zugunsten antinationaler Ideologie auf. Wer die Nationen abschaffen möchte, zugunsten dessen aber in einen Kulturrelativismus verfällt und die islamistische Kultur mit der amerikanisch-europäischen gleichsetzt, der wird als Effekt keine freiere Gesellschaft haben, sondern eine langsame Durchsetzung der Institutionen mit faschistoidem Gedankengut.

Nach Putins Besetzung der Krim zeigte sich schnell, dass die Deutschen nicht bereit sind, demokratische Bewegungen zu unterstützen. Man witterte hinter der Sehnsucht nach Freiheit und einer bürgerlichen Gesellschaft einen amerikanischen Masterplan, um Russland zu schwächen oder gar einen 3.Weltkrieg zu entfesseln. Doch die russische Regierung selbst arbeitet an einem Masterplan, dem der Zerschlagung des europäischen Gedankens. So läuft nicht nur eine Finanzierung zum Front Nationale, auch das Magazin „Compact“ und andere Querfrontprojekte werden finanziell durch den Kreml unterstützt. [2]

Putins Ideologie ist die eines starken Russlands, ein aggressiver und imperialistischer Staat, der auf einer Blut-und-Boden-Ideologie aufbaut und einen breiten Ring von Marionettenstaaten um sich herum aufbaut. Er bekämpft Homosexualität, die er als westliche Dekadenz ansieht und paktiert mit jeder Macht, die gegen die Vereinigten Staaten gerichtet ist. Ähnlich ist es mit der extremen Rechten und der antiimperialistischen Linken, die mehr denn je eine Querfront bilden. Ihre Basis ist eine antifreiheitliche Kapitalismuskritik. In Putins Staatskapitalismus, einer protektionistischen Mischung aus Plan- und Marktwirtschaft, sehen sie die „Zähmung des Finanzkapitals“ und dadurch auch die Befreiung von globalen Märkten.

Europa braucht Amerika aber als Garanten der Freiheit. Die Vereinigten Staaten waren die ersten, die das Prinzip der Selbstverantwortung in ihrer Verfassung einschrieben und die dem Individualismus eine hohe Rolle zuschrieben und durch die Interventionen im 1. und 2.Weltkrieg wurde letztlich Europa auch davor bewahrt, im Nazifaschismus unterzugehen. Nun versuchen die Nationalisten wieder, ein „old europe“ zu installieren und haben damit vermutlich auch Erfolg. Nur muss man schlussfolgernd sagen, die Abkoppelung von den USA wäre eine Katastrophe in vielerlei Hinsicht. Es ist eine Illusion, anzunehmen, Europa könne innenpolitische Liberalität waren, wenn es sie nach außen hin nicht auch garantierte. Wer eine außenpolitische autoritäre Politik wünscht zeigt, dass sein Denken im Kern ein Autoritäres bleibt und diese Ansatz wird auf Dauer nicht auf die Flüchtlingspolitik beschränkt bleiben. Militärisch kann Europa gegenüber Russlands nichts ausrichten und würde auf lange Sicht wohl das werden, was Osteuropa lange Zeit für die Sowjetunion war.

Russland ist keine Weltmacht mehr, die infrastrukturellen Probleme sind massiv. [3] Eine geschickte antiamerikanische Propaganda hat aber letztlich dazu geführt, Russland als einen mächtigen Global Player mit großer Bedeutung darzustellen. Die russische Hybris ist dabei ähnlich der Europäischen, Europa ist sich nämlich selten zu schade, von oben herab über Richtig und Falsch zu urteilen. Beide Parteien überschätzen ihre Bedeutung und verlieren sich dabei zwischen den wirklichen Global Playern, USA und China. Der daraus entstehende Narzissmus führt zu diesem Streben nach alter Größe, in einem Bündnis mit Russland soll diese wieder erbaut werden. Dass dieser Ansatz ökonomisch viel zu kurz gedacht ist, ist nicht das Problem, sondern vielmehr der dadurch entstandene identitäre Boom eines gesamteuropäischen Nationalismus.

 

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/wladimir-putins-vertrauter-finanziert-front-national-13283387.html

[2] http://www.br.de/fernsehen/das-erste/sendungen/report-muenchen/videos-und-manuskripte/putins-netzwerk100.html

[3] http://www.handelsblatt.com/politik/international/wirtschaftskraft-laesst-nach-russland-leidet-an-der-hollaendischen-krankheit/9627432-4.html

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