Theorie des kritischen Denkens

Vor einiger Zeit schrieb ich eine kurze Zusammenfassung, was kritisches Denken in meinen Augen darstellt. Ich möchte das hier ausweiten, vielleicht sogar den Beginn eines grundsätzlichen programmatischen Artikels machen.

Kritisches Denken ist das, was die meisten, wenn nicht gar alle, Parteien in der Debatte für sich beanspruchen. Was sie dabei als den Grundstein dieser Annahme deklarieren ist die Tatsache, dass sie tatsächlich alle dogmatische Prinzipien hinterfragen. Da es sich dabei aber meist um die Ideologie des Gegenübers und nicht die eigenen Voraussetzungen handelt, ist auch die propagierte Meinung nicht kritisch. Doch was ist überhaupt kritisch? Hierbei gibt es wohl mehrere Annahmen (natürlich noch weitaus mehr, doch diese sind in meinen Augen die Wichtigsten. Sie werden nur skizzenhaft beleuchtet):

  1. Kritisches Denken hinterfragt alles und leugnet den Wahrheitsgehalt jeder Aussage bis zum Beweis dessen erst einmal. (Empirismus) [1]
  2. Kritisches Denken nimmt die Möglichkeit des Anderen auf und führt den Gedanken weiter bis zu logischen Widersprüchen oder dem Beweis der Richtigkeit der These. (kritischer Rationalismus) [2]
  3. Kritisches Denken ist überhaupt nicht möglich, da alle Annahmen und Richtigkeiten auf subjektiver Erfahrung basieren. (kritische Theorie/Poststrukturalismus) [3]
  4. Das Sinnliche ist das Wahre und wird durch das Denken erst verfälscht. (Nietzsche) [4]

In der Debatte über derzeitige politisch relevante Themen wird zumeist nicht eine dieser Methoden verwendet, wir befinden uns in einer Zeit der Emotionalisierung, die in rationalem Kalkül vorangetrieben wird. Doch aus was sich am meisten bezogen wird ist die persönliche Erfahrung, also der subjektive Eindruck, der verallgemeinert werden kann und universellen Anspruch besitzt. Man mag das als reines Vorurteil abtun, aber die einfache Erklärung ist selten die Wahrheit und erfasst nur minimal, was das Problem ist. Das Problem ist nämlich, dass wir einen falschen Kritik-Begriff herangezüchtet haben, eine falsche Vorstellung von Aufklärung und Bildung. Bildung selbst ist hierzulande nämlich das Lernen und Annehmen von Fakten, ohne diese selbst zu hinterfragen. Wer die meisten Jahreszahlen aufzählen kann, der gilt als intelligent. (die Vermischung der Begriffe „Intelligenz“ und „Bildung“ ist ein anderes Risiko unserer Weltanschauung) Um einen Satz zu verwenden, den ich an anderer Stelle geschrieben habe: „Wer zugibt, wenig zu wissen gilt als unkritischer als der, der vorgibt, alles zu wissen.“ Doch eben das ist die Verkehrung der Tatsachen. Das kritische Denken muss (meiner Meinung nach) in diesem vorerst noch formelhaft skizzierten Schema verlaufen:

  1. Die Annahme des Sinnlichen als erste Wahrheit. Die erste Information, die wir erhalten wird zuerst als Wahrheit oder Richtigkeit zugrunde gelegt. Dabei ist irrelevant, ob die Information sich später als wahr oder falsch herausstellt, sie ist die einzige Basis, von der aus wir handeln können.
  2. Prüfung der Möglichkeit, an weitere Informationen zu kommen. Wenn diese gegeben ist, werden die neuen Informationen abgeglichen mit den bereits Erhaltenen. Diese werden auf Unstimmigkeiten sortiert und wenn möglich durch weitere Recherche überprüft.
  3. Erstellung von Weltanschauungsclustern. Die Informationen werden in Gruppen zusammengefasst, die in sich schlüssig sein sollen. Informationen, die mit allen anderen kollidieren werden vorerst verworfen (mit dem Erhalten neuer Informationen können sie auch wieder aufgenommen werden).
  4. Abgleich mit der eigenen Erfahrung und bereits Bekanntem. Hier wird danach geordnet, was aufgrund bereits geschehener Vorkommnisse am Plausibelsten erscheint und sich am besten einpasst.
  5. Theorien mit zu vielen unüberprüfbaren Annahmen werden fallen gelassen. Diese Methodik, auch Ockham’s Rasiermesser genannt, ist zwar nicht immer richtig, allerdings unverzichtbar, wenn der Informationsfluss gebändigt werden soll. Eine Theorie, die mit zu vielen unbeweisbaren Zusatzannahmen gespickt werden muss ist für den Alltag und die Beurteilung von Geschehnissen unbrauchbar und damit unnütz, selbst wenn sie sich als richtig herausstellen sollte.

Dieses Denkmuster soll in Zukunft auf die hier erscheinenden Artikel auch angewandt werden. Spekulationen werden natürlich nicht ausbleiben (sie sind schließlich falsifizierbar), aber markiert und klar als reine Mutmaßung deklariert. Die politische Debatte muss wieder zu den Grundlagen der Erkenntnistheorie zurückkehren, falls die Demokratie weiter erhalten bleiben soll.

 

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Logischer_Empirismus

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Kritischer_Rationalismus

[3] http://www.soziologie.uni-jena.de/soziologie_multimedia/Downloads/LSRosa/Gertenbach/Kulturell_Ubw+_+ad+hoc_gruppe.pdf

[4] Nietzsches Erkenntniskritik

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s