Ab wann ist Israelkritik antisemitisch?

Provokanterweise habe ich schon eine antisemitische Titulierung im Titel platziert. Der Terminus der Israelkritik bedeutet nämlich schon eine Kritik am Staat per se und trennt eben nicht, wie oft behauptet, zwischen jüdischer Bevölkerung und dem Handeln des nationalstaatlichen Konstruktes Israel. Ja, es ist ein künstliches Konstrukt. Wie jeder andere Staat auch und das darf man auch sagen. Doch allein die Verwendung dieses Begriffes bedeutet eine Kritik an der Existenz und nicht an einzelnen Maßnahmen. Über dieses Thema wurden schon viele Texte verfasst, weswegen manche sich auch wundern mögen, dass ich einen weiteren für nötig erachte, betrachtet man auch allein die recht kleine Reichweite dieses Blogs, im Vergleich zu anderen. Doch in meinen Augen sind zwar die bereits genannten Punkte richtig, sie sind aber zu kurz gefasst. Hier werden kurz die Punkte zusammengefasst, die im Netz gegen Nazis aufgelistet werden [1]:

  • Israel das Existenzrecht absprechen
  • Handlungen Israels mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust gleichsetzen
  • Jüdinnen und Juden oder auch nur alle Israelis für die Handlungen der israelischen Regierung verantwortlich machen
  • Israel als das personifizierte Böse in der Welt darstellen
  • in der Israelkritik alte antisemitische Bilder und Ressentiments verwenden
  • „Kindermörder Israel“ skandieren
  • Israel fragen, ob es denn nichts aus der Geschichte gelernt hat, denn dann würde es ja keine Gewalt und kein Leid über andere Menschen bringen.
  • Täter-Opfer-Umkehr betreiben

All diese Punkte sind richtig, doch sie schaffen es nicht, subtile Delegitimierungen als das zu benennen, was sie sind, nämlich Antisemitismus. So stellt auch schon die reine Faktenresistenz eine Form davon dar. Wer die Fakten, die ihm zur Verfügung stehen, nicht zur Kenntnis nimmt, sondern stur auf antiisraelischen Propagandaaussagen beharrt, der ist ebenso ideologisch. Wer zum Beispiel darauf beharrt, den Schutzzaun um Israel als Apartheid zu bezeichnen, obwohl die Effektivität belegt ist und ein Staat jedes Recht hat, seine Bürger zu schützen, der möchte damit Verantwortlichkeiten ohne Bezug zu schaffen, um Israel für Dinge kritisieren zu können, die nicht zutreffen. Man füge also den Punkt der Faktenverleugnung hinzu. Desweiteren ist die Verwendung des Begriffs „Israelkritik“ selbst eine Form der Verleugnung des Existenzrechts, obwohl dieses nicht direkt geleugnet wird. Denn was soll Kritik an Israel anderes sein als eine Kritik am Staat selbst und damit eine Delegitimierung? Sogar das Netz-gegen-Nazis hält an dieser Begrifflichkeit fest und macht sich somit willentlich zum Willensvollstrecker antisemitischer Vorstellungen und Wünsche.

Was auch nicht erwähnt wird ist die Fixierung auf Israel. Im Anbetracht der geographischen Konkurrenz ist es doch befremdlich, dass man dem einzigen demokratischen Rechtsstaat ein so kritisches Auge „gönnt,“ wohingegen andere Interessengruppen vor Ort doch noch durch soziologische Stimmungsmuster von Verantwortung entlastet werden. So ist die Frustration der Sunniten verantwortlich für den Islamischen Staat, die Diskriminierung der Alawiten der Grund für Assads Fassbomben und die Intifada nur der israelischen Besatzung zu verdanken. [2] [3] [4]

Der Antisemitismus wird auch darum nicht erkannt, weil er schlicht und ergreifend zum schon normal gewordenen Denkmuster der meisten Deutschen geworden ist. Die meisten Formen der angeblich legitimen „Israelkritik“ sind nichts anderes als Opferprojektionen und Kausalitätenverdrehungen. So ist der Konflikt mit den Palästinensern nicht dem mangelnden Willen der israelischen Regierung zu erklären, sondern mit dem Angriff auf den gerade gegründeten Staat im Jahr 1948 mit der breiten Unterstützung palästinensischer Araber. Die Titel zum Beginn der 3.Intifada zeigen aber schon, dass selbst die etwas pro-israelischeren deutschen Journalisten niemals auf den Gedanken kämen, den Islam verantwortlich zu machen oder die islamistische Vernichtungsideologie der Hamas.

Kurz gesagt, die herkömmlichen Begriffe schaffen es nicht, zwischen den Zeilen zu lesen, sie bleiben Plattitüden, die jeder ernsthafte Antisemit leicht umgehen kann. De facto sind sie eine Rückversicherung angeblicher Antifaschisten, um weiterhin die alten Muster beibehalten zu können und dabei oberflächlich doch ein kritisches Gesicht zu wahren.

 

[1] http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/wann-wird-israelkritik-eigentlich-antisemitisch-9608

[2] http://www.zeit.de/2015/49/sunniten-nahe-osten-staat-sunnistan

[3] http://www.taz.de/!5038746/

[4] http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-das-verhaeltnis-zwischen-alawiten-und-dem-assad-regime-a-922776.html

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