Naidoos pazifistisches Plattitüdenmassaker

Xavier Naidoo hat einen neuen Song veröffentlicht, für den er prompt Zustimmung von Jürgen Todenhöfer erhielt. Da in Kreisen politisch nicht vollkommen unzurechnungsfähiger Menschen eine Zustimmung Jürgen Todenhöfers gleichbedeutend mit einer Ignorierungsaufforderung ist, könnte man sagen, dieser Song hat die Beachtung nicht verdient. Doch um sich durch das verquere Weltbild des Sängers zu quälen muss eine solche Analyse sein, vor allem, da der Text ausschließlich in Fragmenten Beachtung fand.

Eine Auseinandersetzung mit dem Text als Ganzem ist etwas langwierig, bietet aber Aufschluss über völkisches Verschwörungsdenken. Die Zitate sind allesamt dem Text entnommen und der Bezug zum IS wurde aufgrund des Veröffentlichungsdatums angenommen [1]:

„Ich hab gelernt ich soll für meine Überzeugungen
einstehen und meinen Glauben nie leugnen
warum soll ich jetzt nach so langer Zeit
davon Abstand nehmen dazu bin ich nicht bereit“

Schon der Einstieg zeigt die heroische und narzisstische Selbstsicht des Sängers. Anstatt einer kritischen Selbstreflexion im Bezug auf die zuvor geäußerten „Anfeindungen“ gegen ihn suhlt er sich im Märtyrertum und stilisiert sich zum Opfer, dass dem Ansturm der Massen aber trotzt, anstatt daran zu zerbrechen.

Viele Verschwörungstheoretiker stellen sich als Geschädigte medialer Hetzkampagnen dar und machen sich so unangreifbar, jedwede Reflexion wird in diesem Zustand vermieden, da sie den Schutz aufweichen würde. Markus Staiger hat in seinem bereits einmal erwähnten Text über ein anderes Lied von Naidoo angemerkt, dass dieser sich allzu oft zur Lichtgestalt erklärt und neue Führer für das Volk fordert.

Verschwörungstheoretiker wittern eine Verschwörung durch Informationen, die sie im Falle einer Existierenden gar nicht haben könnten und verbinden Dinge, die offenkundig keinen Zusammenhang haben. Da ihre Argumentationslogiken dabei häufig wacklig sind, ist die Flucht in eine paranoid-narzisstische Wahnvorstellung unerlässlich, um das Weltbild weiter erhalten zu können. Kritik gilt per se als faschistoider Akt. Damit ist ihr Kritikbegriff selbst auch antidemokratisch, was Menschen wie Naidoo mit dem Verweis auf freie Meinung zu kaschieren suchen.

Muslime tragen den neuen Judenstern
Alles Terroristen, wir haben sie nicht mehr gern
Es ist einfach nur traurig
die alten Probleme im dritten Jahrtausend nach Christus

Die erste Zeile ist die Skandalzeile, die auch großes Medienecho hervorrief. Sogar die alles andere als israelfreundliche Süddeutsche Zeitung verurteilte sie als Holocaustrelativierung und unverhältnismäßig. [3] Zweifelsohne ist diese Zeile eine Relativierung ungeheuren Ausmaßes, da die Kennzeichnung durch Judensterne einerseits auf islamische Tradition zurückgeht [4] und andererseits ein Vergleich zwischen Alltagsdiskriminierung und staatlicher Deportation sowie Verfolgung absolut geschmacklos und falsch ist. Auch die Behauptung, Muslime seien alle Terroristen wurde von keinem nennenswerten Politiker je vertreten, vielmehr nannten Inhaber hoher Regierungsämter den Islam einen Teil von Deutschland, z.B. Angela Merkel, Christian Wulff und Joachim Gauck. [5] [6] [7] Die Integration von Muslimen ist also Staatsraison, was von der Einbindung der Juden in die deutsche Gesellschaft des dritten Reiches nicht zu behaupten ist.

