Die Allwissenden

In einem vorigen Beitrag bin ich bereits auf die Funktion von Verschwörungstheorien eingegangen, sich selbst im narzisstischen Selbstbild zu bestätigen. In das Bild fügt sich auch hervorragend ein, dass viele Verschwörungstheoretiker eine Verachtung gegen Akademiker*innen oder Student*innen hegen, die dann besonders auffällt, wenn diese ihnen widersprechen. Deren Zuspruch dagegen führt zu einer sichtbaren Steigerung des Selbstwertgefühls und des Narzissmus, wie man in diesem Interview mit dem ehemaligen Schlagersänger Christian Anders sieht [1], der mittlerweile eher mit wirren Verschwörungstheorien aus dem medizinischen, ökonomischen und physikalischen Bereich von sich reden macht. S0 behauptet er, von renommierten Ökonomen für seine Begründung der Freiwirtschaftslehre nach Gesell gelobt worden zu sein und die Relativitätstheorie widerlegt zu haben. [2]

Ob Axel Stoll, Christian Anders oder Ken Jebsen, die äußern in ihren Videos des Öfteren Verachtung für akademische Kreise, für Intellektualität und Theorie. Das passt zur Theorie der narzisstischen Realitätsveränderung, die der Verschwörungsideologie immanent ist. Die Formen der Selbstüberschätzung nehmen dabei meistens zwei Formen an:

  1. Degradierung anderer Person zu willenlosen Objekten und Marionetten, vor allem gegenüber Menschen, die ihnen von Bildungsabschlüssen her überlegen sind. Universitäten und Schulen werden in ihrer Wertigkeit abgestuft und das „freie Denken“propagiert, dass dem schulischen Bereich entgegenstünde, wie schon an der Abwertung durch den Begriff der „Schulmedizin“ gegenüber dem der „alternativen Heilmethoden“ auffällt. Dabei werden über Jahrhunderte angesammelte Erkenntnisse pauschal infrage gestellt und damit auch die Existenzberechtigung der Intellektuellen.
  2. Generalspezialisierungen, das heißt, anmaßende Aussagen zu treffen über viele Fachgebiete und dabei so aufzutreten, als würde man über großes Wissen verfügen. Hier kann wieder Christian Anders herhalten, aber auch die Band die Bandbreite, sowie Alex Jones, die allesamt zu medizinischen (Impflüge, Chemtrails), physikalischen (11.September, Mondlandung) und ökonomischen (Freiwirtschaft, Globalisierungskritik) Themen Verschwörungstheorien verbreiten, obwohl ihnen faktisch nicht zu all diesen Bereichen genug Fachwissen zur Verfügung stehen kann. Die Selbstüberschätzung geht meist so weit, dass Experten mit langjähriger Erfahrung quasi zu Idioten degradiert werden, ohne die eigene Meinung wirklich begründen zu können.

 

Also kann man daraus auch folgern, dass der Grund hinter manichäischem Denken in Form von Verschwörungstheorien nicht nur dem Ziel dient, die Welt zu sortieren und zu ordnen, sondern auch der Selbsterhöhung. Was nach nichts Neuem klingt zeigt sich aber als besonders interessant, wenn man sieht, dass es wiederum zwei Typen von Verschwörungstheoretikern gibt, die diese Selbsterhöhung auf unterschiedliche Wege versuchen, zu erreichen. Es gibt den „Akusmatiker“ (aus dem Griechischen, „ich höre“) und den Propheten. Die Theorien nehmen sektenartigen Charakter an, je absurder sie werden. Während Anhänger „normaler“ (das heißt, recht weit verbreiteter) Verschwörungstheorien noch selten eine einzige Person oder einen kleinen Personenkreis zu den Welterklärern machen, so werden sie mit zunehmendem Seltenheitsgrad immer „religiöser.“ Die Folgerung, der Personenkult entstünde daraus, dass durch zunehmende Absurdität auch immer weniger Zeitschriften, Blogs usw. zur Verfügung stünden ist aber falsch. Wäre dem so, so würde sich auch das kritische Denken ab und an regen und dem Sektenführer widersprochen. Das geschieht aber selten bis nie.

