Die Freiwirtschaft nach Gesell

Durch die Krisen des Finanzsystems und der kapitalistischen Vergesellschaftung erfreuen sich viele alternative Modelle einer neuen Beliebtheit. Ganz besonders die freiwirtschaftliche Form der Zinskritik genießt eine neue Rezeption, vor allem in verschwörungstheoretischen Kreisen, was kein Zufall ist, sondern an den Prämissen der Freiwirtschaftslehre liegt.

Die zinskritische Lehre wurde von Silvio Gesell begründet. Er war ein deutscher Kaufmann und Wirtschaftstheoretiker, der von 1862 bis 1930 lebte. In seinen Werken spiegelt sich Sozialdarwinismus und Antisemitismus gleichermaßen, im Kontext der Zeit betrachtet waren diese aber wenig ungewöhnlich.

Was ist Freiwirtschaft?

Die Freiwirtschaftslehre sieht in der Zinsnahme eine Gefahr für die „natürliche Marktwirtschaft.“ Die Marktwirtschaft gilt dabei als Naturgesetz, wohingegen der Zins ein künstliches Konstrukt ist, dass der Bereicherung einer dunklen Elite dient. Dazu soll das Konzept der Geldentwertung in regelmäßigen Abständen umgesetzt werden, damit Finanzen nicht angespart werden, sondern in den Geldkreislauf zurück eingespeist werden. Auch sehen die Vertreter in der Deckung der Währung durch Gold eine Gefahr, da diese bei Goldmangel zu Deflation und Goldüberschuss zu Inflation führen würde. [1]

Neben der Kritik am Zinssystem übte Gesell auch Kritik an der sogenannten „Bodenrente.“Das Recht auf den Besitz auf Land sah er als eine Quelle für Reichtümer an, die ohne Leistung erreicht wurden. Da Land aber von Natur aus niemandem gehöre, sei es als Teil der Natur auch nicht zu verkaufen und müsse allen gleichermaßen zur Verfügung stehen. So solle Boden in die öffentliche Hand übergehen und private Nutzung müsse von einer staatlichen Behörde erst genehmigt werden. Werner Onken, einer der umtriebigsten Gesellianer in Deutschland schreibt dazu:

„(…) Im Gegensatz zu Damaschkes Bestreben, bei Fortbestand des privaten Bodeneigentums lediglich den Wertzuwachs zugunsten der Allgemeinheit zu besteuern, folgte Gesell dem Vorschlag Flürscheims, den Boden gegen eine Entschädigung der bisherigen privaten Eigentümer in die Hände des Staates zu überführen und zur privaten Nutzung an Meistbietende zu verpachten. Solange der Boden eine private Handelsware und ein Spekulationsobjekt bleibe, werde die organische Verbindung des Menschen mit der Erde gestört. Anders als völkischen Ideologen ging es Gesell nicht um eine Verbindung von Blut und Boden. Als Weltbürger betrachtete er die ganze Erde als ein Organ jedes einzelnen Menschen. Alle Menschen sollten unbehindert über die Erde wandern und sich unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe und Religion überall ansiedeln können. [2]

Onken ignoriert dabei wie so oft, dass die Wahrnehmung des Privateigentums und der damit einhergehenden Individualisierung als „unnatürlich“ selbst schon völkisches Denken ist. Denn in einer Kritik an der angeblichen Entfremdung von der Natur durch Individualisierung ist der Wunsch enthalten, eine Homogenisierung voranzutreiben. Homogenität trägt dabei aber stets die Züge faschistoiden Denkens. Auch die Formulierungen des „Weltenbürgers“ und der Welt als „Organ der Menschheit“ sind keine emanzipatorischen Wünsche nach Gleichwertigkeit, sondern nach Gleichheit.

Nun noch der letzte Punkt, der für die Freiwirtschaftslehre zentral ist, der Freihandel. Abbau von nationalen Wirtschaftshindernissen ist aber derzeit eine Forderung der meisten Ökonomen, weswegen hier die Freiwirtschaft mit keinem großen Widerstand zu rechnen hat.