Was auch typisch ist für Verschwörungsideologen ist die Tatsache, dass man keinen Fortschritt in der Entwicklung der Menschheit sehen will. So werden die Werte der Aufklärung für nichtig erklärt, sie gelten als der Barbarei der vorbürgerlichen Gesellschaft gleichwertig. Man könne sagen, es sei einfach nur eine weitere verkürzte Erklärung, um sich in pseudo-kritischer Misanthropie zu wälzen, doch es ist vielmehr als das. Esoteriker erkennen im Verlust des Glaubens an eine Transzendenz und eine klare Abtrennung zwischen Gut und Böse eben nicht den Fortschritt, sondern einen Rückschritt. Xavier Naidoo teilt uns mit den letzten beiden äußerst wichtigen Zeilen mit, dass die Aufklärung und die bürgerliche Gesellschaft regressiv überwunden werden müssen und nicht in der Aufhebung von Kollektiven enden dürfen.

Und Frieden ist uns immer noch wichtig
du willst in Frieden leben und hier ist es
nur noch einen Hauch entfernt
wir haben alles über das Töten gelernt

Dieser Vers ist schon aufgrund verquerer Metaphorik nur schwer zugänglich. Meine eigene Interpretation wäre, (ich muss zugeben, nicht genau zu wissen, wie diese Zeilen gemeint sind) dass Naidoo behaupten möchte, ohne westlichen Einsatz sei der Frieden zu bewahren.

Ihm scheint dabei nicht klar zu sein, dass der Nahe Osten seit der Begründung des Islams von Kriegen und Konflikten überzogen wird. Auch hier sieht man den typischen West-Zentrismus (antiwestlicher) Verschwörungstheoretiker. Konflikte sind stets auf den Westen zurückzuführen, Eigenverantwortung und die Möglichkeit zum freien Denken scheinen den Arabern selbst nicht gegeben. Wie soll denn die Beendigung des vollkommen verworrenen Konfliktes zustande kommen, wenn nicht durch Waffengewalt, die IS/Assad/Hamas usw. vom Morden abhält?

Vom Frieden sind wir meilenweit weg
Das Schlachtfeld ist schon abgesteckt
Doch wir sind auch nur einen Hauch weit weg
Vom Himmel er ist um die Ecke

Wie die meisten Verschwörungsideologen sieht auch Xavier Naidoo sich in einem Krieg. Die Tatsache, dass Deutschland einen (vollkommen lächerlichen) Militäreinsatz gegen den IS plant sieht er dabei wohl als kriegslüsterne Außenpolitik, die den Frieden stört. Die chronische Realitätsverweigerung dieses Textes liegt auch in der Annahme, dass Europa den Krieg erklärt hätte, obwohl der Anschlag in Paris de facto der Auslöser war, dass Deutschland nun zäh einen Militärschlag simuliert. Die Utopie des Friedens, wie sie völkischen Menschen vorschwebt ist dabei auch unvereinbar mit Demokratie und Rechtstaatlichkeit, da sie das Subjekt verleugnet und den „Frieden ohne Freiheit“ fordert.

Ich weiß es ist schwer zu glauben
doch man will dir deinen Platz im Paradiese rauben
man weiß erst was man hatte wenn es nicht mehr da ist
verhindere den Krieg bevor er wirklich wahr ist.

Die Anspielung auf das Paradies im Kontext des Kriegs gegen Islamisten ist dabei von besonderer Ekelhaftigkeit. Die paranoide Wahnvorstellung der islamischen Welt, der Westen führe einen Krieg gegen den Islam wird darin reproduziert und als unumstößliche Wahrheit dargestellt. Das der Erstschlag gegen die freie Welt mit der Achse Berlin-Bagdad in das 19.Jahrhundert startete und eben nicht auf die Interventionen des Westens zurückgeht wird dabei ebenso verschwiegen wie der mörderische Antisemitismus, der bei Demonstrationen in Gaza und Deutschland zutage tritt und Resultat dieser Anschauung von „Frieden“ und „Paradies“ ist. Naidoo stilisiert eine imperialistische und klerikalfaschistische Bewegung zur Freiheitsfront gegen den Westen und offenbart damit auch den wahren Feind seiner Friedensutopie, die Freiheit und Selbstverantwortung.

