Der linke Sozialdarwinismus

Was auf den ersten Blick wohl widersprüchlich klingt, ist derzeitige Praxis in der linken, sogar linksradikalen Realität. Und zwar in der Kombination mit Solidarität mit den Geflüchteten. Diese ist dabei keineswegs verwerflich, sondern unbedingt beizubehalten, einerseits aus offenkundigem Humanismus, andererseits um dem deutschen Nationalismus keine Angriffsfläche zu bieten. Wer Rassist*innen als Kollektiv als arbeitslose und gescheiterte Existenzen auffasst, der wird der Komplexität des rassistisch-völkischen Denkens nicht gerecht. Es handelt sich nicht ausschließlich um Neid oder Angst. Diese nähren das Weltbild, aber sie produzieren es nicht. Wer nun eine Bewegung wie Pegida damit kritisiert, sie seien arbeitslose und dumme Individuen ohne Existenz und eigenes Leben, der greift damit nicht nur zu kurz, er betreibt lediglich eine andere Form der antiemanzipatorischen Gesellschaftskritik. Diese Menschen sind nicht darum „schlecht,“ weil sie keine Arbeit finden oder ungebildet sind, sie sind es, weil sie jegliches Mitgefühl zugunsten eines eigenen (imaginierten) Vorteils aufgeben und das als Rationalität preisen. Die Linke kritisiert an Pegida völlig zurecht, dass sie eine Trennung der Menschen in Kollektive vornimmt, die so gar nicht existieren und das völkische Denken in eine Referenz der Theorie unterschiedlicher, vollkommen unbeeinflussbarer Kulturkreise umwandelt. Der Rassismus gilt plötzlich nicht mehr als die Ablehnung falschen Blutes, sondern, zumindest vorgeblich, der falschen Erziehung. Man kann an dieser Denkweise viel Kritik formulieren, aber keine Kritik ad personam, und eine solche stellt die Bewertung durch persönliche Leisung dar.

Das ausgerechnet die radikale Linke so begeistert dabei ist, den Wert eines Menschen anhand seines angeblichen Nutzens für die Gesellschaft zu berechnen, ist nur für das ungeübte Auge widersprüchlich. Claudia Roth äußerte angesichts der Flüchtlingskrise den Satz: „es werden auch Einige kommen, die sind nicht unmittelbar verwertbar.“ *1 Zusätzlich wird gerne mit dem ökonomischen Nutzen der Flüchtlinge argumentiert *2 (etwas älterer Artikel, die Argumentation bleibt aber bis heute gleich), der ja soviel größer wäre wie der, den die Nazis uns brächten. Das kann sein. Ob das so ist oder nicht ist aber vollkommen unwichtig. Den ein Mensch hat eine Grundwertigkeit, die man gesellschaftlich festlegen muss, um so der Willkür ewiger Selbstjustizler und Volksaufständler vorzubeugen. Kritik an einem Menschen, weil er gescheitert ist ist ein bürgerlicher Reflex unter dem Dogma, „jeder ist seines Glückes Schmied,“ sie sieht weder ein, dass auch Sachzwänge existieren und das jeder Gescheiterte gleichsam auch Opfer eines Systems sein muss, dass ihn sein ganzes Leben lang prägte, noch, dass der Fetisch des Aufstiegs ein typisches Bild des agonalen Wettbewerbsbildes ist und damit des Kapitalismus selbst. Die Linke verharrt damit in einer System-Kritik, die sich den Standards eben dieser Gesellschaftsform bedient und mit diesen auch nur Variationen des Alten hervorbringen kann. Wer keine Leistung erbringt, der soll auch nicht kritisieren dürfen/am politischen Diskurs teilhaben. Ironischerweise forderte das vor etwas über einem Jahr der AfD-Politiker Konrad Adam. Scheinbar sind sich die elitäre Linke und die Rechte nicht nur im Bezug auf Israel und USA einig, sondern auch in der Minderwertigkeit von Nicht-verwertbaren. Das sie dabei nicht so weit gehen und teilweise doch wieder etwas Empathie zeigen ist zwar ein Zeichen dafür, dass noch nicht alles verloren ist, dennoch sollte man seine eigene Argumentation auch hinterfragen, bevor man sie verwendet. Der Grund für die Aufnahme von Flüchtlingen DARF nicht deren ökonomischer Nutzen sein, sondern nur die Menschlichkeit. Andernfalls kann man auch als bürgerlicher Etatist die Flüchtlinge willkommen heißen und muss die Gesellschaft nicht im Gesamten kritisieren, sondern verwendet weiter ihre Standards.

Um es noch einmal zusammenzufassen:

  1. Nicht jeder Flüchtling ist, wie Claudia Roth so schön sagte, „verwertbar.“ Das macht ihn nicht weniger zu einem Individuum, das unter das noch existierende Grundrecht auf Asyl fällt. Es ist in diesem Fall eventuell irrational, ihm zu helfen, aber eine Gesellschaft, die die Moral verwirft als rein irrationales und nicht-funktionales Konstrukt ist nicht minder irrational, weil sie davon ausgeht, mit imaginierter Rationalität ein freieres System erschaffen zu können und nicht die Katastrophe totaler Entindividualisierung.
  2. Die Wut und Radikalität der Rechten ist zwar häufig beruflicher Aussichtslosigkeit geschuldet, ihr Weltbild ist es nicht. Dieses ist ein Konglomerat aus frühsozialistischer Kritik am Finanzkapital, einem falschen Volksbegriff der kulturellen Unabänderlichkeit und ein nationalistischer Ego-Ersatz.
  3. Argumentationen über die Nützlichkeit des Menschen ignorieren, dass sie dem selben System entstammen, das für massenhafte Abschiebung verantwortlich ist. Mehr als Fluchtursachen und Rassismus reproduzieren kann sie darum nicht und ist auch weder „links“ noch emanzipatorisch.

*1) https://www.youtube.com/watch?v=MiHjeFbTc7w

*2) http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fluechtlinge-als-wirtschaftsvorteil-migration-zahlt-sich-aus-1.2178449

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