Homophobie und Antisemitismus

Im zuvor geschriebenen Artikel erwähne als Form der antisemitischen Ritualmordlegende auch die Annahme antichristlicher Verschwörungen einer „Abtreibungslobby,“ und nehme auch an, diese Vermutung begründen zu können. (Link zum Text) Was auffällt ist die Rezeption des Reinen und Kindlichen gegenüber der schlechten Welt der Macht und auch der Verantwortung als manichäischer Gegensatz, denn diese passt hervorragend in die Religionsanalyse von Sigmund Freud, der die Religion, die ja viele Parallelen zu VT’s besitzt, als infantilen Vaterkomplex betrachtet. [1] Nun steht das Jüdische mit der starken Betonung der Selbstverantwortung und dem freien Willen im Gegensatz zu Islam und Christentum, da diese einen Gott haben, der nichts als Gehorsam fordert, durch diesen Rahmen aber sämtliche sonstige Moral negiert. Da die Verantwortung für sich selbst und andere als jüdisches Novum gelten kann, (vorige animistische Religionen übergaben den Göttern sämtliche Aufgaben und nahmen sich so aus der Schuldigkeit) wird der Antisemitismus der Frühzeit auch stark von dieser Ablehnung geprägt sein.

Diese Form des strukturellen Antisemitismus fällt im Zusammenhang mit Homophobie auf. Diese wird als widernatürlich gewertet (was paradox ist, da schon die Tatsache der Existenz auch die Natürlichkeit beweist) und als verderbend. So imaginieren sich LGBT-Gegner eine Homolobby herbei, die zum Zweck des Machterhaltes die Reinheit der Kinder zerstört und einen antireligiösen „Kreuzzug“ gegen den Glauben führt.

Der Glauben, Genderwissenschaften, (ja, es sind Wissenschaften) Homosexualität und Selbstverantwortung könnten die Kinder verderben ist eben diesem Denken geschuldet, es könne nur Gut und Böse und kein Dazwischen geben. Die Gegensätze, die sich hier parallel auftun sind wohl so zu benennen:

  • Reine Sexualität (Fortpflanzung) <=> Sexualität zu Genusszwecken
  • Göttlichkeit (Unberührbarkeit) <=> Satan (Verdorbenheit)
  • Das Gute (Kollektivgefasstheit) <=> das Böse (Individualität)
  • Das Christliche/Islamische <=> das Jüdische
  • Vorgegebene Moralinstanz <=> Selbstverantwortlichkeit

Das Prinzip der Selbstverantwortung ist definitiv ein bürgerlich-liberales Prinzip und damit auch den meisten VTr suspekt. Die Ähnlichkeit der Punkte ist aber gravierend. So basieren die Gegensätze einerseits immer auf dem Gegensatz der freien Wahl (durchweg schlecht assoziiert) und dem der vorgegebenen Moral. Die Verschwörungstheorie beruht in ihrer immer stärkeren Sogwirkung wahrscheinlich auf narzisstischen Komplexen, doch ist die naive Sehnsucht nach den klar ersichtlichen Regeln die Triebkraft, die zu den ersten Denkmustern führt.

Nun kann man fragen, wo der Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Homophobie liegt. Der direkte und explizite Zusammenhang ist der Antiliberalismus beider Ideologien. Dieser tritt aber bei allen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auf und fördert keine besonderen Beziehungen zutage. Auch MÜSSEN sie beide nicht korrelieren, das Eine kann auch als Ersatz für das Andere herhalten. Doch die Gemeinsamkeiten, die darüber hinausgehen, gehen auch deutlich über das Sonstige Maß an Korrelation hinaus:

  • Wie bereits erwähnt, ist der Antiliberalismus der größte gemeinsame Nenner, doch dabei vernachlässigbar, da er nichts Neues darstellt.
  • Ritualmordlegenden sind beiden Ideologien (bei stark ausgeprägten Formen) bekannt, allerdings in unterschiedlicher Form. Wird der „Homo-Lobby“ nur vorgeworfen, die Reinheit des Kindes zu töten und es zu einem hedonistischen Konsumzombie mutieren zu lassen, so kann die antisemitische Legende durchaus auch konkrete Formen annehmen. Der Gedanke dahinter bleibt der Gleiche.
  • Beide Ideologien nehmen eine übermäßige Macht an und internationale Verknüpfungen. Das ist ein Merkmal, dass nicht viele gruppenbezogene Menschenfeindlichkeitsformen teilen. So wird beim Rassismus, Sexismus oder der Behindertenfeindlichkeit von Minderwertigkeit und mangelnden Fähigkeiten ausgegangen, im „Weltjudentum“und der „Homo-Lobby“ allerdings imaginiert man sich internationalen Einfluss zur Vernichtung der „reinen Lehre.“
  • Diabolische Kräfte hinter den Kräften werden auch in beiden Fällen vermutet. LGBT’s versuchen durch Verführung der Jugend diese dem Guten zu entreißen und huldigen damit der Sündhaftigkeit (wieder Parallelen zum Ritualmord). Juden opfern Kinder in okkulten Ritualen, um ihre Macht auszubauen. Diese Annahmen sind sich ebenso extrem ähnlich.

 

[1] http://www.dober.de/religionskritik/freud.html

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