Nie mehr Krieg, nie mehr Krieg
wenn wir das nicht sagen dürfen dann läuft doch etwas schief
doch wer vom Krieg profitiert
ist irritiert wenn er sein Propagandakrieg verliert

Dem Refrain liegt neben seinem anzüglich Kitsch noch das typische Paradoxon von Verschwörungsideologien zugrunde. Die Behauptung, etwas nicht sagen zu dürfen, was doch permanent geäußert wird, ist in sich schon so unlogisch, dass es dem Interpreten selbst auffallen müsste. Dass es das nicht tut ist nur ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr Naidoo schon in seiner Welt gefangen ist. Nebenbei erwähnt er noch den Mythos und antisemitischen Topoi einer „gelenkten Presse.“ Wie auch hier üblich wird vergessen, dass Menschen wie Jürgen Todenhöfer nach wie vor in respektablen Zeitungen schreiben können, obwohl sie doch Naidoo’s Weltbild in großen Teilen selbst propagieren.

Wir rüsten ab und nicht auf
immer noch Schwerter zu Pflugscharen
die Schwerter sind verkauft
Okay ich habe noch eins
Aber es kommt aus dem Mund
ansonsten habe ich keins

In gewohnter Überheblichkeit bezeichnet Naidoo sein Wort als Schwert, das mit den Lügen aufräumt und der Wahrheit und dem Frieden den Weg bahnt. Hier gesellt sich zum narzisstischen Komplex und Highlander-Heroik noch biblische Symbolik. Das Schwert, welches aus dem Mund kommt ist eine Anspielung auf Jesaja 49:2 in der Jesaja sich als Prophet bekennt, der die Lügen der Reichen anprangert und Fürsprecher der Armen und Unterdrückten ist. Naidoo sieht sich offensichtlich in einer Rolle als Prophet, eine solche Funktion schrieb er sich auch schon früher zu. [8] [9] Ein weiteres Bibelzitat stellt „Schwerter zu Pflugscharen“ dar, da es aber auch eine Parole der Friedensbewegung war, muss hier eine weitere Symbolik nicht angenommen werden. [10]

Fassen wir zusammen. Xavier Naidoo verstrickt sich weiter in seinen Fanatismus aus Heroik, Narzissmus, Paranoia und Größenwahn. Die immer abstruseren Verschwörungstheorien führen zum aggressiven Komplex eines sich immer um sich selbst kreisenden pathologischen Narzissten, der keine Selbstreflexion mehr kennt und einer kapitalistischen Verschwörung die Schuld am Elend der Welt und seinen eigenen Popularitätsverlusten gibt.

 

[1] https://www.youtube.com/watch?v=SpnYI_5Ni8Q

[2] http://www.zeit.de/kultur/musik/2012-11/xavier-naidoo-savas-homophobie

[3] http://www.sueddeutsche.de/kultur/friedenssong-xavier-naidoo-erklaert-dem-krieg-den-krieg-1.2767374

[4] http://tapferimnirgendwo.com/2015/12/04/muslime-tragen-den-neuen-judenstern-xavier-naidoo/

[5] http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-07/merkel-islam-deutschland

[6] http://www.zeit.de/2015/09/christian-wullf-angela-merkel-islam-deutschland

[7] http://www.welt.de/politik/deutschland/article106396522/Muslime-die-hier-leben-gehoeren-zu-Deutschland.html

[8] http://bibeltext.com/isaiah/49-2.htm

[9] http://www.welt.de/kultur/pop/article133167852/Xavier-Naidoo-der-Prophet-des-rechten-Glaubens.html

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Schwerter_zu_Pflugscharen

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s