In der Absurdität und Realitätsentfremdung wird die Annahme von Verschwörung zur Routine, der Zufall eliminiert und alles auf menschliches Schaffen zurückgeführt. Auch das ist eine Form des Narzissmus. Diesmal ist es ein gesamtmenschlicher, eine Erhöhung der eigenen Spezies. Von einer solchen Mystifizierung des Menschen lebt auch die Esoterik und Religion. Der Narzissmus von extrem religiösen, esoterischen und verschwörungstheoretischen Personen ist im Kern gleich aufgebaut, was auch die häufigen Überschneidungen und allgemeinen intuitiven Gleichsetzungen erklärt. Ein Artikel in der Zeitschrift Cicero vom 26.03.2012 von Matthias Heine bezeichnet Verschwörungstheorien als die neue Weltreligion. [3]

  1. So gibt es einerseits den human-bezogenen Narzissmus, der die Grundlage des Weltbildes darstellt. Der Mensch ist eine allmächtige oder zumindest äußerst zentrale Figur, um die sich das Universum im wesentlichen dreht. (Diese Schlussfolgerung ergibt sich aus dem konsequenten Leugnen von menschlichem Dilettantismus und der Ablehnung des Zufalls als Erklärung)
  2. Ähnlich wie der human-bezogene Narzissmus ist der kollektive Narzissmus, nur dass er sich nicht auf die Menschheit als ausersehene Spezies, sondern auf das Kollektiv der Erwachten stützt. Man wähnt sich als verfolgte Minderheit und rückt darum stärker zusammen, findet einen Familienersatz in der Glaubensgemeinschaft.
  3. Der selbstbezogene Narzissmus dagegen ist das Gefühl, zu kurz zu kommen und unbedeutend zu sein, dass in Umkehrung durch eine pathologische Selbstüberzeugung kompensiert wird. Für die Verschwörungstheorie ist diese Form unerlässlich, da der Wunsch nach konspirativem Geheimwissen vor allem dadurch gestützt wird. (selbstbezogener Narzissmus fällt dadurch auf, dass die Personen keine sachlichen Diskussionen führen und auch selten argumentieren, sondern mit ihrer angeblichen Erwachtheit die Theorie aus sich selbst heraus beweisen)

Die zuvor erwähnte Aufteilung der Verschwörungstheoretiker in Propheten und Akusmatiker muss natürlich auch mit einer Veränderung der narzisstischen Prioritäten einhergehen. Da die meisten VT’ler zur Menge der Akusmatiker gehören, ist die Priorität bei der größtmöglichen Homogenität angelegt. Sie hinterfragen nicht und stellen darum nicht ihr Selbst, sondern die größte Ununterscheidbarkeit an vorderste Stelle. So kommt zuerst der human-bezogene, dann der kollektiv-bezogene und zuletzt der selbstbezogene Narzissmus zum Tragen. Bei den theoretischen Aushängeschildern hingegen findet man diese Prioritäten umgekehrt gesetzt. So verwundert es nicht, dass gerade aus dem Künstlerbereich viele Stichwortgeber der Szenen kommen, wie Xavier Naidoo, Kilez Moore, Morgaine, Die Bandbreite, Christian Anders und der Scientologe Tom Cruise. Wer Künstler ist, liebt es, sein Selbst zum Diskussionsgegenstand und zum Ausstellungsstück zu machen (was keine Verdammung der Kunst sein soll) und muss darum selbstbezogen sein. Und so kommt es auch zu diesen Überschneidungen.

Die Generalspezialisierung findet man meist bei diesen Vertretern der Szene. Auch wenn ihre Anhänger diese Meinungen nachreden, so sind sie meist nur pauschal gegen die Regierung und versuchen selten, sich mit Expertisen in allen Bereichen zu profilieren. Der Narzissmus der Form der Herabwürdigung Andersdenkender ist dagegen ein kollektiver und wird von den meist weitaus aggressiveren Anhängern des Propheten weitaus stärker angewandt.

Die Parallelen zur Religion sind die klaren Abtrennungen zwischen den Polen des Guten und Bösen, die absolute Verleugnung des Zufalls und die humanbezogene narzisstische Ausrichtung. Vielleicht sind Verschwörungsideologien in einer Welt, die vor allem im Westen die Religionen in ihrer Bedeutung stark eingeschränkt hat, ein Ersatz und erneute Mystifizierung.

 

[1] https://www.youtube.com/watch?v=jaB909GXtXQ

[2] http://www.diebewegung.com/?p=2507

[3] http://www.cicero.de/berliner-republik/die-weltreligion-des-dritten-jahrtausends/48693

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2 Kommentare zu „Die Allwissenden“

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