Gewalt als Identität

Im linksradikalen Kontext findet man häufig eine grundsätzliche Zustimmung zu gewalttätigen Angriffen auf die Staatsgewalt, die als repressiv wahrgenommen wird und darum auch als wahrer Täter. Definitiv richtig ist die Einschätzung des Staates als Unterdrücker, selbst in der Demokratie ist schon die Institution und Bürokratie dem unterworfenen Individuum feindlich und misstrauisch entgegengestellt. Doch die Gewalt dient nur selten dem Zweck der Selbstverteidigung gegen Angriffe auf die eigene Freiheit, sie dient häufig auch der identitären Selbstvergewisserung. Für Menschen, die weder von Hacken, noch von Netzpolitik oder Politik im Allgemeinen Ahnung haben ist es dennoch reizvoll, mit einer Maske des Offiziers und katholischen Terroristen Guy Fawkes zu posieren und sich so als Teil einer revolutionären Bewegung zu inszenieren. [1] Ähnliches Potential bieten faschistische Bewegungen und der schwarze Block der radikalen Linken. Die Gewalt wird zum Selbstzweck, der Kampf gegen einen Staat, der das Privatleben an sich reißt zur Revolutionsromantik an sich, die nicht einmal mehr für ein besseres und freieres Leben aufgegeben werden möchte, da das Chaos, das die eigene Identität befeuert, als angenehmer und aufregender empfunden wird. Doch die Maske des Aufgesetzten ist eine Extremform kapitalistischer Entfremdung. Diese findet dadurch statt, dass das Produzierte nicht mehr zum Dienst am Produzierenden und der direkten Verwendung dient, sondern dem Selbstzweck. Doch durch die komplette Kommerzialisierung der Identität wird dieses Prinzip erweitert, die eigene Existenz dient nicht mehr dem Träger, sondern der Bewegung, der er teilhaft ist.

Das mag alles etwas weit hergeholt klingen (wohl wegen des typisch linken Jargons, den ich auch nicht ganz los werde), doch merkt man schnell, dass die Bewegung Anonymous entgegen eigener Beteuerung äußerst homogen ist. Sie knüpft an Verschwörungsdenken an und zeigt sich auch dem Antisemitismus gegenüber offen. Hinter der martialischen Maske verbirgt sich die Glorifizierung des einsamen Highlanders, des starken (An-)Führers und der heterosexistischen Vorstellung des Kämpfers mit Rückgrat.

 

[1] http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/anonymous-und-guy-fawkes-grinsemaske-ohne-botschaft-a-795927.html

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