Was sind die (ökonomischen) Probleme der Freiwirtschaftslehre?

Angesichts der Tatsache, dass die meiste Kritik an den Theorien Gesell’s auf dem Vorwurf des strukturellen Antisemitismus beruht (welcher nachher ausführlich behandelt wird) könnte den Eindruck vermitteln, dass sie ökonomisch dabei vollkommen tauglich wäre. Fakt ist dagegen, dass die Theorie schon an fundamentalen Punkten krankt:

  • Die Behauptung, Zinsen wären unnatürlich ist in sich nicht schlüssig. Es liegt in der menschlichen Präferenz, zeitweise mehr zu brauchen, als zur Verfügung steht, weswegen Leihe notwendig wird. Da aber niemand Geld verleihen würde, wenn es keine Garantie gäbe, es irgendwann zurück zu erhalten, sind Zinsen die einzige Möglichkeit, diese Absicherung zu bekommen.
  • Schwundgeld, also die stückweise Entwertung führt NICHT wie behauptet zu einem gleichmäßigen Kapitalfluss. Vielmehr würden die Menschen vor den Stichtagen der Abwertung all ihr Geld loswerden wollen und somit den Markt mit Geld überschwemmen, das keiner haben möchte, weil es bald daraufhin weniger wert sein würde. Jeder 4.klassige BWLer sieht hier durch ein gigantisches Angebot ohne Nachfrage einen massiven Preisverfall und damit auch eine künstliche Inflation.
  • Kredite könnten nicht mehr verliehen werden, da durch die Vergabe nicht nur kein Gewinn, sondern auch ein nicht unwahrscheinlicher Verlust erwartbar wäre. Wenn aber somit keine Hilfe für junge Unternehmen o.Ä. geleistet werden könnte, die ohne Kreditvorschuss keine Infrastruktur aufbauen können, dann wird auch nicht Wohlstand, sondern fehlende Effizienz das Produkt sein. [3]

 

Was macht die Freiwirtschaft strukturell antisemitisch?

In der Freiwirtschaftslehre von Gesell wird neben seinem offenkundigen Sozialdarwinismus auch eine Vorstellung des Menschen deutlich, die an organisches und ökologisch-esoterisches Denken anknüpft. Der Mensch ist in seiner Begrifflichkeit etwas, dass scheinbar außerhalb der Natur steht, da er sich aus eigener Kraft von ihr entfremden kann, das aber auf keinen Fall entfremdet werden darf. So kommt man über die angenommene Verwurzelung des Menschen zum Land und Grundbesitz zu einem völkischen Bild, eben genau der Blut-und-Boden-Ideologie, die Werner Onken leugnet.

Gesell verurteilt die unproduktiven Möglichkeiten, Geld zu verdienen und setzt damit den Besitz gleich der Wertigkeit der Arbeit. Seine Kritik gilt also den „Bonzen,“ die nicht in ehrlicher und dem Volke zugute kommender Arbeit ihr Geld verdienen, sondern durch Zinsen und Bodenrente. Die dabei imaginierte dunkle Elite ist dabei Träger genau jener Eigenschaften, die Antisemiten den Juden anlasten, nämlich Raffgier, Kontrollsucht und destruktive Freude an der Zerstörung, sodass Gesells ganzes Denken sowie das Denken seiner Mitstreiter kompatibel zu antisemitischen, antiamerikanischen und reduktionistischen Verschwörungstheorien ist.

 

[1] http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/die-weltverbesserer/silvio-gesell-ist-der-erfinder-des-schrumpfgeldes-13016321.html

[2] http://www.inwo.de/einstieg/ansicht-einstieg/kurze-einfuehrung-in-die-freiland-freigeld-theorie-von-silvio-gesell-und-ihre-geschichte/

[3] http://www.hgcn.de/pdf/PDV_freiwirtschaft.pdf

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