Rückkehr der „deutschen“ Mentalität?

Nachdem die FPÖ in Wien knapp 30% erhielt, *1 in Ungarn die Partei Jobbik nach wie vor drittstärkste Kraft ist und der Front National eventuell bald die Regierung in Frankreich stellen könnte, ist natürlich die Frage zu stellen, woher dieser Trend kommt. Putin führte Europa vor, Flüchtlinge stellen Nationen vor identitäre und logistische Probleme, das System der EU erweist sich als unflexibel und unmoralisch. Die Krise des Westens und der Moderne schlägt sich somit nicht in dem Wunsch nach einer Aufhebung des Seienden zur Anstrebung des Freieren nieder, sondern im Ruf nach kleinen Gesellschaften von Gleichen. Das das „deutsche“ Wesen den größten Erfolg außerhalb Deutschlands hat, obwohl Pegida Tausende auf die Straße bringt und Homophobe in Stuttgart gegen die Gleichberechtigung demonstrieren, mag dabei aber verwundern. Fast könnte man meinen, Deutschland habe tatsächlich aus seiner Geschichte gelernt. Das dem nicht so ist, sah man bei den Protesten gegen TTIP. Ob diese per se falsch sind soll an dieser Stelle gar nicht diskutiert werden, sondern ob sich in Teilen der Bewegung nicht die deutsche Mentalität wieder Bahn brach. Zumindest der Wunsch nach Lynchjustiz trat eindeutig zu Tage. *2 Abgesehen davon, dass es sich hier um den Straftatbestand der Volksverhetzung und eine Anstiftung zum Mord zeigt, sieht man auch daran eine Form nationalen Hochmuts. Die meistbekannte Verwendung der Guillotine war diejenige in der französischen Revolution, als ein frühsozialistischer und nationalistischer Sturm gegen die Monarchie losbrach und Adlige sowie Geistliche in großen Massen hingerichtet wurden, vor den Augen eines jubelnden Volkes und der entindividualisierten Barbarei. Der Frühsozialismus mit seinem Hass auf eine reiche Minderheit, nationalistischen und völkischen Tendenzen sowie der Verherrlichung des gemeinschaftlichen Elends ist der nationalsozialistischen Mentalität sehr ähnlich. Seine einfachen Erklärungen machen ihn attraktiv. Während Pegida mit ihrem befremdlichen Galgen *3 an die Tradition des antifreiheitlichen Mittelalters, quasi die radikaldemokratische Form der Lynchjustiz durch eine Volksgemeinschaft, anknüpft, ist der Protest gegen TTIP gleichzeitig auch antibürgerlich. Beide Gruppen sind demokratisch und sind es gleichzeitig nicht. Das macht sie auch so „deutsch“ in ihrer Ausrichtung. Die deutsche Revolution des Nationalsozialismus war eine Herrschaft des Volkes und damit demokratisch, sie blieb es aber darüber hinaus nicht, weil diese Revolution gleichzeitig die Aufhebung des Individuums in der Masse bedeuten musste. Eine Demokratie ohne Individuen kann es aber nicht geben. Von dieser Art sind die Proteste der Pegida. Die Proteste gegen TTIP hingegen sind nicht wirklich als links oder rechts zu qualifizieren. Sie teilen die Ideologie eines völkischen Antiimperialismus, welcher sich vor allem gegen Kulturexporte richtet, das antibürgerliche Ressentiment der angeblichen Realitätsferne höherer Schichten und die Feindschaft gegen Abstraktionen. Die Kritik am Kapitalismus muss, wenn sie noch einen Hauch von Rationalität tragen soll, auf das Abstrakte zielen und nicht auf Chlorhähnchen und Genfood. Das machen aber die TTIP-Hasser größtmehrheitlich und darum sind sie eben die neue Verkörperung des „Deutschen.“ Die Angst vor der Abstraktion und einem daraus resultierenden Natürlichkeitsfetisch und regressiven Antikapitalismus.

*1) http://www.welt.de/politik/article147479350/Der-Hetz-Wahlkampf-der-FPOe-blieb-ohne-Erfolg.html

*2) http://www.welt.de/debatte/kommentare/article147473285/Wie-sich-Linke-und-Rechte-gegen-TTIP-verbuenden.html

*3) http://www.tagesspiegel.de/politik/pegida-demo-in-dresden-cem-oezdemir-galgen-grenzt-an-aufruf-zu-mord/12441998.html

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