VTr’s und die Medien

Geht man davon aus, dass sich die Psyche des Verschwörungstheoretikers (in Zukunft kurz „VTr“) aus den drei genannten Narzissmen besteht, die ich im vorigen Text beschrieben habe (hier zum Text), dann muss man das manichäische Denken auch auf die Medienlandschaft übertragen. Vor allem in der pauschalen Mediendiffamierung äußert sich diese Charakteristik sehr stark. Denn diese ist nicht, wie man von einer kritischen Haltung erwarten könnte, durch aufgedeckte Lügen zu erklären, sondern die ablehnende Haltung besteht per se und keine Mühe wird gescheut, „den Medien“ Unwahrheiten nachzuweisen.

Der durchschnittliche VTr ist dabei sehr schnell dabei, eine Zeitschrift als „Lügenpresse“ abzukanzeln und zur Systempresse zu zählen, sobald ein Artikel mit missliebiger Meinung erscheint. Der Narzissmus hat ein so hohes Niveau erreicht, dass die Annahme, eine andere Meinung als die eigene könne durch eigene Recherchen zustande kommen, vollkommen absurd ist. Entweder wird dem Verfasser des Textes vorgeworfen, er wäre ideologisch indoktriniert, oder bezahlt. Die Highlander-Mentalität des einsamen Kämpfers gegen klar benennbare finstere Mächte, ein Thema, dass, wenig überraschend, auch intensiven Eingang in die Texte Xavier Naidoos fand, ist dabei der Grundstein dieser aggressiven Verleumdungshaltung. Das Weltbild ist derartig auf eine klar esoterische Definition von Gut und Böse getrimmt, dass auch geringfügig abweichende Meinungen die Zugehörigkeit zum „Feind“ der Glaubenssekte bestätigen.

VTr’s sind mittlerweile in den Kommentarspalten ein regelmäßiger Anblick. Sie tragen ihre Erleuchtung als Monstranz vor sich her, enthalten sich der Beweisführung und reagieren auf Widerspruch mit einer Mischung aus gekränktem Stolz, Verachtung, Aggression und Größenwahn. Anstatt „die Medien“ zu boykottieren, wie sie oft fordern, suchen sie die offene Konfrontation mit ihnen, beleidigen die Journalisten kritischer Artikel auf das Übelste und versuchen, sich zu profilieren. Das gerade das Internet dabei zu einer gigantischen Plattform für VTr’s aller Couleur ist, ist wenig verwunderlich. Wenn ich wieder von der eigenen Spekulation über die Beschaffenheit des Narzissmus von VTr’s ausgehe, dann schien dies sogar unvermeidlich, denn das Internet bietet die Möglichkeiten zur Selbstdarstellung für all jene, die es auf anderem Wege nicht schaffen. So attackieren die VTr’s auch mit Vorliebe die größten Zeitungen Deutschlands, weil sie so viel Aufmerksamkeit erregen. Sowohl Kritiker, als auch „Verbündete“ gehen auf sie ein und stellen ihre Thesen zur Debatte. Sie profilieren sich als die größeren Stichwortgeber und versuchen, sogar die „Mainstream-Medien“ zu überflügeln.

Die Beziehung zwischen VTr’s und den deutschen Leitmedien ist äußerst ambivalent. So verlinken VTr’s regelmäßig Artikel der „Lügenpresse,“ wenn diese ihre Meinung stützen (was im Angesicht ihrer VT eigentlich gar nicht passieren dürfte) und freuen sich darüber, endlich einen „objektiven“ Bericht zu finden, andererseits wird die Pauschalität nicht aufgehoben. Man kann davon ausgehen, dass VTr’s auch vom Neid auf Journalisten getrieben werden, da diese in dem System erfolgreich werden konnten, dass sie nicht nach oben kommen ließ. Der Ruf „Lügenpresse“ bedeutet nicht nur eine Ablehnung der Medienlandschaft, die die Vorstellungen der VTr’s weitestgehend nicht akzeptiert, sondern auch eine Wut auf die Demokratie/freie Presse, da die angeblich objektiven Gegenbeispiele wie RT und Sputnik.news so gut wie nie aus demokratischen Ländern stammen, sowie einem allgemeinen Neidkomplex gegen Reichtum, Erfolg und Intellektualismus. Der studierte Journalist selbst gilt als Elfenbeinturmbewohner, von vorneherein und damit als weltfremd, weil die narzisstische Triebfeder der Verschwörungsideologie die Verachtung für das Akademische und Erfolgreiche ist.

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