Induzierter Wahn

In einer Zeit der immer stärker werdenden medialen Vernetzung kam es nicht, wie unter anderem von Habermas vorhergesagt, zu einer Zersplitterung oder Aufhebung der Kollektive. Die starke Vernetzung sorgte vielmehr für einen stärkeren Rückzug in das Private, das Bekannte, das Nationale und Homogene. Angesichts der Unübersichtlichkeit der Informationsströme beginnen wir automatisch, durch eine Matrix zu sehen, im Voraus zu sortieren und unliebsame Informationen auszublenden. Der pseudo-aufgeklärte und unkritische Relativismus ist dabei nur eine andere Form der Matrix. Die Einen sortieren ihr Weltbild in schwarz und weiß, die Relativisten färben alles im gleichen Grau. Sie beide werden der Wirklichkeit nicht gerecht, denken es aber und argumentieren auch so.

Gefährlich ist allerdings vor allem was schwarz-weiße Denken. Die extremste Form schlägt sich im Weltbild der NWO-Gläubigen nieder, die einen Gegensatz setzen zwischen dunkler und von Grund auf böser Elite gegen „das Volk.“ So muss jede schlechte Handlung eines „normalen“ Menschen mit dem Intervenieren der NWO erklärt werden und die Theorie wird dadurch zwangsweise immer verworrener. Das manichäische Denken ist ein Teufelskreis, denn jeder Grauton muss, um metaphorisch zu bleiben, mit einer Verstärkung des alten Denkmusters wieder aufgehoben werden. Wie Sebastian Bartoschek in einem Vortrag vom 10.09.2013 auf einer Veranstaltung des Düsseldorfer Aufklärungsdienstes sagte, haben Verschwörungstheorien die Eigenschaft, sich immer weiter zu steigern. [1] So sieht man es zum Beispiel an Xavier Naidoo, der mit manichäischem Antikapitalismus begonnen hat, sich über 9/11 steigerte und mittlerweile esoterisches, antisemitisches und reichsbürgerisches Gedankengut vertritt.

Auch wenn der Begriff unwissenschaftlich ist, so könnte man eine Verschwörungstheorie als Einstiegsdroge bezeichnen, denn sie ist eine Reduktion und erfordert immer mehr und immer absurdere Maßnahmen, um erhalten zu bleiben. Mit der Zeit kann der VT’ler nicht mehr trennen, es ergibt sich automatisch für ihn aus jedem Geschehnis eine Möglichkeit, durch die „die Eliten“ davon profitieren könnten und da sein Denken nach dem Cui-Bono ausgerichtet ist, fühlt man sich auch gezwungen zur Annahme, dass der Profit nicht zufällig sein könne. Wie bei einem Abhängigen übernimmt die Theorie immer mehr Teile der eigenen Weltanschauung und auch des Privatlebens. Hier kann wieder das Beispiel Xavier Naidoos herhalten oder auch das von Christian Anders, beide erfolgreiche Musiker, die sich durch ihren eigenen Wahn immer weiter ins Abseits beförderten. Die Tatsache, dass extreme Verschwörungstheoretiker mit der Zeit noch die embryonalsten Formen von Quellenkritik nicht mehr anwenden und salopp gesagt, jeden Schwachsinn glauben, ist wohl genau dem geschuldet. Wer zu lange im manichäischen Denken bleibt kann gar nicht mehr auf die Idee kommen, dass etwas „Böses“ vielleicht auch von der Seite der sonst „Guten“ kommt, oder gar Zufall sei.

Es wäre ein interessanter Aspekt, wahnhaften Glauben an Verschwörungstheorien vielleicht sogar als Suchterkrankung in Betracht zu ziehen. Eine Erkrankung der Psyche ist es möglicherweise sogar, nach herkömmlicher Definition [2]:

„In DSM-IV wird jede psychische Störung als ein klinisch bedeutsames Verhaltens- oder psychisches Syndrom oder Muster aufgefasst, das bei einer Person auftritt und das mit momentanem Leiden (z.B. einem schmerzhaften Symptom) oder einer Beeinträchtigung (z.B. Einschränkung in einem oder in mehreren wichtigen Funktionsbereichen) oder mit einem stark erhöhten Risiko einhergeht, zu sterben, Schmerz, Beeinträchtigung oder einen tiefgreifenden Verlust an Freiheit zu erleiden. Zusätzlich darf dieses Syndrom oder Muster nicht nur eine verständliche und kulturell sanktionierte Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis sein, wie z.B. den Tod eines geliebten Menschen. Unabhängig von dem ursprünglichen Auslöser muß gegenwärtig eine verhaltensmäßige, psychische oder biologische Funktionsstörung bei der Person zu beobachten sein. Weder normabweichendes Verhalten (z.B. politischer, religiöser oder sexueller Art) noch Konflikte des Einzelnen mit der Gesellschaft sind psychische Störungen, solange die Abweichung oder der Konflikt kein Symptom einer oben beschriebenen Funktionsstörung bei der betroffenen Person darstellt.“

  1. Die „Erkrankten“ haben einen massiven Leidensdruck. Sie fühlen sich verfolgt und wechseln zwischen manischen Phasen massiver Selbstüberschätzung sowie depressiven Phasen der Resignation.
  2. Die „Krankheit“ ist nicht mehr steuerbar. Der Gedanke, dass bisherige Weltbild könne nicht mehr greifen ist für die meisten, vor allem die extremen Formen, nicht mehr zugänglich.
  3. Verschwörungstheorien und die angebliche Verfügung über „geheime Informationen“ können ein intellektuelles Minderwertigkeitsgefühl kompensieren. Da laut Statistik (erneuter Verweis auf den verlinkten Bartoschek-Vortrag) die meisten Verschwörungstheoretiker ungebildet sind, wäre dieser Gedanke relativ naheliegend.
  4. Die Ideologie nimmt bei vielen derart überhand, dass sie Gefängnisstrafen und empfindliche Strafen in Kauf nehmen, weil sie sich z.B. weigern, eine kleine Ordnungswidrigkeit zu bezahlen. Dieses Verhalten ist häufig bei Anhängern der „Reichsbürger-Bewegung“ zu beobachten. [3]
  5. Zwanghaftes Kompensationsverhalten deutet auf Suchterkrankungen hin. [4] Wenn das krampfhafte Beharren auf eigener Allwissenheit eine Kompensationshandlung für eine narzisstische Kränkung ist, so dient die VT als motivierende und stärkende Substanz, die in immer höherer Dosis benötigt wird.

 

All das mag weit hergeholt klingen, doch halte ich es für plausibel. Im Laufe der nächsten Monate werde ich dafür auch versuchen, eine empirische Grundlage zu schaffen, um entscheiden zu können, ob diese eigene Theorie schlüssig ist oder nicht.

 

[1] https://www.youtube.com/watch?v=AEWzJBkqWts

[2] http://www.verhaltenswissenschaft.de/Psychologie/Psychische_Storungen/psychische_storungen.htm

[3] http://www.krr-faq.net/gericht.php

[4] http://www.caritas.de/glossare/sucht-definition

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s